Weihnachtsgeschenke

Brauchen wir eine „Stiftung Sehen“? Jedenfalls ist auch das Kaufen von Bildern das Gute.


Alle Welt hört Musik. Und sieht fern, nicht wahr? Neben den neuen Bildschirmformaten hält der Elektronikdiscounter etliches für den Genuss unterwegs bereit. Musik- und Filmindustrie fühlen sich ausgeraubt von Privatkopieren und Gratisdownload-Anbietern. Beschallt wird man ohnehin aller Orten. Kein Wunder, dass man nicht viel investieren muss in die Werbung fürs Weihnachtsgeschäft. Eine CD mit den Hits des Tages, eine DVD mit dem Neuesten aus Hollywood, das kommt immer an. Was gibt es noch? Bücher. Und hier sieht es anders aus.


Das Buch ist gewiss immer ein gutes Geschenk – wenn man weiß, was der Beschenkte gerne liest. Oder gern im Regal stehen hätte. Doch von der Selbstverständlichkeit des Musikgenusses kann die Buchbranche nur träumen. Jedenfalls sagt sie das. Hört man den Autoren zu, die vom Verkauf ihrer Bücher leben wollen, erfährt man, dass die Verlage kaum etwas tun um tatsächlich zu verkaufen. Wenn die Vertreter ihre Runde durch die Buchhandlungen beendet haben, wartet man ab, wie es sich nun entwickelt. Die Autoren können ja selbst etwas tun, Lesereisen zum Beispiel. Das machen ja Musiker nicht anders.


Der Unterschied zum Geschäft mit den digitalen Medien ist ein anderer. Das Buch wird an sich beworben – nicht ein bestimmtes, sondern gleich alle. Im Mittelpunkt dieser Aktivitäten: die Stiftung Lesen. Doch drum herum: viele freiwillige Helfer, die Buchenthusiasten. Schon als Dieter Bohlen etwas schreiben ließ und als Buch herausbrachte, was dann einige Leute interessierte, die sonst eher keine Bücher lesen, war die Freude groß. Bohlen habe Menschen zum Buch geführt. Das Lesen von Büchern, so die Botschaft, ist das Gute. Ganz gleich, was drin steht. Niemand würde das über das Hören von CDs sagen.


Das Internet z.B. steckt voller Zitate. Kaum eine private Literaturhomepage kommt ohne sie aus. Hermann Hesse, Goethe und andere Koryphäen des gedruckten Wortes treten immer wieder auf mit Sätzen über menschenunwürdige Wohnzimmer, in denen gar keine Bücher stehen, die Unsitte Bücher zu leihen, statt sie zu kaufen, die Selbsterhebung durch den Buchbesitz. Gute Menschen lesen Bücher, böse Menschen tun das nicht. Ganz ohne eigenes Interesse verbreiten die Bücherfreunde diese Botschaften.


Die Unternehmen der Branche können sich darauf verlassen und tragen ihrerseits dazu ganz anderes bei, aktuell etwa die Forderung nach null Prozent Mehrwertsteuer auf Bücher. Oder kleine Argumentationshilfen für den Kampf um die Beibehaltung der Preisbindung im Buchhandel. Oder tägliche Rufe nach mehr Literaturförderung, damit man die Druckkosten für die edle Ware auch herein bekommt.


Wer also Bücher schenkt zum Weihnachtsfest, tut dem Beschenkten wirklich Gutes, mehr noch als durch das Schenken von Musik, Film oder Spiel. Man muss nur ein wenig den anvisierten Geschmack kennen – was die Massenware zugleich zu einer persönlichen Gabe macht. Und daran ist wohl kaum etwas falsch – denn an Gegenständen des täglichen Gebrauchs u.a.m. haben die meisten ohnehin schon mehr als sie benötigen. Doch etwas wirklich Besonderes schenkt man so nicht.


Während das Hören von Musik und das Lesen von Büchern und das Schenken von beiden so nahe liegt, scheint eine andere und gar nicht so unbekannte Kunst fast in Vergessenheit geraten: die bildende Kunst. Niemand, der uns erzählt, wie gut unterhalten oder wie edel die Menschen sind, die Bilder betrachten. Und wenn, dann geht es darum, ein Museum zu besuchen. Die nahezu einzige Ausnahme, die mir bekannt ist, sind Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Arztpraxen und Anwaltskanzleien mit Kunst zu versehen. In Vertretung eines ganzen Künstlerpools drucken sie Prospekte und schicken Vertreter los, die dem Herrn Doktor erklären, warum es sein Image hebt, das Sprechzimmer mit einem modernen Aquarell zu zieren. Angeblich laufen die Verkäufe nicht schlecht.


In diese Werbung möchte ich hier einstimmen. Denn was dem Gewerberaum so gut ansteht, kann auch der Privatwohnung nicht schaden. Wenn alle wissen, dass man Musik kauft und alle rufen, auch Bücher müsse man kaufen, dann muss das ergänzt werden um: kauft Kunst. Ein Gemälde, eine Skulptur, eine Montage kann man sehr wohl brauchen und ein Geschenk, an dem man viele Jahre Freude hat und nicht nur eine Saison, sind sie allemal. Irgendwann wird man des Hits des Jahres überdrüssig, kaum einen Roman will man zweimal lesen – aber das Bild an der Wand erschöpft sich kaum, wirkt auf die Atmosphäre des Raums, verzaubert unsere Welt immer wieder neu.


Die bildende Kunst erschöpft sich nicht im Überraschungsangriff, lässt sich auch nicht einer besonderen Stimmung zuordnen. Dafür gibt es sie auch seltener in Kopien. Filme, Musik-CDs und Bücher sind immer als Massenreproduktion angelegt, Ölbilder eher nicht, selbst Radierungen werden eher in kleinerer Stückzahl aufgelegt. Vom Kunstposter abgesehen gelten Werke der bildenden Kunst daher als teuer. Geschenke, die sich nicht jeder leisten kann.


Und das muss wohl so sein. Sonst hätte kaum das deutsche Feuilleton so verwundert mit den Blättern geraschelt, als Discounter ALDI Kunstreproduktionen neben Gemüse und Windelpaketen auslegte. Sonst würde man auch nicht immer wieder hören, dass der seriöse Künstler nicht aus dem Atelier verkaufe, weil er damit seinem Galeristen in den Rücken fiele. Aber vielleicht geht es dabei stets nur um die Kunst als Geldanlage und gar nicht um die Freude an der Kunst?


Es gibt sie nämlich sehr wohl, die Atelierverkäufe. Es gibt sogar günstige Galerien. Und es gibt nicht wenige Kunstangebote im Internet, die sich, z.B. mit Google, durchaus leicht finden lassen. Auch für den kleineren Geldbeutel bezahlbare Kunst entstammt nicht den Werkstätten der Prominenten. Aber wie Spielfilm und Roman müssen die Geschenke mehr zum Beschenkten passen als zur herrschenden Meinung des Betriebs. Nicht Anlageberater, sondern unsere Freunde wollen wir erfreuen.


Statt also dem „Lest Bücher“-Ruf zu folgen, könnten wir durch die Ateliers der Nachbarschaft streifen (Adressen über die Kulturserver der Region im Internet oder über den örtlichen Kunstverein) und dabei durchaus mehr entdecken als Einkaufsmöglichkeiten. Und wenn unseren Lieben gefällt, was im Supermarkt feilgeboten wird, so spricht auch dagegen nichts. Kunst muss nicht aus der Ferne bewundert werden, sondern kann Teil unseres Alltags werden. Gewinnen werden wir dabei auf jeden Fall.


Nur selber malen und gestalten sollten wir die Geschenke nicht, wenn wir derlei auch sonst nicht tun. Kaum ein Geschenk ist peinlicher als das, das den Beschenkten verpflichtet. Ein Bild, das nicht gefällt, aber hängen muss, weil wir uns sonst verschmäht fühlen, ist eine Zumutung. Und auch die Zeichnungen unserer Kinder behalten wir für uns, es sei denn sie wecken Begeisterung, was ja vorkommen kann. Davon abgesehen, ganz im Ernst: schenkt Bilder, nicht Bücher. Das wäre doch mal was.