Sackgasse?

Ein Europäer älteren Semesters fühlt sich Barrydale zurückversetzt an die wunderschönen ruhigen Dörfer, die man überall in Südeuropa finden konnte. Landschaften wie die Provence, Toskana, spanische Küstenabschnitte wie die Costa Brava, Costa del Sol, Costa de la Luz und ihr Hinterland waren in den 60er und frühen 70er Jahren Zufluchtort für meist junge Eurpäer, die versuchten ihren ruhelosen, vom kalten Krieg gezeichneten Gesellschaften zu entkommen. Sie waren nicht alle Aussteiger, obgleich es einige unter ihnen gab. Der südliche Gürtel Europas hat später nicht nur ausländische Touristen als Touristen oder Ferienhausbesitzer angezogen, sondern auch moderne Industrien und manche Regionen haben es dadurch zu mehr Wohlstand gebracht als manche altindustrielle Regionen in West, Mittel- oder Osteuropa. Um heutzutage zu den historischen Zentren der alten Kleinstädte des Südens zu gelangen muss man sich lange durch ausgedehnte Industrie- und Wohngebiete quälen, um am Ziel die historischen Anlagen und Gebäude im Lärm und Gestank von tausenden von Autos, Motorrädern, Bussen oder Lastwagen zu finden. Eine Zukunft, wie die oben skizzierte ist für Barrydale nicht in Sicht. Südfrika unterscheidet sich nicht nur in Bezug auf die Jahrhunderte währende Tradition von Kolonialismus und Apartheid und nicht nur weil es ein Stück Afrikas und seiner Menschen ist sondern auch durch seine Geographie. Das betrifft vor allem die ländlichen Regionen und deren städtische Zentren wie all diese lieblichen Kleinstädte wie Swellendam, Montagu, Heidelberg, Ladismith, Bredasdorp, Bonnievale, Robertson etc.. In den dazugehörigen Townships, leben die Menschen, die weder schwarz noch weiß waren, die Mischlinge, die aus der Vermischung des Blutes der Ureinwohner des Kaps, des San-Volkes mit dem der weißen Einwanderer wie auch dem der vom Norden her zuwandernden schwarzen Stämme hervorgingen. Sie wurden in den Jahrzenten der Apartheid systematisch umgesiedelt. In jedem der hübschen Städtchen findet man auch seine Kehrseite: die Township.. Auch wenn eine wachsende Wirtschaft die ländlichen Gegenden erreichen wird, wird diese Teilung Bestand haben. Das Bevölkerungswachstum wird trotz HIV in den Townships größer sein, als in den weißen Zentren. Arbeitsplätze sind nicht in Sicht; im Gegenteil, die Farmen setzen mehr und mehr Arbeiter frei. Kein Investor aus dem Ausland wird kommen um Fabriken hochzuziehen oder gar Call Center einzurichten. Mit Ausnahme weniger, die den Aufstieg als selbständige Kleinunternehmer geschafft haben, arbeiten die meisten, die einen Job haben für die örtlichen Weißen als Bauarbeiter, Gärtner, Handlanger, Lastwagenfahrer, Erntehelfer, Fruchtpacker oder als Cowboys auf den Rinderfarmen. Selten können sie das nötige Kapital aufbringen, um sich unabhängig zu machen. Wenn die Mühe der Woche vorüber ist und die Menge mit ihren Wochendeneinkäufen auf den Ladeflächen zahlreicher Pick-up´s verschwunden ist und der letzte Einkaufsbeutel seinen Weg nach Smitsville gefunden hat, hängt dieses kleine soziale Problem wie eine Wolke über den leeren Straßen von Barrydale. Die Township Smitsville, die hinter einem Berg, der die Wasserreserve der Stadt trägt, angelegt wurde, ist für das weiße Barrydale unsichtbar. Mit diesem Bild vor Augen sehen wir zurück auf die wundervollen Städte des mediterranen Europas: Aix-en-Provence, Avignon, Gerona, Granada oder Neapel, Sorento usw. und finden sie umringt von Vorstädten. Menschen leben in winzigen Appartments in hässlichen Hochäusern wie überall auf der Welt von Hongkong, Peking, Taipeh, Moskau, Berlin bis St. Paul-Minneapolis. Nichtsdestoweniger machen sich Millionen in Afrika auf, um in die südeuropäischen Ghettos zu gelangen, die ein Produkt „normaler“ Einwanderungspolitik sind und nicht das Ergebnis einer systematischen Politik der Rassentrennung. Zehn Jahre nach der Machtübernahme durch die schwarze Mehrheit zeigt auch Smitsville das Vermächtnis dieser Politik. Wie kann auch der Kapitalismus ein soziales Problem lösen das konsequente Folge kapitalistischer Entwicklung ist? Bis vor wenigen Jahren hat der real existierende Sozialismus die Nationen Europas gezwungen die sozialen Erschütterungen auszugleichen. Seit diese Nationen ihre Wirtschaft den neuen Bedingungen auf den Weltmärkten anpassen geraten die Haushalte unter Druck. Da ist weniger an die Armen, Behinderten und wachsende Zahl alter Menschen zu verteilen. Und es sieht so aus, als soll sich dieser Trend endlos fortsetzen. Irgendjemand muss die Zinsen auf das investierte Kapital aufbringen: der Markt wird es nicht tun und letztlich schafft nur Arbeit Mehrwert. Arbeit ist jedoch billiger und produktiver in anderen neuen Wirtschaftsräumen. Was können die Leute hier also tun, um ihrer Township zu entkommen? Dahinziehen wo sie eher Arbeit finden können? Wo aber dann leben? In einer anderen Township mit anderen Unsicherheiten und anderem Elend? Diese soziale Falle ist jedoch nicht typisch für Barrydale: sie ist eine Bedingung des Lebens nicht nur in Afrika..