Renèe Green

„Ich weiß, dass ich an vielen Orten nur Bruchstücke hinterlassen habe, Meine Vorstellung von einem Zuhause ist variabel. Sie ist nicht notwendigerweise an einen Ort gebunden.“ Renée Green

Die afro-amerikanische Künstlerin, Filmemacherin und Autorin ist 1959 in Cleveland, Ohio, geboren. Sie lebt und arbeitet in New York und Wien. Seit 1997 lehrt sie an der Akademie der Bildenden Künste in Wien als Professorin für konzeptionelle Kunst. Ferner ist sie Gastlektorin am Whitney Museum of American Art Independent Study Program in New York und an der Yale University School of Art.

In Nordamerika, Lateinamerika und Europa hat sie Ausstellungen und Projekte durchgeführt. In den meisten Fällen hat sie ihre Arbeit auf den Ausstellungsort und seine Geschichte bezogen.

Von ihrer Kindheit in Ohio weiß man, dass bei ihren Eltern, da der Vater als Elektroingenieur tätig war, in jedem Zimmer ein Fernseher stand. Ihre Mutter besuchte die nahegelegene Kent State University, Ohio, an der vier Studenten, die 1970 an einer Protestveranstaltung gegen die US Invasion in Kambotscha teilgenommen hatten, erschossen wurden. Ein Thema, welches in „Partially Buried“ wieder zu finden ist.

Ihre Arbeitsmethode bezeichnet sie: „I piece it all together“ („Ich stückle alles zusammen“). Ein Patchwork aus Fundstücken, die sie inspirieren, Begegnungen, öffentliche und private Erzählungen, Gemunkel und viel recherchierte Literatur „Cultural Studies“, aus verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Orten.

So entstehen aus dem differenzierten Wissen von Renée Green viele Aussagen in Form von Videos, Installationen, Skulpturen und Texten. Im Dialog zwischen den Medien entsteht die Spannung in ihrem Werk. Ihre assoziativen Bilder bewegen sich zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsvorstellungen, die Ernsthaftigkeit wird begleitet von ironischen und humorvollen Aussagen. Ihre persönliche Wahrnehmung wird prozesshaft verarbeitet. Unterschiedliche Aussagen aus früheren Installationen werden in den verschiedenen Ausstellungen in neuen Gruppierungen und in anderer Form gezeigt und ergänzt. In der Auseinandersetzung ist es nicht immer einfach, aus den einzelnen Informationen einen Gesamteindruck zu gewinnen, da die Aussagen subjektiv und die assoziativen Kombination nicht immer nachvollziehbar sind.

Videoarbeiten

Die Künstlerin produzierte zwischen 1991 und 1999 Videos für Installationen und eigenständige Arbeiten, unter anderem schuf sie entsprechende Räume für ihre Video- und Filmaufführungen, wie „Between and Including“in der Secession, Wien und auf der Documenta11.

Während ihrer Ausstellungen übernahm sie auch die Programmgestaltung der Film- und Videovorführungen, die in zahlreichen internationalen Ausstellungshäusern und Museen zeitgenössischer Kunst gezeigt wurden.
Sie umfassen die gesamte Bandbreite von grob bis fein ausgearbeiteten Bildern, vom Absurden bis zum Bedeutsamen, Themen und Situationen des 20. /21 Jahrhundert werden aufgegriffen, – von der Hiphop-Kultur bis zur Hardcore-Musik in den USA und Deutschland, sowie die Positionierung der Kunst in der Betrachtungsweise und dem Sammeln.

Die folgenden drei Videos spielen in den 70er Jahren, in denen Green ihre Kindheit in Ohio verbrachte. Erinnerungen, auch verdrängte, Zeitgefühle, Bedeutungen von Orten, genealogi

sche Spuren, die eigene Identität und auch die immer wiederkehrenden Widersprüche beim Nachdenken und Assoziieren waren die Intention für diese prozesshafte Arbeit der Künstlerin.

„Partially Buried“

Das Video ist eine Verknüpfung zweier Ereignisse an der Kent State Universität in Ohio in den 70er Jahren.

Zu Jahresbeginn führte der amerikanische Land-Art-Künstler Robert Smithson sein „Mud Slide Projekt“ durch. Er ließ sich von den Studenten zum Verschütten eines Hauses auf dem Campus bedrängen. Da diese Haus „Partially Buried Woodshed“, danach mit einem Geldwert von $10.000 belegt wurde, konnte es nicht mehr ohne weiteres von der Leitung der Universität weggeschafft werden. Heute belegen nur noch Fotos und einige Grundmauern dieses Projekt.

Im Mai wurden vier Studenten, die an einer Protestveranstaltung gegen die US-Invasion in Kambodscha teilgenommen hatten, erschossen. Kurz danach schrieb jemand „May 4, 1970“ auf „Partially Buried Woodshed“, so ging das verschüttete Haus in die Geschichte der politischen Kunst ein.
Aus den Interviews im Video geht hervor, dass bis zum 25. Jahrestag öffentlich nicht über die Erschießungen geredet wurde. Aus diesem Grund war es für Green schwierig, an privates Fotomaterial zu kommen. Wurde die Geschichte „teilweise begraben“?

„Übertragen/Transfer“

Die Vorstellungen von den USA und die Vorstellungen von deutschstämmigen Personen in den 70er Jahren, welche heute in den USA leben, werden von der Künstlerin in Beziehung gesetzt und untersucht. Die Künstlerin pendelte 1991 zwischen den USA und Deutschland. Sie versucht in dieser Arbeit, sich mit den Gedanke von Kwame Anthony Appiah zum Thema des „kosmopolitischen Patrioten“ auseinander zu setzen:
„Die bevorzugte Verleumdung, die die engstirnigen Nationalisten gegen uns Kosmopoliten ins Treffen führen, ist, daß wir keine Wurzeln haben: mein Vater glaubte jedoch an ein verwurzeltes Kosmopolitentum oder, wenn Sie so wollen, an einen kosmopolitischen Patriotismus. Wie Gertrude Stein dachte er, Wurzeln hätten keinen Sinn, wenn man sie nicht mitnehmen könnte. „Amerika ist mein Land und Paris ist meine Heimatstadt“, sagte Stein.“
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„Partially Buried Continued“

Dieses Nachfolgevideo von 1998 widmet sich dem Korea-Krieg-Einsatz von Renée Greens Vater. Sie untersucht Bilder, die während des Korea-Kriegs aufgenommen wurden und die sie als Kind sah. Fotos, die am 18. Mai 1980 in Kwangju in Korea entstanden sind, stellt die Künstlerin neben Aufnahmen, die sie selbst 1997 in Kwangju und Seoul machte. Ein Streifzug durch Geschichten, das Zuschauen bei der Materialsichtung, Fotoalben und Bücher werden umgeblättert, durchdringen den für eine Ausstellung in Südkorea fertiggestellten Film. Sie setzt die verschiedenen Möglichkeiten der Kamera ein, Ungenauigkeit, Genauigkeit und Schärfe z.B. überbelichtete Green die Leuchtdisplays des südkoreanischen Kriegsmuseums.

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„Some Chance Operation“

Es wird an die italienische Filmemacherin Elvira Notari am Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert, die mit ihrer eigenen Produktionsfirma in Neapel neben 100 Dokumentarfilmen mehr als sechzig längere Filme gedreht hat. Sie wurden nicht nur in Italien, sondern auch in den USA den italienischen Einwanderern gezeigt, um ihnen die alte Heimat vor Augen zu führen. Noch vor einiger Zeit wurden ihre Filme ihrem Ehemann Nicola zugeschrieben, obwohl nur mehr drei davon erhalten geblieben sind, u.a. „E’Picerella“.

Guiliano Bruno schreibt dazu, es gab „kaum Interviews und geringes Interesse an der Autorin Elvira Notari. (…) Wie bei anderen Filmregisseurinnen war die Autor(inn)enschaft Notaris ausschließlich aus der feministischen Kritik entstanden.“ In der Rekonstruktion der Geschichte von Stummfilmregisseuren wird heute nachträglich den Frauen ihre Autorinnenrolle wieder zugesprochen. Die Hommage auf Elvira Notari, ist in einem kleinenVideokino unterm Zeltdach mit Dialeinwand und spartanischen Sitzen eingerichtet. Renée Green führt außerdem private Erinnerungen und Eindrücke von Neapel-Besuchern vor.

Renèe Green stellt mit ihrer Arbeit viele Fragen u.a.: Erinnert sich noch jemand an diese Filme? Wie geht der Betrachter mit dem Vergangenen, den haptischen Erinnerungen, den Träumen, Phantasien und Projektionen, die Thema des Videos sind, um?

Rauminstallationen (Auswahl)

„Salon Vienna“ (1993-94)

Polstermöbel, Fußbank, Gardine bis hin zu einem Hausanzug sind im ‚Salon Vienna‘ mit dem gleichen rosa Überzug bepolstert und angefertigt. Bei genauem Betrachten dieser bürgerlichen Idylle erkennt man in dem Stoffentwurf Szenen aus der Sklaverei und der Frauenunterdrückung. Die Stiche an den Wänden beschäftigen sich mit den gleichen Themen und verstärken dadurch die Aussage.

„Idyll Pursuit“ Informations

In dieser Installation sind unterschiedliche Fundstücke wie Fotos, Bücher, Texte, Reisepläne und Bilder der Hudson River School Maler (alte Stiche), welche auf Motivsuche (Idylle) nach Südafrika reisten. Die Ideologie der Kolonialmächte im 19. Jahrhundert zeigt die Künstlerin mit alten Texten und Referenzen an europäische und US-Literatur. Als Green in Caracas, Venezuela diese Installation aufbaut, reiht sie sich selbst als Südafrikanerin unter die Reisenden und macht mit den anderen Atemübungen, wie ein Foto belegt. Damit will sie die Frage stellen, wie weit es eine Parallele zwischen den heutigen Künstlern, die in exotische Länder reisen und den Weißen des 19. Jahrhunderts, die die Kolonien besuchten, gibt. Die Künstlerin fragt sich selber, ist sie Kolonialisierende oder kolonialisiert.

Welche Zufälligkeit spielt bei unseren Erinnerungen, das, was wir festhalten und archivieren wollen, und das, was uns ausmacht, eine Rolle?

Johanna Maria Huck-Schade – Juli-2002