RICHARD AVEDON. WANDBILDER UND PORTRÄTS

18.07.2014 - 09.11.2014
Pinakothek der Moderne
Barer Str. 29 |, 80799 München
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Richard Avedon (1923–2004) gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Modefotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Akzent der Werkauswahl in dieser Ausstellung liegt allerdings auf den weniger bekannten Aspekten seines Schaffens. Neben der reinen Modefotografie, die die finanzielle Basis seines Wirkens garantierte, war es Avedons Aufgabe für Reportagen oder Berichte über bedeutende Persönlichkeiten Porträts zu erstellen. Ein weites Panorama der kulturellen und politischen Eliten Amerikas ist auf diese Weise entstanden. Ganz früh interessierte sich Avedon für das anonyme Leben auf den Straßen Süditaliens oder New Yorks. In den reportageartigen Serien, die jahrzehntelang nicht veröffentlicht wurden, manifestiert sich Avedons soziales Interesse, das ihn dazu führte, sich in den 60er Jahren auf Seiten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu engagieren.
Das Projekt des Museums Brandhorst hat zudem einen besonderen Anlass. Erstmals werden diejenigen Werke Avedons der Öffentlichkeit vorgestellt, die Eigentum der Udo und Anette Brandhorst Stiftung sind. Abgesehen von dem Wandbild „The Mission Council“ sind es über dreißig Porträts und Fotos aus der Serie „In the American West“. Hinzu kommen einige Leihgaben aus Privatbesitz, während alle anderen Arbeiten von der Richard Avedon Foundation, New York, zur Verfügung gestellt werden.

Politisch aufgeklärt und liberal eingestellt, begann Richard Avedon zwischen 1969 und 1971 vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Unruhen und Veränderungen in den USA vier große fotografische Wandbilder zu schaffen, die in der Geschichte des Mediums von herausragender Bedeutung sind. Auf den zwischen sechseinhalb und zehn Meter breiten und zweieinhalb bis über drei Meter hohen Darstellungen sind die Gestalten teilweise überlebensgroß und in frontaler Position vor weißem Hintergrund nebeneinander aufgereiht. Es sind schattenlose Schwarzweißbilder von rigoroser Klarheit und einer extremen Sachlichkeit, die scheinbar die ästhetische Autonomie der Werke unterlaufen, so dass sie nicht sofort als Kunst wahrgenommen werden. Ihre eminente Wirkung resultiert vor allem aus der Intensität der unmittelbaren Konfrontation des Betrachters mit diesen Fotografien bzw. den dargestellten Personen.
Drei der vier Arbeiten, die Avedon realisiert hat, werden im Museum Brandhorst gezeigt. „Allen Ginsberg’s Family“ (3. Mai 1970) zeigt den Wortführer der Beat-Generation und bedeutenden Dichter im Kreise seiner Familie. „Andy Warhol and members of The Factory“ (30. Oktober 1969) ist wegen der großen Werkkomplexe Warhols im Museum Brandhorst in München von besonderem Interesse. „The Mission Council“ (28. April 1971) entstand während des Vietnamkriegs in Saigon und zeigt den Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte und verschiedene Vertreter der Washingtoner Regierung. Aus Platzgründen musste bedauerlicherweise auf „The Chicago Seven“ (5. November 1969) verzichtet werden.

Anders als in New York, wo die vier „murals“ und weitere thematisch mit ihnen verbundene Werke im Sommer 2012 von der Gagosian Gallery gezeigt wurden, werden die Wandbilder im Museum Brandhorst durch drei andere Werkgruppen ergänzt. Es handelt sich dabei um eine Auswahl bewegender Porträts, die seit den 50er Jahren entstanden. Das breite Spektrum reicht von Francis Bacon und Brigitte Bardot bis Samuel Beckett, Truman Capote und Marcel Duchamp, schließt aber auch Bob Dylan und Marilyn Monroe sowie Buster Keaton und Ezra Pound ein. Der Physiker Robert Oppenheimer sowie der Gouverneur von Alabama, George Wallace, markieren gleichsam die Extreme des politischen Spektrums der Bürgerrechtskonflikte in den USA.

Eine weitere Werkgruppe umfasst 1963 entstandene Fotos aus einer psychiatrischen Klinik in Louisiana. Sie zeigen eine andere, dunkle Seite der Gesellschaft. Es sind teilweise Darstellungen von Menschen, die sich offenbar ihrer Situation und ihres Schicksals bewusst sind, aber auch solche, die sich in einer Art von Trance zu befinden scheinen als wären sie medikamentös ruhig gestellt worden.

Zwischen 1979 und 1984 bereiste Avedon im Auftrag des Amon Carter Museums von Fort Worth 17 westliche Staaten der USA und machte Aufnahmen von Bergarbeitern, Farmern, Fabrikarbeiten, Landstreichern und anderen, meist sozial degradierten Personen. Der Werkkomplex „In the American West“ vergegenwärtigt den Niedergang der Öl- und Kohleförderung und anderer Wirtschaftszweige. Eine Auswahl der 152 x 120 cm großen Arbeiten ergänzt und verändert die Vorstellung von einem Künstler, der weit mehr war als ein der Werbung verpflichteter Modefotograf. Die Bilder dieser Serie markieren einerseits die deprimierenden Schattenseiten des großen amerikanischen Traums, andererseits aber auch Stolz und Würde angesichts aussichtslos erscheinender Lebensumstände.

Ohne die große Unterstützung der Richard Avedon Foundation hätte sich das Projekt nicht realisieren lassen. Überdies war die Gagosian Gallery bei Organisation und Einrichtung der Ausstellung in München behilflich.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der die gezeigten Werke abbildet. Der im Hirmer Verlag erscheinende Band enthält verschiedene Essais, u.a. von Bob Rubin, William Shawcross, Paul Roth, die einzelne Aspekte des Œuvres erläutern. Er ist zum Preis von ca. € 59 an der Museumskasse erhältlich.