Scharfe Zeichner- Spitze Feder

Amüsant vitalisiert Tullio Pericoli das Klischee des selbstverliebten
Schreiberlings, der mit pomadisiertem, dandyhaft gestyltem Haar, selbstvergessen Worte des geistigen Ergusses zu Papier bringt und dabei
narzissgleich ins eigene, wonnevolle Antlitz blickt.

Tomi Ungerer versteift sich auf der greisen Herren erotische Gelüste und stattet derlei Männer mit einer Pumpe aus, mit der, je nach Gusto und Bedürfnis,
entweder nach mehr Popo oder nach mehr Busen, das weibliche Objekt der
gierigen Begierde pygmaliongleich und völlig individuell erschaffen- pardon
erpumpt werden kann.

Die Akademie der Schönen Künste präsentiert momentan die spannend-kurzweilige
Ausstellug „Scharfe Zeichner- Spitze Feder“, mit 120 Cartoons, Satiren und
Karikaturen aus der Sammlung Ludwig Fotter.
Das umfangreiche Sammlungsspektrum, das die großen satirischen Geister unserer Zeit beinhaltet, umfasst den schwarzen Humor von Georg Haderer, von Jean
Marie Bosc oder von Gerhard Glück, der maliziös so manche ältere Dame, der
leider auswegslosen Glückssuche, überführt.

Chas Adams, der Erfinder der Fernseh-Addamsfamilie, persifliert die stoische
Vergangenheitssicht der Historiker, die zur Folge hat, daß selbst plumpe
Kinderstreiche als bahnbrechende wissenschaftliche Highlights
missverstanden werden.

Wunderbar sind die zartgliedrigen, süffisanten Satiren von Paul Flora, der
literarische Legenden, historische Szenerien, private Überlegungen oder beim
Wort genommene Ausdrücke wie „Hommes de lettre“, eine Person, die sich statt aus Fleisch und Blut aus Buchstaben zusammensetzt, so feinsinnig visualisiert, daß sie in Prägnanz, Leichtigkeit und Ambivalenz unvergleichlich sind.

Immer wieder erquicklich sind die liebenswürdigen Blätter von Sempe´, der in
sensibel- kurioser Manier treffsicher Hierarchien und Wertesysteme vollständig auf den Kopf zu stellen weiß und dabei zum Beispiel, dem vergessenen
Schirm einer hysterisch lamentierenden Dame, Hinterherzufahren, mehr Relevanz verleiht, als der Jahrhundert- Kunstausstellung, auch wenn man die, sonst auch
nicht wiedersehen würde!

Eine debil blickende, in die Jahre gekommene, füllige, bayerische Marilyn-
Adaption, die freudig berauscht ist vom Wind, der ihr Dirndlgewand hochfliegen und ihre prallen Wadeln und Schenkel lustvoll umwehen läßt- grad so,
wie im verflixten 7. Jahr, präsentiert Manfred Deix.

Neben kauzig frivolen Stücken von Fritz von Herzmanovsky-Orlando, sind weitere Zeitgenossen wie Luis Murchetz, Zymnunt Januszewski, Ronald Searle, Paul
Steinberg und Roland Topor unter den 22 internationalen Künstlern, die mit
ungewohnter Perspektive, abgründiger Ironie, überdimensionierten Details und
kuriosen Hinterfragungen die Ausstellung zu einem anregenden Genuss werden
lassen.

Die Schau bereitet nicht nur großes Vergnügen, sondern motiviert auch, durch die dadaistische Ironisierung und das Freilegen von großen und kleinen,
politischen und privaten Perfidien, vermeintlich Bedeutsames und Fundamentiertes
neu zu überdenken und trägt dazu bei – gewürzt mit einem schmackigen Schuss grottesken Humors- vermeintliche Dringlichkeiten neu zu
hinterfragen und den Tenor auf wirklich relevante Themen zu setzen.
Die Ausstellung, zu der ein umfangreicher Katalog zu Euro 14,5o erscheint , ist
noch bis zum 11. Mai zu sehen.