Wir bleiben Schiffe auf dem Meer – Überhaupt nicht Enten auf einem Tei

"Wir bleiben Schiffe auf dem Meer / Überhaupt nicht Enten auf einem Teich / Sail on." Diese Worte stehen ab dem 7. Februar auf der Wand des Buchladens Walther König im Haus der Kunst. Durch den blauen Schriftzug segeln zwei orangefarbene Boote. Rechts außen eine schwungvolle Schlaufe – vielleicht das Schiffstau – als offenes Ende. Das Schrift-Bild stammt von Lawrence Weiner; verwendet wurde die FF Offline Regular.

"Wir sind Schiffe auf dem Meer" war 1990 auf Containerkisten im Hamburger Hafen zu lesen. Die Veränderung ist geringfügig, aber wirkungsvoll – "Wir bleiben" – und verleiht seiner Idee von damals neuen Nachdruck. Die Installation im Haus der Kunst wird von unbestimmter Dauer sein, "for as long as it lasts." Durch diese Worte wurde 1993 ein Fernsehturm in Rotterdam zur Sprachskulptur; 1994 standen sie auf einer Wand in der Renaissance Society in Chicago – auch sie sind also ein Selbstzitat.

Ortspezifische Gegebenheiten reduziert Lawrence Weiner auf das strukturell Wesentliche. Entsprechend knapp ist sein Kommentar zum äußeren Erscheinungsbild des Buchladens, einer Wand aus grauem Betonstein: "Eine Wand ist eine Wand."

Für den Konzeptkünstler Lawrence Weiner besitzen nicht realisierte Projekte die gleiche Gültigkeit wie ausgeführte. Das Entscheidende ereignet sich im Kopf. Diese Überzeugung formulierte er schon 1968:
1. Der Künstler kann das Werk bauen
2. Das Werk kann angefertigt werden
3. Das Werk muss nicht gebaut werden
Jede Möglichkeit ist gleichwertig und entspricht der Absicht des Künstlers Die Entscheidung über den Zustand liegt bei dem Empfänger im Moment der Übernahme (Lawrence Weiner)

Seine Haltung gegenüber Ortsgebundenheit und Dauer gehört in diesen Zusammenhang.

Der Schriftzug wird in der ehemaligen Ehrenhalle angebracht, in der Hitler seine Reden zur Kunst- und Kulturpolitik hielt. Wie sich das anfühlt? Zielsicher greift Lawrence Weiner den Schwachpunkt heraus, das an diesem Ort besonders fragwürdige Wort "Ehre": "Wenn ich bedenke, wer und was alles mit verworrenen Argumenten geehrt wird, kann ich mehr oder weniger damit leben." Sprachgewohnheiten sind Ausdruck von Denkgewohnheiten, und Denkgewohnheiten bilden das eigentliche Zentrum seines Wahrnehmungsinteresses.

Um die "Notwendigkeiten und Sehnsüchte sowohl der Situation als auch des Buchladens" zum Ausdruck zu bringen und zu erfüllen, entschied sich Lawrence Weiner für einen Aphorismus. Seine Antwort auf die Frage, von wem dieser Aphorismus stammt, zielt wiederum ins Allgemeine, als sei auch hier Beschränkung aufs Individuelle fehl am Platz: "Kulturen sind der Autor von Aphorismen. Feinabstimmung und Gebrauch liegt ganz bei den Leuten."

Die Botschaft "Wir bleiben Schiffe auf dem Meer" jedenfalls ist erfrischend und, wenn man so will, sogar ermutigend. Der Aphorismus kann als ein Kommentar zum Zusammenspiel von Ortsgebundenheit einerseits und Denkgewohnheiten andererseits verstanden werden. Ein Kommentar, aus erhöhter Perspektive formuliert, wo das Detail undeutlich und der größere Zusammenhang umso deutlicher wird.

Im Juni wird die Sprachskulptur "Reihen von Kohl mit roter Tinte markiert und morgen vergraben" am Dachfries unseres Hauses installiert.
Die Buchhandlung Walther König bietet ab Februar Sondereditionen von Lawrence Weiner an.
Das Whitney Museum in New York widmet dem Künstler im Oktober 2007 eine umfassende Retrospektive.

 

Link: http://www.hausderkunst.de