Spaziergang im Mahnmal

Spaziergang im Mahnmal


Der Ort der Information ist unter der Erde. Das heißt schön. Über der Erde sind Betonblöcke, 2.711 Stück, die man Stelen nennen soll. „Die Zahl … ergibt sich aus den … für den Standort gewählten Maßen und hat keinerlei symbolische Bedeutung“, erläutert die Website der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas .



Überall im Land stehen die Denkmale für die Gefallenen der Weltkriege. Glauben, Treue, Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Opfersinn sind zum Beispiel die Werte, an die der Dorfbrunnen der Gemeinde Wollmatingen („Den Gefallenen 1914-18“) erinnern will.


Die, deren Gedenken das Holocaust-Mahnmal (www.holocaust-mahnmal.de ist die Internet-Adresse der Stiftung) dienen soll, stehen nicht für große Taten und Opfersinn, sondern sind so unschuldig zu Tode gekommen, wie zu ihrem Mahnmal. Der Soldat des ersten Weltkriegs wusste, dass seines Opfers baulich gedacht werden würde. Der gemarterte jüdische Bürger des dritten Reiches konnte nicht damit rechnen, dass die Nachfahren seiner Peiniger seiner in gleicher Weise gedenken würden.


So tun sie es auch nicht. „Ausmaß und Maßstab des Holocaust machen jeden Versuch, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren, unweigerlich zu einem aussichtslosen Unterfangen“, stellte Peter Eisenman, Architekt des Denkmals, fest. – Die schiere Größe des Massenmordes also, nicht die Unfreiwilligkeit der Opfer.


Die Nachkommen der Opfer hingegen sehen das Denkmal als rein deutsche Angelegenheit, von Deutschen für Deutsche. Weniger ein Denkmal für die Toten als für die Tat.


Wichtig ist, sich der eigenen Geschichte zu erinnern. Es ist vor allem für Deutschland wichtig, das sich kaum mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Morden ernsthaft um einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bewirbt. Es ist wichtig in einer Zeit, da sich unter der Flagge der Aufklärung geradezu täglich Naziuniformen auf den Fernsehmonitoren tummeln, da Neonazis in Landtagen sitzen und die Republik über Parteiverbote diskutiert. Es ist gar nicht vorbei.


So schnell nicht, trotz Martin Walsers Rede wider die Auschwitzkeule in der Frankfurter Paulskirche, trotz Wiedervereinigung und Re-Metropolisierung Berlins.


Das zu Erinnernde ist unvergessen. Die Toten können wir Deutsche nicht betrauern (nach wie vor „unfähig“), lediglich bedauern. Wir sind entsetzt und können das Entsetzen in Bilder fassen. Es wirkt nicht nur in den Lehrplänen der Schulen und den Reden im Bundestag, es wirkt auch in der Kunst, die stets da stark ist, wo sie nicht prophetisch sich versucht, sondern aneignend aufnimmt.


Der Holocaust ist keine Geschichte und kein geschichtliches Ereignis, das in der Vergangenheit liegt. Gewiss, dieses Morden ist beendet worden, vor 60 Jahren. Aber die gesamte Zivilisation bebt noch und wird weiter beben für Jahrhunderte. Dass Menschen andere zu Millionen in eigens dafür errichteten Fabriken ermorden, das wirklich tun, weiß nun jeder auf unserem Planeten. Es hat sich in die Träume des kleinen Mannes eingeschlichen in der globalisierten Moderne.


Vor der Errichtung des Mahnmals ist lange über seine Notwendigkeit diskutiert worden. Manche Befürworter redeten, als ginge es eine Bringschuld zu erfüllen. Doch wem? Einige Gegner warnten davor, Deutschland in Schande zu bringen. Im Ernst?


Das Mahnmal wird nicht das Morden aus dem Gedächtnis aufrufen und nicht die Toten. Es kann nur einer aus einer Unzahl von Hinweisen sein. Das nahm der künstlerischen Aufgabe das Übermaß. Es galt nur noch, der Bundesrepublik ein Werk zu richten, das nicht peinlich ist.


Ich denke, das ist gelungen. Mehr war nicht zu erreichen. Ein Werk, vor dem man nicht steht, sondern das man begeht. Wie einen Friedhof. Es ist aber kein Friedhof und es stehen dort keine Stelen, sondern Betonblöcke – und genau das macht Auschwitz irgendwie fassbar.



Das Mahnmal schmiegt sich mühelos an die eisige Architektur des Potsdamer Platzes an, führt die Ästhetik einiger unmittelbar benachbarter Gebäude fort, bietet mit seinen gepflasterten, auf und ab wogenden Pfaden das lebendigste Element des Areals inmitten des leblosesten: der kalten Schattenblöcke. Wer hindurch geht, spürt, dass das Sterben nicht mehr dem Leben zugehört, sondern der Sphäre der Apparaturen und Konzerne, deren Türme über den Kanten aufragen.


Unter dem Beton ist der Ort der Information. Ohne ihn könnte man das Mahnmal missverstehen. Etwa als Warnung vor dem Verlust der Natur. Oder als Selbsterfahrungsgrusel, der einem das Ideal geordneten Lebens austreibt. Aber der Ort der Information gehört nicht zum Denkmal und hat sich einer Aufgabe verschrieben, die nicht die des Mahnmals ist: an die Toten erinnern, sie sichtbar machen, ihnen ihre Namen zurückgeben.


Die Entrüstung, die Mitinitiatorin Lea Rosh auslöste, als sie ihre Idee vorstellte, in eine der „Stelen“ den Zahn eines Opfers einzulassen, macht die Unterscheidung deutlich: nein, die Stelen sind keine Grabsteine, das Stelenfeld kein Friedhof, das Denkmal ein Mahnmal.


Beschlossen hatte der Bundestag 1999, ein „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ zu errichten, das soll „die ermordeten Opfer ehren“, „die Erinnerung … wach halten“ und „alle künftigen Generationen mahnen“.


Von all dem bleibt das Bekenntnis zur der Schuld im Beton. Und das allein ist ein wichtiger Schritt, einer, den andere Enkel von Untätern noch verweigern. Die Erinnerung hingegen ist größer als das, was sie wach halten soll, und die Opfer wären eher geehrt gewesen, wenn man die Betonflächen zumindest mit ihren Namen versehen hätte – das Grauen des Todes ist gegenwärtig. Aber es ist nicht das Grauen dieser Toten.



„Ein zentraler Ort der Erinnerung und der Mahnung“ sollte geschaffen werden. Der entzieht sich nun der Vereinnahmung durch zentrale Gedenkveranstaltungen, indem er die Besucher vereinzelt zwischen den Blöcken, sie auf sich und ihren Körper zwischen den harten grauen Flächen zurückwirft.


Wie man auch schaut – es scheint einen Auftrag an die Kunst gegeben zu haben, die sich dem Dogma der Zweckfreiheit gemäß gar nicht hätte stellen dürfen, aber doch musste, denn wer sonst könnte derlei leisten. Peter Eisenman hat sich dem nicht entzogen. Er hat mehr geschaffen als die nichtpeinliche Gedenkstätte, einen Ort für die individuelle Erfahrung des Ausgeliefertseins, ähnlich Krzysztof Pendereckis Matthäuspassion, die das Leiden Christi weniger darstellt, als im Hörer aufruft.


Und es kam, wie es kommen musste: das Werk wirkt allein. Denn nun ist es an den Menschen, was sie damit anfangen. Tausende Menschen. Wachleute schoben sich durchs Gedränge und mahnten „Nicht spielen, nicht klettern, keine Hunde, keine Zigaretten rauchen.“ Vergeblich.


Die Kinder spielen zwischen den Blöcken Verstecken und finden eines der besten Spielareale Berlins dafür vor. Die Eltern nehmen auf den niedrigeren Blöcken am Rande Platz und packen ihre Picknickkörbe aus. Übermütige Jugendliche hüpfen von Stele zu Stele. Auf einer steht ein Blumenkorb mit Unterschriften.



Vor der Treppe, die zur Information, zu den begrabenen Namen in den Untergrund führt, warten die Menschen in einer Schlange, einer kurzen. Eisverkäufer säumen den Rand. „Das wird jetzt in die Normalität Berlins integriert“, sagt einer. Gegenüber zeigt die Akademie der Künste, ebenfalls ein Neubau, ihren Rücken. In die Kulisse mit Reichstag mischen sich Baukräne. Und ich denke: es ist alles schon integriert. Wenige Tage vielleicht hat es gedauert.


Die Menschen nehmen von dem Ort als Ort Besitz, nicht als Mahnmal. Es ist kein wohnlicher Ort, man durchquert ihn. Wenn man nicht spielt. Einige scheinen herausfinden zu wollen, wie der Ort auf sie wirkt. Eine japanische Reisegruppe lässt sich in einem der Durchgänge von oben fotografieren. Niemand empfindet irgendeine Peinlichkeit. Niemand spricht vom Holocaust.


Wie groß das Feld wirklich ist, erschließt sich erst, wenn man sich darauf befindet. Im Überblick erscheint es verblüffend klein. So groß ist drum herum gebaut. Berlin ist wohl der Ort, an Großbauten zu denken.


Es ist früher Sommer. Die Zeit dieses Ortes des Gedenkens aber dürfte der späte Herbst sein, November. Vielleicht stört es nicht, dass man sich versteckt und springt. Vielleicht muss man alles gründlich erkunden, erproben. Vielleicht muss man sich vertraut machen, um dann eines Tages im kalten Nieselregen vielleicht doch einmal allein zu sein.