Wounded Time

Mönchengladbach (hoh) – „Die Auswahl der Werke zu den jeweiligen Dekaden stellt Positionen nebeneinander, die man normalerweise nicht zusammen sieht“ faßt Museumsdirektor Dr. Veit Loers das Konzept zur bemerkenswerten Ausstellung „Wounded Time – Avantgarde zwischen Euphorie und Depression“ zusammen, die noch bis zum 20. August 2000 im Städtischen Museum Abteiberg in Mönchengladbach zu sehen ist.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den Arbeiten des Filmpioniers David W. Griffith über herausragende Exponate aus der Expressionistensammlung Dr. Walter Kaesbachs, Wandtafelzeichnungen des Anthroposophen und Künstlers Rudolf Steiner und Skulpturen des italienischen Bildhauers Leoncillo zu der raumgreifenden „Gartenplastik“ von Dieter Roth und den eigenwilligen Installationen des jungen Hamburger Künstlers Jonathan Meese. Diese subjektive Konzentration auf einzelne Positionen der Avantgarde erlaubt eine höchst interessante und spannende Betrachtung der Kunst von den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis zur aktuellen Kunstszene. Dr. Veit Loers will die Präsentation der Exponate als „visionäre Kette“ verstanden wissen, die das 20. Jahrhundert zwischen den Polen Expressionisten und Meese umschließt.

Mit der thematisch breit gefächerten Ausstellung soll die Frage diskutiert werden, wie sich die Kunst des 20. Jahrhunderts im kritischen Rückblick präsentiert: was wird sich weiterhin etablieren können oder gar als wegweisend behaupten und was wird letztlich in dem immer schneller rotierenden „Kunstzirkus“ nur noch mit dem Etikett „verschollen“ bedacht ? Dabei entzünden sich Diskussionen über die Wirkung von Kunst, Kontinuität und Wandlung auch an der Gegensätzlichkeit des Gezeigten. Die architektonisch vorgegebene offene Raumsituation unterstützt das experimentelle Konzept der Präsentation.

Bezeichnenderweise beginnt die Ausstellung nicht mit dem traditionellen Tafelbild, vielmehr mit dem Medium Film und endet mit Installationen, in denen Schrift, Zeichen, Fotokopie, Fotografie und Video im Zeitalter der medialen Informationsflut bewußt als disparate Element verknüpft und als gleichberechtigte „bildnerische“ Mittel eingesetzt werden.
Die beiden 1909 entstandenen Kurzfilme „A Corner in Wheat“ (Der Weizenkönig) und „The Country Doctor“ (Der Landarzt) von David W. Griffith (1875-1948) demonstrieren, daß ohne das Medium Film das Phänomen der Avantgarde im Rückblick nicht denkbar ist.

Im Foyerbereich, des Museums wird der Besucher zunächst mit einigen Porträts jenes Mannes konfrontiert, der für die Stadt Mönchengladbach und ihr Museum von großer Bedeutung ist: Der Kunsthistoriker Dr. Walter Kaesbach, 1879 in Mönchengladbach geboren, stiftete 1922 seiner Heimatstadt eine umfassende Expressionistensammlung, die den Grundstein für die öffentliche Sammlung legte.

Die Ausstellung „Wounded Time“ präsentiert – bereichert durch zahlreiche Leihgaben weiterer Museen – erstmals einen Großteil dieser ehemaligen Privatsammlung, die unter den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde und zum Teil noch heute als verschollen gilt.
Zu sehen sind bedeutende Arbeiten u.a von Otto Mueller, August Macke, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Hermann Max Pechstein und Heinrich Campendonk. Bilder wie „Irre beim Essen“ von Erich Heckel (1913) und „Gehetzter“ von Christian Rohlfs (1918), aber auch bildnerisch umgesetzte Utopien wie „Badende“ von Erich Heckel (1912) können durch ihre Thematik als Seismograph ihrer Zeit verstanden werden und stehen repräsentativ für den programmatischen Titel der Ausstellung.

Daß Kunst keinem Dogma, vielmehr ständiger Veränderung unterliegt und nachfolgende Generationen nach neuen Antworten suchen sowie innovative Sichtweisen und Interpretationsansätze liefern, belegen auch die imaginären, fast visionär wirkenden Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners aus den Jahren 1921 – 1925, die erst nach mehreren Ausstellungen in bedeutenden Museen im nachhinein zur Kunst erklärt wurden. Die auf schwarzem Packpapier gezeichneten Ideen und Theorien zum Teil in Form von rätselhaft erscheinenden Zeichen und Symbolen verweisen im Zusammenhang mit seinen Vorträgen bereits in Richtung Concept Art.

Zu sehen sind auch sogenannte „Filmstills“ der dreißiger Jahre aus Hollywood, Standbilder, die in der Regel vor Drehbeginn zu Werbezwecken festgehalten wurden. Diese „Stills“ konfrontieren den Betrachter mit Schauspielern wie Greta Garbo, Marlene Dietrich, Joan Crawford und James Cagney und repräsentieren durch die Inszenierung einer bewußt artifiziellen, glamoureusen Fantasiewelt ebenfalls ein Stück „Zeitgeschichte“.

Ebenfalls in der Ausstellung präsentiert werden die großformatigen Teracotta Skulpturen des italienischen Bildhauers Leoncillo (1915-1968), die trotz ihres expressiv wirkenden Ausdrucks dem Informel nahestehen. Die Ausstellung zeigt die monumentalen Arbeiten „S. Sebastiano I und II“ (1962), ein ikonenhaftes, an einen Monolithen erinnerndes Skulpturenpaar und „Racconto die notte“ (1961). Allen Ausstellungsstücken ist die bedrohliche Ausstrahlung der bewegten Struktur der Materie gemein. Bei Leoncillo taucht der Werktitel „Wounded Time“ – im Sinne einer allgegenwärtigen Präsenz der Gefühle – auf. Die Bedeutung und Tragweite von Phänomenen wie „Zeitgeist“ läßt sich am Werk von Leoncillo erahnen, dessen informelle Skulpturen heute noch nahezu unbekannt sind.

Der ehemalige Fluxuskünstler Dieter Roth (1930-1998) ist auf der Ausstellung durch eine eigenwillige, konzeptuelle Arbeit präsent. Die raumgreifende 7 Meter hohe Skulptur „Gartenplastik“, die sowohl humorvolle als auch melancholische Züge zugleich birgt, wurde von seinem Sohn Björn Roth erstmals in dieser Größe in Deutschland aufgebaut.
Die monumentale Plastik – ein Schiff symbolisierend – wuchs seit 1970 – zu diesem Zeitpunkt stand sie in ihrer Urform im Garten eines Freundes in Köln – als Materialisierung von Ideen vergleichbar der Realisierung des Merzbaus von Kurt Schwitters. Roth fügte im Laufe der Zeit Pflanzen, Stühle, Geräte und andere Gegenstände und verderbliche Objekte hinzu. Roth bezieht den organischen Verfall der Materialien als ästhetischen, sichtbaren Prozeß bewußt in sein Werk ein. Zahlreiche Assoziationsmöglichkeiten, die sich an der auffälligen Vanitas-Symbolik entzünden, lassen die Rezeption zum spannenden Erlebnis werden. Das Verständnis, Kunst als Prozeß aufzufassen, stellt eine mögliche Verbindung zu den Installationen Jonathan Meeses dar, die den Schlußpunkt der „Stationen“ setzen.

Der Hamburger Künstler Jonathan Meese (geb. 1972) – in der Kunstszene durch seine Performances bereits als „Shooting-Star“ gefeiert – präsentiert in der Ausstellung sein Werk „Soldat Meese (Staatsanimalismus), (2000). Meese entwickelt Rauminstallationen, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer eigenwilligen Materialansammlung aufeinanderprallen. Die bewußt ironische und provokative Anordnung der Fundstücke – als visionärer Rückblick auf das 20. Jahrhundert angelegt – evoziert ungewohnte und neue Sichtweisen über Geschichte und Kunstgeschichte. In seinen raumgreifenden Collagen kombiniert Meese fetischartige Elemente aus der Religion, dem Mythos, der Zeitgeschichte, der Pornographie, Video und Film und zelebriert das „Kapitel Menschheit“ als Akt der Selbstzerstörung, als „Wahn-Sinn“.
Die gelungene Präsentation der „Vampirzuchtstätte“ in dem schmalen, durch ein verglastes Tonnengewölbe überdachten Raum – der Assoziationen an ein Kirchenschiff weckt – dient gleichsam als provakanter Rahmen für die sakralen Elemente der Installation, die in der Kombination von disparaten, symbolbefrachteten Elementen die Geißeln der Menschheit ironisch an den Pranger stellt. Der erste und für den Betrachter gewiß auch letzte wahrgenommene fotografisch begleitete Apell brennt sich wie eine programmatische Vision ins Gedächtnis: „Ihr werdet es alle bereuen!“
Auch die übrigen „Material-Szenarien“ wie „Der Turm: Die Maldorormaschine ´Miasmagottheit`“ stellen sich als inszenierte Akkumulationen dar, durchdrungen von einer wilden Bilderflut begleitet, gejagt und überlagert von fantasievollen Wortgebilden, Apellen, Verwünschungen und Prophezeiungen. Die düstere spielerische Verflechtung des Gezeigten hinterläßt einen eigenartig faszinierenden aber zugleich beklemmenden Eindruck.

Die Ausstellung „Wounded Time“ – als Annäherung an avantgardistische Kunst zwischen Euphorie und Depression, wie es bereits der Untertitel suggeriert – thematisiert in ihrer gelu ngenen Konzeption das rezeptionsabhängige Schicksal von Kunst im 20. Jahrhundert und hinterfragt Positionen und Begriffe wie „Avantgarde“, „Mythos“ und „Zeitgeist“.
Neben dem Fazit „Kunst als Prozeß“ dokumentiert die Schau, daß sich Kunst auch in Zukunft in einer durch mediale Reizüberflutung geprägten Welt, als nicht leicht rezipierbar und erst recht nicht einfach konsumierbar präsentiert.
Der Ausstellung liegt eine mutige Auswahl zugrunde, die durch ihre ungewöhnliche Gewichtung Zusammenhänge aber auch Widersprüche in der Kunst des 20. Jahrhunderts der kritischen Überprüfung des Einzelnen überläßt.

Wounded Time
Avantgarde zwischen Euphorie und Depression.
Städtisches Museum Abteiberg Mönchengladbach,
Abteistr. 27, Ausstellung bis zum 20.08.2000.
Öffnungszeiten: täglich 10 – 18 Uhr (außer montags)