Weiße Federn, schwarzes Fell

02.09.2012 - 10.02.2013
Sprengel Museum Hannover
Kurt Schwitters Platz, , 30169 Hannover
http://www.sprengel-museum.de

Tiere sind dem Menschen vertraut und zugleich fremd, sie werden verniedlicht und vermenschlicht,
geliebt oder gefürchtet. Auch in Gestalt der Chimäre bevölkert das Tier Fabeln, Märchen und Mythen.
Der Blick auf die Tiere in der Ausstellung „Weiße Federn, schwarzes Fell“ führt auf den Menschen
zurück und lässt eine tiefer gehende Verbindung zwischen Mensch und Tier mitdenken. Sinnbildlich
trennen Fell und Federn das Innenleben von der Außenwelt und werden zur Projektionsfläche von
Wunschvorstellungen und Ideale, Ängsten und Erfahrungen des Menschen. Die Auseinandersetzung
mit dem Tiermotiv, die so alt wie die Menschheit selbst ist, kreist um Subjekt und Objekt und die
Grenzziehung zwischen Mensch und Tier. Es ist ein wandelbare Mensch-Tier-Verhältnis, das sich in
den ausgewählten Werken, von Gemälden und Skulpturen, über Grafiken und Zeichnungen bis hin zu
Videos offenbart. Die Ausstellung öffnet die Argumentation darüber hinaus ins 21. Jahrhundert.
Tiere beschreiben, etwa in den Werken von Franz Marc, ein heilsames Verhältnis des Menschen zur
Natur oder seine Entfremdung von ihr. Mensch und Tier sind hier Teil des Daseins in einem
übergeordneten Gefüge von Natur und Kosmos. Nicht nur Franz Marc, auch Ewald Mataré und Joseph
Beuys erforschten das Tier bis zur Abstraktion und verliehen einer herbeigesehnten und
verlorengegangenen Sicht auf die Welt Ausdruck. Dem setzt Anri Sala in dem Video „time after time“
mit einer alten Mähre am Straßenrand eine Antinomie entgegen, die demonstriert, wie sehr der Mensch
heutzutage die Fähigkeit des Sicheinfühlens abgelegt hat.
Ihre Lebendigkeit und Bewegung lässt die Tiere in der Kunst zu einem dynamischen, animalischen
Prinzip werden. Damit stehen sie für eine Entwicklung oder repräsentieren einen bestimmten
Seinszustand. Linien und Strukturen in den Werken Paul Klees, mit denen er Tiere umfasst oder die
Natur in überbordenden Landschaften zu fremdartigen Wesen hin aufschlüsselt, beschreiben nichts
weniger als die Geschichte der Natur. Unter mikroskopischer Sicht durchleuchtet er diese Prozesse und
bringt sie in der künstlerischen Analyse auf die Ebene des Menschen. Der tschechische Künstler Karel
Teige belebt dagegen seine Vorstellungen von Natur in surrealistischer Antithese zu einer von
gesellschaftlicher Erstarrung erfüllten Umwelt mit weltentrückten Chimären.
Die Charaktereigenschaften und spezifischen Fähigkeiten von Tieren bieten ein Äquivalent zum Alter
Ego des Künstlers und zur Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen an. Ein Schauspiel
wie der ritualisierte Kampf bis zum Tod hatte etwa Pablo Picasso dergestalt für sich angenommen und
sich mit ihm gleichgesetzt, dass sich nach Aussage von Lebensgefährtin Françoise Gilot in seinem
„Leben die Dinge wie in einem Stierkampf abspielten“.
Tiere können für ein Bild des Lebens ebenso wie für das Gegenbild des Todes stehen. Im Werk von
Renée Sintenis beschreiben die Darstellungen von Jungtieren vor dem Zweiten Weltkrieg ein intimes
Lebensgefühl, doch geraten sie im Angesicht des Terrors zum einzig verbleibenden Ausdruck von
Gefühlsregungen und zum Besinnungsmoment für den Menschen.
Tiere sind Reminiszenzen an private Lebenssituationen, wenn Max Beckmann zu seinen in sich
gekehrten Selbstporträts während der 1910er- und 1920er-Jahre die Katze gesellt. Gleichermaßen
werden sie zu einem Spiegel der Gesellschaft, wenn die Bewohner fremdartiger Unterwasserwelten in
den Filmen Jean Painlevés – erstmals in Deutschland in der restaurierten Originalversion gezeigt – in
ein Vexierspiel mit existenziellen oder prekären Zuständen des menschlichen Seins eintreten.
Nicht zuletzt werden Tiere zu einem Anhaltspunkt für jene Fragen, die die Differenz zwischen Mensch
und Tier, die von Menschen aufgestellten Kategorien des Daseins oder den Standort des Betrachters
betreffen. Die Umkehrung konventioneller Verhältnisse von Natur und Kultur setzt beispielsweise
Corinna Schnitt in ihrem Video „Once upon a time“ in Szene, indem sie die Kategorien Haus-, Hofund
Wildtier im Biotop des menschlichen Heims ins Chaos verkehrt, aus dem der Mensch
ausgeschlossen wird.
Zugespitzt wird diese Zusammenführung von Verbundenheit und Differenz zwischen Mensch und Tier
in Märchen und Fabeln, in denen subtil elementare Erfahrungen oder Moralvorstellungen austariert
werden. Marc Chagall löst in seinen Illustrationen der Fabeln die Polarität von Gut und Böse in einer
Welt auf, die Mensch und Tier in gegenseitigem Respekt bewohnen. In märchenhafter Weise verleiht
Niki de Saint Phalle Lebensängsten die Gestalt eines Drachens, so dass sie in seiner Begleitung in
ihrem Werk ihren Schrecken verlieren. Ganz anders gewinnen Gut und Böse ein Eigenleben und
werden zu einem von seiner Zwiespältigkeit zur Verzweiflung getriebenen Mischwesen in Nathalie
Djurbergs Video „We are not two, we are one“.
Zusammenfassend lässt sich beobachten, dass es Tiere sind, die für die Auseinandersetzung mit
existenziellen Themen oder gesellschaftlichen Utopien herangezogen werden, was sich auf ihre
Verbindung mit dem Menschen und ihre Bedeutung für ihn zurückführen lässt. Als Lebewesen, das mit
dem Menschen die Welt teilt, zollt der Mensch dem Tier Empathie. Tiere lassen Identifikation ebenso
zu wie die Wahrung einer Distanz – sie bleiben ein Rätsel und finden doch einen direkten Zugang zum
Menschen. In den ausgewählten Werken wird vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und
politischen Verhältnisse seit dem 20. Jahrhundert und im Kontext der künstlerischen Werkläufe nicht
nur das Gegenüber eingefangen, sondern Bild unseres Zusammenlebens aufgetan.

Die Ausstellung umfasst rund 190 Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie Max Beckmann,
Joseph Beuys, Marc Chagall, Nathalie Djurberg, Lothar Fischer, Paul Klee, Franz Marc, Marino
Marini, Ewald Mataré, Christiane Möbus, Jean Painlevé, Pablo Picasso, Dieter Roth, Anri Sala, Niki de
Saint Phalle, Corinna Schnitt, Karel Teige.


Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (176 Seiten) mit einem Vorwort von Ulrich Krempel, Beiträgen
von Steffen Eigl, Michael Hering, Annerose Rist und Isabelle Schwarz, sowie zahlreichen farbigen
Abbildungen. Preis: 20 Euro.