Unmittelbar und unverfälscht. Die Brücke-Maler und ihre Motive

13.10.2013 - 18.04.2014
Friedemannn-Bach-Platz 5, Halle (Saale)
http://www.kunstmuseum-moritzburg.de

Unmittelbar und unverfälscht. Die Brücke-Maler und ihre Motive

Ausstellung in der Sammlung Hermann Gerlinger

Mit der Präsentation Unmittelbar und unverfälscht. Die Brücke-Maler und ihre Motive wird die Sammlung Hermann Gerlinger in einem neuen Rahmen gezeigt. Dieses ausschließlich den Gemälden der „Brücke“-Maler gewidmete Projekt bietet neben dem ästhetischen Genuss am Farbfeuerwerk expressionistischer Malerei auch erhellende Einblicke in sonst vielfach verborgene Werkzusammenhänge und künstlerische Dialogbeziehungen zwischen den einzelnen Künstlern. Erstmals zu besichtigen ist in dieser Exposition das durch Hermann Gerlinger neu angekaufte Gemälde „Erzgebirgslandschaft im Winter“ (1928) von Erich Heckel.

Der Begriff der „Brücke“-Kunst wird in der Regel auf die kurze Zeitspanne der tatsächlichen Existenz der Künstlergruppe von 1905 bis 1913 angewendet. Doch die konzeptionelle Ausrichtung der Sammlung von Hermann Gerlinger erlaubt, das Spektrum der Malerei des Einzelnen viel breiter zu fassen. Es reicht von frühen Beispielen aus den Anfangsjahren, also noch vor der eigentlichen Gründung der „Brücke“ im  Juni 1905, über die Jahre des Suchens nach Eigenständigkeit, an deren Ende der Anschluss an die avantgardistischen Bewegungen in Europa zu Beginn des letzten Jahrhunderts steht, bis in das Spätwerk der unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten.

Nach dem Zusammenschluss der jungen Architekturstudenten 1905 in Dresden zur „Brücke“ traten schon im Folgejahr so bedeutende Maler wie Emil Nolde, Max Pechstein oder Cuno Amiet sowie im Jahr 1910 Otto Mueller dem Kreis bei. Dadurch und mit der weiteren Schärfung des eigenen künstlerischen Profils entfaltete die Gruppe vor Beginn des Ersten Weltkrieges eine erhebliche Strahlkraft und etablierte sich als erste deutsche Avantgardebewegung von europäischem Rang im 20. Jahrhundert.

Beginnend von frühen Arbeiten Karl Schmidts – der später seinen Geburtsort Rottluff dem eigenen Namen zufügen sollte –, die neben einem großen Talent die Kenntnis der zeitgenössischen Malerei bezeugen, können wir dem mit rasanter Geschwindigkeit durchmessenen Weg der Gründungsmitglieder Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und des erwähnten Karl Schmidt-Rottluff zu einer eigenen revolutionären Bildsprache folgen. Im Ausgehen von Nachimpressionismus und Jugendstil sowie in Anverwandlung von vorwärts weisenden zeitgenössischen Ideen – die Malerei von Vincent van Gogh oder das Schaffen der Fauves wären hier an erster Stelle zu nennen – erlangte die „Brücke“ innerhalb des europäischen Kontextes sehr schnell ein eigenständiges Profil.

Ein erster Höhepunkt in der Chronologie der „Brücke“ lässt sich um 1909/1910 feststellen. Im gemeinsamen Arbeiten in der freien Natur oder in den Ateliers entstanden Werke, die eine große stilistische Nähe der Malerfreunde offenbaren. Ab 1908 hatte sich in der Malerei der Übergang von einer pastosen Farbbehandlung des Nebeneinandersetzens ungemischter Farben zu einem dünnflüssigeren Farbauftrag, welcher mit einer großzügigen, auf geschlossene Formen zielenden Komposition verbunden war, abgezeichnet. Diese Entwicklung, die eine gesteigerte Spontaneität im Ausdruck der Werke hervorrief, fußte nicht unerheblich auf die in der Arbeit im Holzschnitt gewonnenen Erfahrungen. 

Die 1911 erfolgte Übersiedlung in die deutsche Hauptstadt Berlin ist nicht nur Beleg eines zunehmenden Erfolges und damit gesteigerten Selbstbewusstseins der jungen Maler, es setzte nun auch eine verstärkte Ausprägung ganz individueller, malerischer Handschriften ein. Im Vergleich der Gemälde jener Jahre offenbart sich neben der künstlerischen Eigenständigkeit sehr überzeugend auch die von jedem Einzelnen erreichte gestalterische Meisterschaft.

Die mit den Berliner Jahren der „Brücke“ zu beobachtende Differenzierung der stilistischen Handschriften intensivierte sich mit der Auflösung 1913 und der räumlichen Trennung in den Kriegsjahren. Mit der Sammlung Hermann Gerlinger lässt sich umfassend die weitere Entwicklung nachvollziehen, verfolgt der Sammlungsansatz doch ganz gezielt das Schaffen der einzelnen Maler monografisch von ihren frühesten Anfängen bis ins reife Spätwerk hinein.

In den Arbeiten Ernst Ludwig Kirchners, der sich in seinem Gastland mit der Schweizer Bergwelt und dem Leben der dortigen Bewohner einen neuen Motivkreis erschloss, setzte sich eindringlich die fortwährende Suche nach neuen Wegen des künstlerischen Ausdrucks, unter Beachtung der jeweils aktuellen Bewegungen in Europa, fort. Auch Erich Heckel bezog zeitgenössische Tendenzen, wie zum Beispiel die Neue Sachlichkeit, in seine gestalterischen Überlegungen ein. Daneben gewinnt besonders in seinen Landschaftsdarstellungen ein meditativer Grundtenor an Raum. Das Schaffen Karl Schmidt-Rottluffs zeichnete ein konsequentes Festhalten und Verfeinern des Erreichten in Komposition und Farbgebung aus. So gelangten die Maler immer wieder zu neuen, auch überraschenden bildnerischen Lösungen, die von einer fortwährenden Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerischen Praxis künden.