Verlust der Mitte

Aus der Sicht der bildenden Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit, so der Untertitel des Werks, interpretiert Hans Sedlmayr die Gegenwart als das vorläufige Endresultat einer bereits um 1760 eingetretenen »inneren Katastrophe« im Spiegel der Kunst. Der Haupttitel bezieht sich auf ein Wort des Philosophen Blaise R Pascal: »Die Mitte verlassen, heißt die Menschlichkeit verlassen.«
Entstehung: Nach seiner Entlassung aus der Wiener Universität unternahm Sedlmayr 1947 den »Versuch einer Diagnose der Zeit… von der Kunst her«, aber in einer Arbeit »nicht kunstgeschichtlicher Art«, sondern als »eine ›Kritik‹ des Geistes«. Im Kern handelte es sich um Vorlesungen, die Sedlmayr ab 1934 gehalten hatte. Zu Grunde lagen Einzelinterpretationen etwa der französischen Revolutionsarchitektur (Die Kugel als Gebäude oder »Das Bodenlose«, 1939/40).
Inhalt: Im ersten Teil behandelt Sedlmayr die »Symptome«, wie z. B. den Wandel der vorrangigen Aufgaben der Architektur vom Landschaftsgarten zur Fabrik. Den Hintergrund solcher Entwicklungsreihen bilden die vier durch »Gesamtaufgaben« gekennzeichneten Stilepochen Romanik, Gotik, Renaissance und Barock, sodass im anschließenden Teil Diagnose und Verlauf die um 1760 wurzelnde Moderne als Ende der Stilgeschichte erscheint.
Die Diagnose mündet in den Übergang von »der ‚Befreiung‘ zum Ende der Kunst«. Der abschließende Teil Zur Prognose und Entscheidung enthält die Erwartung, dass die Moderne »als Ganzes gesehen, gerade auch im Chaotischen, den Charakter eines ›geschlossenen‹ Zeitalters« gewinnen kann. Vorläufig erweist sich als ihr einigendes Kriterium das Leiden an der Gottferne, die nirgends in gleicher Weise zum Ausdruck kommt wie in der Kunst.
Wirkung: Die in moralische und religiöse Kategorien eingekleidete Kritik an der modernen Kunst als Symptom eines Wertezerfalls fand die begeisterte Zustimmung konservativer Kreise. Sie forderte aber neben fachspezifischer Kritik an der Methode (auf dem 2. Deutschen Kunsthistorikertag in München 1949) erbitterten Widerspruch heraus, etwa im 1. Darmstädter Gespräch (1950) durch Künstler wie den bis 1945 als »entartet« verfemten Maler Willi Baumeister (1889–1955). C. W.

Buch der 1000 Bücher
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