RYAN TRECARTIN / KATE COOPER RIGGED / Ilit Azoulay / Lukas Töpfer

14.09.2014 - 11.01.2015
KW Institute for Contemporary Art
Auguststr. 69, 10117 Berlin
http://www.kw-berlin.de

RYAN TRECARTIN
Einzelausstellung
14.9.14–11.1.15

Die KW Institute for Contemporary Art freuen sich, die erste institutionelle Einzelausstellung von Ryan Trecartin in Deutschland zu präsentieren. Mit einem neuen Mehrkanalfilm und einer großen ortsspezifischen Installation, die in Zusammenarbeit mit seiner langjährigen Partnerin Lizzie Fitch entstanden ist, wird das Werk die Auseinandersetzung des Künstlers mit Sound vertiefen. Zugleich fordert sie die tradierten Formen, wie Zuschauer sich zu unterschiedlichen Medien ins Verhältnis setzen, heraus.

Trecartins dichte Erzählungen werden von komplexen und stilisierten Charakteren getragen, die uns befremden und zugleich bekannt erscheinen. In Form und Inhalt greifen Trecartins Filme die herrschende Ästhetik und soziale Normen verschiedener Bereiche der Popkultur auf. Das fieberhafte Tempo, die aufwendig gestalteten Schnitte und die dynamischen, sich ständig verändernden Identitäten der ProtagonistInnen aus Reality TV und Internet werden adaptiert und weiterentwickelt. Vom amerikanischen Magazin The New Yorker als der ?wichtigste Künstler seit den 1980er Jahren“ bezeichnet, definiert Trecartins visionäres Verständnis der tiefgreifenden kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen unsere aktuelle – und zukünftige – Gegenwart.

Eine mehrteilige Film- und Soundinstallation bildet das Zentrum der neuen Arbeit für die KW. Die Ausstellung untersucht die Doppelfunktion, die Sound hier erfüllt: als Tonspur aus Dialog und Musik und zugleich als eigenständige räumliche Komponente, die skulptural erfahren werden kann. Von einer akustisch-räumlichen Inszenierung ausgehend, entfaltet sich die Arbeit über mehrere Räume im Erdgeschoss. Die BesucherInnen erleben das Werk erst auditiv, dann visuell, bevor es in eine komplexe Installation in der Ausstellungshalle mündet. Dort präsentiert Trecartin seinen neuen Film, eine Videoarbeit, in der verschiedene Projektionsleinwände so aufgestellt werden, dass sie das 5.1 Surround Sound vom Film selbst spiegeln und so die visuellen, akustischen und physischen Ebenen der Arbeit als Einheit behandeln.

Der Film wurde hauptsächlich in einem ehemaligen Freimaurertempel in Los Angeles und an weiteren Standorten in Kalifornien gedreht. Die Ausstellungsarchitektur nimmt Situationen aus dem Film auf, um eine Umgebung zu schaffen, in der der Inhalt materiell und digital widerhallt.

Für seine neue Arbeit nutzt Trecartin die aus vorherigen Projekten bewährte Handkamera-Ästhetik. Seiner kollaborativen Praxis folgend, drehten die PerformerInnen mit am Körper getragenen Extremsportkameras oder auf Drohnen montierten Kameras zusätzliches Material. Die in den KW präsentierte Arbeit steht in Verbindung mit einer 2013 begonnenen Serie, die vier Filme (IITEM FALLS, JUNIOR WAR, CENTER JENNY und COMMA BOAT) sowie skulpturelle Theater und freistehende Skulpturen umfasst. Diese neue Produktion führt Trecartins Kooperation mit Rhett LaRue und mit einer Gruppe von MitarbeiterInnen und PerformerInnen wie José Garcia, Sean Grattan, Murphy Maxwell, Sergio Pastor, Nick Rodrigues, Lola Sinreich, Adam Trecartin und Anthony Valdez fort.

Ryan Trecartin, 1981 in Texas geboren, absolvierte 2004 den Bachelor of Fine Arts an der Rhode Island School of Design in Providence, USA. Gegenwärtig lebt und arbeitet er in Los Angeles. Er stellte seine Arbeiten in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit aus, darunter HIGH PERFORMANCE: THE JULIA STOSCHEK COLLECTION: TIME-BASED MEDIA ART SINCE 1996 (ZKM, Karlsruhe, 2014); IL PALAZZO ENCICLOPEDICO (THE ENCYCLOPEDIC PALACE) (55. Biennale di Venezia, Venedig, 2013); IMAGE EMPLOYMENT (MoMA PS1, New York, 2013); ANY EVER (Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Paris, 2011); ANY EVER (Museum of Contemporary Art Pacific Design Center, Los Angeles, 2010); A FAMILY FINDS ENTERTAINMENT (Kunsthalle Wien, Wien, 2009). Zeitgleich mit Trecartins Ausstellung in den KW eröffnet eine Einzelausstellung im Ullens Center for Contemporary Art in Peking, und ab Oktober 2014 ist Trecartin in der Zabludowicz Collection in London zu sehen. Gemeinsam mit Lauren Cornell, Leiterin der Plattform für digitale Kultur Rhizome.org, wird Trecartin 2015 für THE GENERATIONAL TRIENNIAL im New Museum in New York erstmals als Kurator tätig sein.

Die Ausstellung wird kuratiert von Ellen Blumenstein und Klaus Biesenbach.

RYAN TRECARTIN wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds, Berlin.

Die Neuproduktion von RYAN TRECARTIN wird von Sprüth Magers Berlin London unterstützt. Zusätzliche Unterstützung von Regen Projects, Los Angeles, und Andrea Rosen Gallery, New York. Mit besonderem Dank an die Maurice and Paul Marciano Art Foundation.

KATE COOPER
RIGGED
Kunstpreis der Schering Stiftung
Einzelausstellung
14.9.14–11.1.15

Für ihre mit dem Kunstpreis der Schering Stiftung verbundene erste institutionelle Einzelausstellung hat, die diesjährige Preisträgerin Kate Cooper, eine Reihe neuer Video- und Fotoarbeiten produziert, die sie in einem eigens für die KW Institute for Contemporary Art konzipierten Szenenbild präsentiert.
Durch den intensiven Gebrauch von CGI-Techniken, kommerzieller Fotografie und Postproduktion betont die Ausstellung RIGGED die Arbeit, die zur Gestaltung von Bildern aufgewandt werden muß. Sie untersucht die Position des weiblichen Körpers in der Geschichte der digitalen Bildtechnologien. Indem sie Bilder des Körpers schafft und neu wiedergibt, fragt Cooper, was diese digitalen Figuren als downloadfähige, überzeichnete Körper anstatt unserer selbst leisten.

Cooper interessiert sich für die fiktionalen Räume von Werbebildern, die sofort lesbar und in ihrer Botschaft universell sind, und überprüft deren Wirkung auf unser Erleben sowie unser Verhältnis zu ihnen. Dabei hinterfragt sie auch unsere Vorstellungen von Gender und Arbeit, die durch Werbung generiert werden. RIGGED erforscht neue Verbindungen zwischen Körpern und Bildern und veranschaulicht das Spannungsfeld zwischen Präsenz und Unsichtbarkeit. So, wie digitale Bilder zu unseren Doubles werden – teure aber unbezahlte Figuren, die in unserem Auftrag handeln – wird die Arbeit, die zu solchen Formen der Produktion gehört, neu als Akt des Rückzugs fokussiert. Unsere eigenen Körper bedienen sich einer Strategie der Verweigerung: Camouflage als Überlebenstechnik.

Cooper sagt: „Wie können wir, in unserer Post-gegenständlichen Welt – in der Bilder keinen Ort haben und frei durch Netzwerke treiben – die Kraft von Bildern neu verhandeln, ihnen ihre Macht zurückgeben, sie dazu bringen, für uns zu arbeiten?“

RIGGED zeigt den Menschen selbst als Handelsware; die plakatgroßen Figuren die im ganzen Raum installiert sind, fokussieren den Körper als Ort, an dem Ideen kommuniziert werden: eine Neukodierung und Neukonfiguration von Bedeutungen. Während die computergenerierten Bilder verstörend realistisch werden, umgeben Coopers Doppelgänger die BetrachterInnen als stumme Formationen und entfalten ihr eigenes illusionäres Potential, das beständiger als menschliche Materie ist.

Kate Cooper, geboren 1984 in Liverpool, lebt und arbeitet in London. Als Mitbegründerin und Leiterin der Londoner Künstlerinitiative AUTO ITALIA untersucht sie, wie Künstler zusammenarbeiten, um neue Formate für künstlerische Produktionen zu entwickeln. Ihre bisherigen Projekte umfassen unter anderem VIEWING COPY, CIC, Cairo (2013); IMMATERIAL LABOUR ISN’T WORKING, Auto Italia, London (2013); MY SKIN IS AT WAR WITH A WORLD OF DATA, Artissima Art Fair, Turin (2012); AUTO ITALI LIVE, ICA, London (2012); IT’S LIKE STARING SOMEONE OUT WHO’S NOT EVEN LOOKING AT YOU, Tate Modern, London (2012). Cooper wurde für den Jerwood/Film and Video Umbrella Prize WHAT WILL THEY SEE OF ME?, London, und CCA, Glasgow (2014) nominiert.

Die Ausstellung wird kuratiert von Ellen Blumenstein.

Ein Katalog zur Ausstellung mit dem Grafikdesign von Michael Oswell erscheint im Sternberg Verlag.

Der Kunstpreis der Schering Stiftung

Der Kunstpreis der Schering Stiftung zeichnet internationale Künstlerinnen und Künstler aus, die als wichtigste Neuentdeckung der letzten zwei Jahre gelten und einen herausragenden originellen künstlerischen Ansatz verfolgen. Die Auszeichnung umfasst ein Preisgeld von 10.000 Euro, eine Einzelausstellung in den Räumen der KW Institute for Contemporary Art in Berlin sowie einen Katalog.

Die Mitglieder der Jury sind Ellen Blumenstein (Chefkuratorin, KW Institute for Contemporary Art, Berlin), Massimiliano Gioni (Künstlerischer Leiter, Fondazione Nicola Trussardi, Mailand, Italien), Prof. Dr. Charlotte Klonk (Professorin, Humboldt-Universität zu Berlin), Nicolaus Schafhausen (Direktor, Kunsthalle Wien, Österreich) und Joshua Simon (Direktor, MoBY – Museums of Bat Yam, Israel).

Ilit Azoulay
SHIFTING DEGREES OF CERTAINTY
Studioprogramm
14.9.–16.11.14  !!

Im Frühjahr 2013 hat das Shpilman Institut für Fotografie (Tel Aviv) in Kooperation mit den KW Institute for Contemporary Art und der Schir Foundation (Berlin) erstmalig ein Aufenthaltsstipendium für Fotografie vergeben. Ilit Azoulay (*1972, Israel) bezog im Juni 2013 ein Studio in den KW und nutzte in den fünf Monaten ihres Aufenthalts die Möglichkeit, ihr Interesse an der Archäologie der Städte zu vertiefen. In Deutschland sammelte und fotografierte sie Objekte und architektonische Fragmente in Berlin, Weimar, Kulmain, Regensburg, Dessau, Bamberg, Brandenburg, Xanten, Potsdam und Halle sowie in dem Gebäudekomplex der KW selbst.

In einigen Fällen wählte Azoulay unterschiedlichste denkmalgeschütze Orte wie auch Gebäude, die Stein für Stein, gemäß den denkmalpflegerischen Maßgaben, rekonstruiert wurden. Jedes der 93 gesammelten Objekte wurde mit einer Technik, ähnlich der des Scannens, fotografiert. Diese Technik ist charakteristisch für die Arbeitsweise der Künstlerin und ermöglicht ihr die Nebeneinanderstellung verschiedener Betrachtungspunkte zu einem digital komponierten Bild.

Nach ihrem Aufenthalt in Berlin begann Azoulay mit der Sammlung diverser Informationen, die mit der Herkunft jedes einzelnen Objektes in Verbindung stehen. Diese akribische Erfassung von Informationen wurde zentral für das Projekt und beinhaltet Korrespondenzen mit Klöstern, BewohnerInnen von besetzten Häusern, PräparationsexpertInnen, PflanzenforscherInnen, GebäudekonstrukteurInnen und AnwältInnen. Hinzu kommt eine Sammlung von Geräuschen, die im Bezug zu den Objekten aufgezeichnet wurden.

In den KW präsentiert Azoulay ihre fotografierten Objekte in der ortsspezifischen Installation SHIFTING DEGREES OF CERTAINTY. Die gesammelten Objekte werden um einen Audioguide erweitert, der den Betrachter in die historischen, persönlichen und eigentümlichen Details des Forschungsprozesses der Künstlerin einweiht und dazu einlädt, die Textualität eines jeden Objektes zu entdecken.

Lukas Töpfer
DER RÜCKZUG DER DINGE #1: DIE MELANCHOLIE DER ELITE
Mehrteiliges Ausstellungsprojekt
14.9.–14.10.14, täglich 19.30 h !!!
Nur mit Termin, Reservierung unter lt@kw-berlin.de

3 ½, ein kleiner Raum zwischen dem dritten und vierten Stock der KW, widmet sich in den kommenden Monaten einem Ausstellungszyklus mit dem Titel DER RÜCKZUG DER DINGE. Der Zyklus beginnt mit einer Ausstellung, die ein vergangenes Projekt zu kommentieren versucht und in einer Reihe privater Begegnungen nach und nach von Neuem entstehen lässt.

DIE MELANCHOLIE DER ELITE besteht aus einer öffentlichen Installation und einer Folge von Dialogen mit jeweils einem Besucher/einer Besucherin pro Abend. Die Gespräche beginnen um 19.30 Uhr (sobald die anderen Ausstellungen geschlossen sind), dauern ca. 40-60 Minuten und werden für insgesamt 31 Personen angeboten. Die Termine werden im Voraus per E-Mail vergeben. Bitte wenden Sie sich an lt@kw-berlin.de.

Besprochen wird die folgende, kaum beachtete Begebenheit: „Vor einigen Jahren fand in Russland eine ungewöhnliche Ausstellung statt, in der Wohnung des 1918 erschossenen Verräters Roman Malinowski (jenes prominenten Bolschewiki und tragischen Weggefährten Lenins, der seine Genossen im Dienst des Zaren über Jahre hinweg unbemerkt ausspioniert hatte).
Die Ausstellung bestand aus Werken, die ein großes und unaufgelöstes Problem umkreisten, das eine Gruppe melancholisch gestimmter marxistischer Modernisten nach und nach dazu bewogen hatte, nicht mehr an öffentlichen Ausstellungen teilzunehmen und sich – langsam, aber entschlossen – ganz aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen…“

Kuratiert von Lukas Töpfer

Das Programm der KW Institute for Contemporary Art wird durch die Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten ermöglicht.