SECRET SURFACE WO SINN ENTSTEHT

14.02.2016 - 01.05.2016
KW Institute for Contemporary Art
Auguststr. 69 , 0117 Berlin
http://www.kw-berlin.de

Das abendländische Weltbild und dementsprechend auch die westliche Kultur gründen implizit auf der Vorstellung eines Jenseits – des Horizonts und was wir dahinter vermuten, der Unendlichkeit des Universums, und, letztlich, des Todes –, das dem Gewöhnlichen entgegensteht. Diese Vorstellung gibt der menschlichen Existenz aus westlicher Sicht eine Richtung und verspricht Erfüllung beziehungsweise Vollständigkeit. Deswegen assoziieren wir Sinn mit Tiefe und werten die Oberfläche implizit ab: Oberflächlich sind jene Menschen und Dinge, denen es an Komplexität und Intensität mangelt.

SECRET SURFACE. WO SINN ENTSTEHT kehrt diese Logik um und präsentiert zeitgenössische Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die dem unzulänglichen Diesseits nicht etwa ein spirituelles Jenseits an die Seite stellen, sondern die Leere selbst als treibende Kraft konzipieren. Vor diesem Hintergrund untersuchen die Arbeiten dieser Gruppenausstellung, ob und wie Bedeutung ohne den Rückgriff auf metaphysische Erklärungsmuster hervorgebracht wird.

Die Schau gliedert sich in vier Teile, die wiederkehrende Motive hinsichtlich unterschiedlicher thematischer Aspekte in den Blick nehmen. Im Erdgeschoss führt der Prolog Geheimnis der Oberfläche in die Thematik ein und zeigt, dass Oberflächen deshalb verführerisch wirken, weil sie visuell nie vollständig erfahren werden können. Denn erst durch das Licht, das sich auf seiner Oberfläche bricht, wird jegliches Material überhaupt sichtbar – und so entsteht der Wunsch nach Berührung. Anna Barham thematisiert beispielsweise in ihrer Videoinstallation 52NTHJT3K8 (2015) die Faszination einer besonderen Oberfläche: Die „sehende“ und „kommunizierende“ Haut eines Oktopus, die auch nach dem Tod des Tieres auf Licht und Berührung reagiert. Der bekannte romantische Topos der „Toteninsel“ wird in Beth Collars Video ISLAND OF THE DEAD (2014) zum Anlass, die zeitliche und räumliche Distanz zwischen Gegenwart und Jenseits durch bis an die Ermüdungsgrenze reichende Wiederholung aufzulösen.

In der Ausstellungshalle nimmt das erste Kapitel Unter dem Firmament ein literarisches Bild von D. H. Lawrence zum Ausgangspunkt, welches das Universum als menschengemachten Schirm beschreibt, der uns Schutz gegen ein Versinken im Chaos bieten soll. Die hier präsentierten Kunstwerke adressieren diesen Schirm explizit und widmen sich vor diesem Hintergrund der körperlichen und materiellen Realität des Universums, seiner Anziehungskraft und seiner Vergänglichkeit. Katharina Sieverdings Projektion DIE SONNE UM MITTERNACHT SCHAUEN, SDO/NASA (2010) bringt die Sonnenoberfläche mittels hochauflösender Aufnahmen der NASA verführerisch nahe, ohne dabei ihr Geheimnis preiszugeben, während Andy Holdens Wandinstallation OBSESSION (2016) mit unzähligen Augen aus dem Sternenhimmel auf die Betrachterinnen und Betrachter zurückblickt.

Das Kapitel Welt als Oberfläche geht unterschiedlichen Konzepten des Weltbezugs auf den Grund. Die chinesische Künstlerin Ying Miao beispielsweise bringt den Technologiekult um Produkte wie dem iPhone oder iPad mit den spirituellen Sehnsüchten der Menschen in Zusammenhang. Vor dem Hintergrund des Medialen beziehungsweise Virtuellen und dem Bildschirm als der Oberfläche, an und mit dem dieses verhandelt wird, machen die Arbeiten in diesem Kapitel die Strategien von Warenfetischismus, Körperwahn und Celebrity-Kult als Umgang mit und der Aneignung der uns umgebenden Wirklichkeit sichtbar – und zeigen deren Grenzen auf.

Das letzte Kapitel Subjektivierungsweisen widmet sich Formen der Begegnung mit sich selbst und mit anderen, die nicht auf stabile Identitäten setzen. Die hier versammelten Positionen entziehen sich dem kapitalistischen Imperativ eigenverantwortlicher Selbstverwirklichung oder umkreisen diesen spielerisch. Sie eignen sich bestehende kulturelle und soziale Formate wie den Hollywoodfilm, die Talkshow oder den Sexchat an. Während beispielsweise die Figur des Surfers in Arbeiten von Reena Spaulings und Philipp Lachenmann als charakteristischer Nutzer existierender Oberflächen gestärkt wird, zeigt Frances Starks Videoinstallation NOTHING IS ENOUGH (2012), dass auch in der Sprache Nähe und Berührung nicht außerhalb von scheinbar abgedroschenen Allgemeinplätzen entsteht, sondern dass diese Formeln Menschen dabei helfen, sich zu begegnen. Die Arbeiten dieses Kapitels denken gesellschaftliche Normen als Oberfläche, die dem Einzelnen eher durch Aneignung und variierende Wiederholung als durch den Versuch der Abgrenzung Handlungsmöglichkeiten eröffnet.

Die Ausstellung wird kuratiert von Ellen Blumenstein und begleitet von einer Veranstaltungsreihe und einem Performanceprogramm zum Gallery Weekend Berlin (29.4.–1.5.16) der britischen Kuratorin Catherine Wood, für die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung das Thema aufgreifen. Das Projekt basiert auf der gemeinsamen Recherche von Ellen Blumenstein und Catherine Wood.

Mit Beiträgen von niv Acosta, Auto Italia (Kate Cooper, Marianne Forrest, Andrew Kerton und Jess Wiesner), Trisha Baga, Anna Barham, Eduardo Basualdo, Viktoria Binschtok, Gwenneth Boelens, Beth Collar, Hollis Frampton, Spiros Hadjidjanos, Andy Holden, Alex Israel, Philipp Lachenmann, Mark Leckey, Lawrence Lek, Ying Miao, Philippe Parreno, Elizabeth Price, Emily Roysdon, Georgia Sagri, Prem Sahib, Nora Schultz, Katharina Sieverding, Reena Spaulings, Patrick Staff und Cara Tolmie, Philipp Timischl, Frances Stark und Martijn in ‚t Veld.

SECRET SURFACE. WO SINN ENTSTEHT wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. Mit weiterer Unterstützung der Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten und dem British Council.