Rush Hour, Morning and Evening, Cheapside

Menschen unterwegs, auf den Kopf gestellt: nur ihre Schatten treffen beiläufig aufeinander. Es ist Hauptverkehrszeit: Jede/r eilt zur Arbeit. Und später nach Hause.
Schatten sind HauptdarstellerInnen des vom Autor und Filmemacher Mark Lewis im Londoner Financial District aufgenommenen Alltagsbildes. Sie führen den Perspektivwechsel der PassantInnen im urbanen Raum herbei. Dabei kann man sich an Gustave Caillebottes Ölbild „Straße in Paris an einem regnerischen Tag“ (1877) genauso wie an Fotografie im urbanen Raum erinnert fühlen. Mit den Schatten als ProtagonistInnen wird zudem auf das Medium Film bzw. seine Aufzeichnungsmethoden Bezug genommen. So reflektiert Mark Lewis des Öfteren in seiner Arbeit das Motiv des Schattenbildes in seinem Einfluss auf visuelle Kultur: „In der Geschichte der Malerei wurde von dem Moment an, als der Schatten auf den Wänden erkannt wurde, der Versuch unternommen, Bewegung zu verstehen und diese in der Unbeweglichkeit der Bilder darzustellen.“ (Lewis) In gewisser Weise realisiere der Film die Ambition von Malerei, (sich) zu bewegen; gleichzeitig stelle er das in Frage, was herkömmlich als Bild definiert wird.
Was die documenta 12 an Bildern präsentiert, Unbekanntes und (scheinbar) Vertrautes, Verstörendes und Lustvolles, Gezeichnetes und Digitales ? all das bringt auch der/die Betrachter/in selbst mit. Denn die auf dem Spiel formaler Korrespondenzen basierende „Migration der Formen“ (Roger M. Buergel) beruht auf keiner bloß formalen Migration, sondern bietet dem Publikum die Chance, eine andere Art von Partizipation zu erfahren. In dem Moment, in dem die BetrachterIn nach Erklärungen sucht, beginnt die eigene Infragestellung. An dem Punkt, an dem keine Bedeutung mehr entsteht, provoziert das „Andere der Bedeutung“(Buergel) eine Krise: Sie fragt die BesucherInnen, ob sie bereit seien, sich auf die ästhetische Erfahrung einzulassen, d.h. sich ihr zu überantworten – ohne genaue Kenntnis über das Ziel der Reise.
Durch den Perspektivwechsel fordert die documenta 12 eine Selbstveränderung heraus. Dabei können die BesucherInnen jedoch auch schlendern – im Gegensatz zu den eilenden Schatten-Passanten in Mark Lewis‘ Trailer. Sie können sich treiben lassen von Form zu Form, sich auf Begegnung nach Begegnung einlassen, um letztlich in jenen lustvollen Krisenzustand zu geraten.
Wir wünschen entdeckungsreiches Reisen und herausforderndes Schlendern.
documenta 12-Trailer, Ausschnitt aus Rush Hour, Morning and Evening, Cheapside (2005), 35 mm, übertragen auf HD, 4 Minuten
Film von Mark Lewis, mit freundlicher Genehmigung des Museum of Modern Art, New York, Fund for the Twenty-First Century
Ab 29. Mai 2007 läuft der Trailer deutschlandweit in Programmkinos.
Mark Lewis, *1957, geboren in Hamilton, Ontario, Canada, lebt und arbeitet in London.Der Künstler Mark Lewis arbeitet als Redakteur bei Afterall Journal und Afterall Books und schrieb den Artikel „Ist die Moderne unsere Antike?“ für die erste Ausgabe der documenta 12 magazines. Lewis kuratierte zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit.

Pressemitteilung: documenta 12

Johanna Maria Huck-Schade