Thomas Hirschhorn / Der Künstler – Arbeiter – Soldat

Der Schweizer Thomas Hirschhorn schafft eigenwillige, raumgreifende Skulpturen und begehbare Raum-Assemblagen voller „armer, billiger“ aber symbolkräftiger Materialien. Seine Werke sehen aus wie das hilflose Aufbegehren eines Amateurs, wie eine Bastelarbeit aus zufällig gefundenen Abfallmaterialien. Er ist ein Künstler der Kontraste. Er will von seinen Betrachtern nicht todernst genommen werden, er selbst hat das, was er ausdrückt aber immer ernst genommen. Als harter Arbeiter versucht er etwas zu schaffen, wovon er am Schluss nicht gedacht hat, dass er es ihm gelingt. Sein Ziel ist es, die größten Museen der Welt zu erobern, gleichzeitig stellt er wie ein Außenseiter auf der Straße aus. Seiner Ansicht nach macht es keinen Unterschied, ob ein Werk in einem berühmten Museum oder auf der Straße steht. Er beschäftigt sich in seinen Arbeiten verstärkt mit Ausstellungsformen und dem Schaffen von Ausstellungsorten.

Seine Installationen bestehen aus konsequent einfachen alltäglichen, gefundenen und bearbeiteten Wegwerfmaterialien wie Klebebänder, Plastikfolie, Pappkarton, Silberfolie, Zeitungen, Anschlagtafeln mit Texten und Bildern. Bretter, Holzböcke, klinisches Neonlicht, Videobilder, Kerzen, Plastikblumen und vor allem seine eigene Schrift runden das Materialrepertoire ab. Alle Materialien werden „handbearbeitet“, es gibt keine „Ready-Mades“. Die Dinge sind hässlich, alles erscheint zufällig, austauschbar, die Installationen sind oft mehr schlecht als recht zusammengezimmert. Die Wahl, mit solchen unnoblen, armen Werkstoffen zu arbeiten, sei eine bewusst politische Entscheidung. Jeder Mensch erkenne und benutze diese Dinge. Sie gehörten zu jedem Haushalt, so komme es zu keiner Ausgrenzung, sagt Thomas Hirschhorn. Die Materialwahl ist die vorrangigste politische Entscheidung.

Auch seine Themen entnimmt er der Erfahrungswelt der Normalbürger. Inhalt seiner Arbeiten sind immer wieder die menschlichen Ungerechtigkeiten und Lebensfragen dieser Welt. Er betont sein politisch-soziales Engagement. Seine Werke seien aber nicht politisch. Er will keine politische Kunst machen, sondern politisch Kunst. „Ich mache Kunst auf politische Art“, sagt Hirschhorn. Eine Aussage muss in der Arbeit geschehen und nicht durch die Arbeit. Letztendlich bleibt sein politisch-soziales Engagement, sein Einsatz für das Gute in der Welt unverbindlich. Oftmals bezieht sich Hirschhorn in seinen Arbeiten auf die Literatur, auf Künstler oder auf von ihm verehrte Philosophen. Indem er die intellektuellen Ikonen mit seinem einfachen „Bastelmaterial“ in Verbindung bringt, betont er die Aufhebung von gesellschaftlichen Hierarchien. Hirschhorn entnimmt seine Themen den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen, mit dem Ziel wertfrei und breit zugänglich zu sein. Seine Installationen sind Metaphern für den aktuellen Zustand der Welt. Der Betrachter muss sich mit Zeichen, Symbolen und Erinnerungen auseinandersetzen. Es entsteht eine neue Erzählung aus Wegwerfmaterialien.

Die Einfachheit seiner Werkstoffe hat auch mit seinem Widerspruch gegen Qualitätsdenken zu tun. Qualität setzt er mit Luxus gleich. Kunst hat nichts mit Luxus zu tun. Er kämpft gegen das Besserwisserische, Elitäre. Sein Lieblingsschlagwort ist das „Prekäre“ – das Bedenkliche. Wichtig ist ihm die Aussage und der Wille der Gestaltung seiner Installationen, sie sollen zeigen, dass sie Energie beinhalten. “Energie ja – Qualität nein“, sagt Thomas Hirschhorn. Seine Kunstproduktion erhebt keinen ästhetischen Anspruch, sie fordert zur Konfrontation, zum Dialog über bestehende Verhältnisse auf. Hirschhorn möchte inspirieren, möchte Energien freisetzen, möchte gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar machen. Die schlechten Materialien dienen ihm als Widerstand gegen kulturelle Missstände. Er bezeichnet seinen Materialmix als ökonomisch, was nicht preiswert bedeutet. Die Verwendung von Wegwerfmaterialien sei politisch ökonomisch. Wirtschaftliche Problemstellungen interessieren ihn sehr, aber nicht im Sinne von arm und reich, sondern als Ausschlusssystem. Neben den einfachen, billigen Dingen verwendet er dann auch immer wieder Statussymbole, Motive der Macht wie Rolex-Uhren, Mercedes-Stern, etc. Silberpapier und Mercedes-Stern sind für Hirschhorn Motive mit der selben Aussage, beiden dienen im weitesten Sinn der Verpackung, beide werden benutzt, um etwas zu veredeln. Kennzeichen seiner Kunst sind die vielen in Silberfolie verpackten Gebrauchsgüter. Alufolie und Cellophan dienen ihm, um die Alltagsgegenstände zu verpacken und miteinander zu verbinden. Sie werden durch die Verpackung gleichgemacht und nebeneinandergestellt, ihr Wert verfremdet und unsere Sichtweise auf die Dinge irritiert. Sie werden aus ihrem Zusammenhang herausgenommen, beziehen sich aber wieder assoziativ auf ihre Herkunft.

Als Bastler-Künstler verwendet er viel „Energie“, um die Dinge zu verpacken, obschon das Werk wenig vom handwerklichen Können des Künstlers erzählt. Dieses teilt sich dem Betrachter weniger durch formale Perfektion mit, als vielmehr als ernstzunehmendes Engagement und Denkmodell. Gerade dadurch erfahren die Dinge ihre Aufwertung. Er spielt natürlich mit der eigenen Rolle als Künstler. Die grenzenlosen Variationsmöglichkeiten des System Hirschhorn machen den Betrachter hilflos und ohnmächtig, erzeugen Provokation. Das Handgemachte, einst Indiz für Künstlertum ruft Unverständnis und Empörung hervor. Thomas Hirschhorn schafft eine „Ästhetik der Randgruppen“. Respektlos nähert er sich mit seinen armen Materialien großen und verehrten Inhalten. Die Verbindung von Kunst und Massenkultur ist aber keine Kritik am Kunstkontext, sondern der radikale Ausdruck der Verweigerung. Hirschhorn widersetzt sich allen gängigen Modellen, begibt sich auf menschliche Sinnsuche. Er widersetzt sich vor allem auch dem Kunstbetrieb, banalisiert das künstlerische Schaffen. Seine Installationen stehen auf der Straße, selbst dort stören sie.

Für die Documenta11 kreiert Thomas Hirschhorn das Bataille Monument. Dieses dem französischen Philosophen, Dichter, Kunsttheoretiker und Anthropologen Georges Bataille (1897 – 1962) gewidmete Monument ist die dritte von vier zusammengehörigen Philosophen-Installationen. Im Jahre 2000 entwickelte Hirschhorn ein Monument über den französischen Philosophen Gilles Deleuze (1925) in der Kulturhauptstadt Avignon. Dort verwandelten 70 Künstler für die Ausstellung La Beauté die Stadt in ein großes Kunstwerk. Es ging darum, Geschichte und Kunst des 20. Jahrhunderts miteinander zu verknüpfen.

1999 entstand das Spinoza Monument als Projekt für den öffentlichen Raum in Amsterdam. In Zusammenarbeit der Galerie Artistspace W139 mit dem niederländischen „Rode Draat“, einer Institution für die Rechte der Prostituierten, wurden internationale Künstler aufgefordert für die Ausstellung Midnight Walkers & City Sleepers die Kampagne „our Image ist our own“ zu unterstützen. Hintergründe und Idee zu diesem Kunstwerk erklärt Thomas Hirschhorn in der zur Documenta veröffentlichten Zeitschrift Point d´Ironie.

Dr. Karin Mohr – Mai-2002