Red Air Force

Red Air Force
Von Dirk Schröder


Erst provozierte die bloße Idee, künstlerische Arbeiten zur RAF-Thematik zu versammeln, dann die, derlei Ausstellungen durch Bilderspenden per eBay zu finanzieren, und nun ist sie da: die RAF-Kunstshow.


Kunst zeigt, sie berichtet nicht. Die so genannte RAF-Ausstellung zeigt, was wir gewiss erinnern. Das Sowieso. Schlagbilder. Fetzen. Ex-Ikonen. Es wäre ohne Objekte gelungen. Bilder im Kopf. Es gibt, meistberichtet, wie hier, die Fotos der Täter und Opfer, wie man das nennt. By Hans-Peter Feldmann. Rudolf Herz nennt Namen. Wie wir es nach dem elften September gemacht. Ich jedenfalls in zwei so genannten Gedichten.


Wie hieß das damals? Sagen wir es noch einmal. Tun wir uns das an. Stehen wir Schlange. Ob den in die kleinbürgerliche Arbeiter- und Bauernexistenz östlich des Zauns Abgetauchten die späteren Westklischees vertraut waren? Haben die heute einen anderen Blick? Egal. Die Ausstellung ist immerhin ein bisschen international. Das zeigt, was außerhalb Deutschlands ankam. Dass unsere Bilder von denen der Welt kaum abweichen. So effektiv ist das Erinnern.


\\\\\\\"\\\\\\\" (Bundeskriminalamt)


Die interesselose Kunst ist harmlos. Alle Erregung bettet sie selbst wieder sanft. Die künstlerische Bewältigung/Aufarbeitung/Reflexion/Erzählung der (überwiegend) Medienerfahrung des deutschen Terrors der Siebziger soll aber angeblich dem Thema sich produktiv stellen – und hätte das spätestens seit den Neunzigern auch tun können, da sich das Publikum in sicherer Entfernung befand. Die Ausstellung hinterlässt ein wenig den Eindruck, dass die RAF doch viel mit der NS-Zeit zu tun hatte, was zutrifft und wichtig ist, sonst aber kaum einen. Nicht in den – mehrfach über Erklärungen – doch anzutreffenden Aussagen und Behauptungen, nicht formal. Die so oft probierten Konzepte der letzten Jahrzehnte. Formen im Kopf.


Eine Banane, grinsend, mit Palästinensertuch z.B., hätte mir gefallen. Vielleicht. Ich wohnte damals an der Grenze zur Schweiz. Ich sah dort viele Maschinenpistolen. Was führen Sie mit sich? Hundert Gramm Pulverkaffee. Gut, weiterfahren. Handbreit von der Schläfe. Der Rest ist Zeitung, Fernsehen, Radio. Ab und an ein Streifenwagen. Martinshörner. Später erst Kerzen. Flugblätter im linken Buchladen. In München, dem Ort des olympischen Terrors, erlebte ich Menschen, die weinten, als Herr Schleyer tot aufgefunden wurde. Vor dem Fernsehgerät. Lustige Comics brachten sympathische RAF-Kämpfer unters studentische Publikum.


Das habe ich alles nicht verstanden. Und verstehe es immer noch nicht. Warum weinten sie? Was gab es zu kichern? Keine Antworten, keine Fragen. Als ob man mit Baader und Meinhof in einer Wohngemeinschaft gelebt haben müsste. Einerseits. Als gelte es nicht die Augen des Publikums, sondern die Linsen der Kameras zu erreichen. Andererseits.


Die Ausstellung will nicht die RAF zeigen, sondern Kunst, der die RAF-Erfahrung (und gar Erinnerung) von zwei, vielleicht drei Generationen Gegenstand war oder ist. Das tut sie auch – weshalb die lange Aufregung im Vorfeld leicht wunderlich anmutet. Niemand ist in Gefahr. Näher liegt Walter Benjamins Satz zu Baudelaire: Die Embleme kehren als Waren wieder. Kunsturteile sind schnell, Kunst ist langsam. Oft zu langsam um mit der Verstörung noch zu erregen, wenn die Auflösung bereits bekannt ist. Und das Aktuelle kann veralten. Joseph Beuys‘ gelbe Tafeln Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V etwa, die eine sehr jugendliche Besucherin fix in die Kategorie name dropping sortierte.


Kunst sollte zeigen, nicht berichten. Angesichts der versammelten Kunst zur Vorstellung des Terrors könnte man fragen, ob nicht die RAF selbst, in ihrer bis heute irritierenden Sinnlosigkeit, das Kunstwerk ist, eines eben eher in der Zeit als im Raum, wesenhafter als die sie kommentierende Sekundärkunst. Kann man aber wohl nur, wenn man sich traut, den Konsens zurückzuweisen, dass hier von Nierentischchen enttäuschte Werwölfe Abenteuer spielen wollten. Und auch der ist nicht dumm.


Der Rang einer Ausstellung scheint heute an der Internationalität, der Größe der Objekte und dem Vorhandensein von Monitoren, Leuchtschrift usw. messbar. Damit sieht es auch hier gut aus, so dass das Medienecho hoffentlich nicht nur der vermeintlichen Herausforderung zu danken ist. Die Vermeintlichkeit hat das Feuilleton mittlerweile landesweit attestiert und selbst die meisten Frühkritiker haben sich auf den Tadel der Banalität verlegt. Was hatten sie erwartet? Erhabenes? Ästhetische Entscheidungen fällte die RAF tatsächlich selbst. Bis hin zur Gestaltung der Bekennerschreiben, der Wahl der konspirativen Hochhauswohnungen. Und ihre Fans. Das kam alles im Fernsehen. Heute können wir damit spielen. Vielleicht sehen, mit was sich das in den Köpfen verbunden hat.


Kunst zur RAF muss schon sein. Ein Gebot des Verstummens vor dem Terror gibt es nicht. Immer wieder wird Paul Celans Todesfuge zu den beliebtesten deutschen Gedichten gezählt. Es muss sich nicht auf die Seite der Opfer stellen. Es steht dort. Die Geschichte neigt dazu, die Verbrecher zu dämonisieren. Wir brauchen Schurken. Die RAF ist bislang zu verklärt dafür, zu sehr von der klammheimlichen Freude infiziert, die in der mittleren West-BRD grassierte. Was damals romantisch war, kann heute nicht rein böse sein. So könnte es einem auch ergehen, in den Kunst-Werken Berlin. Wenn es keinen elften September gegeben hätte. Den des Jahres 1973 in Santiago, der die RAF anging. Und den des Jahres 2001, der unsere RAF-historischen Diskurse leitet – z.B. das berühmte Schleyer-Video, überlagert von den Grußbotschaften des Videoterrorfürsten aus dem Morgenland.


Kollektive Medienerfahrung – die Leute reden ja auch im Alltag nur noch über derlei, persönlich nicht Erlebtes. Vielleicht traf Plato doch mit seiner Unlust an Abbildern von Scheinweltlichem – aber es springt einen aus vielen der gezeigten Werke eher die Realität, bzw. deren einstige Medienwirklichkeit an, als Scheinwelten der Kunst. Der große RAF-Roman, falls es so etwas einmal geben sollte, wäre wohl auch einer der Unlust – und könnte gelingen, wenn er eine seminaristische Historiendarstellung vermiede. Der Ausstellung gelingt das weitgehend nicht. Trotz ihres andersgerichteten Anspruchs. Das ist es, was die falschen Kritiker einlädt. Ihren Zweck erreicht sie gleichwohl: sie zeigt, was es so gibt.


Aufgenommen wurden von den Kuratoren Klaus Biesenbach, Ellen Blumenstein und Felix Ensslin ausschließlich Werke, die bereits anderswo zu sehen waren – Veröffentlichtes. Das garantiert Vielseitigkeit und Seriosität und unterbindet jede Wechselwirkung zwischen Werken und Ausstellungskonzept. Gerade die so ermöglichte Zusammenschau enthüllt, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit den Medienwelten eben nicht neben, sondern auf diesen stattfindet. Sie trifft uns dort, wo sie auf das Medienpublikum zielt, nicht auf die Inhalte. Also weder auf Baader noch auf Schleyer sieht.


Ein Muss für Fans, darüber hinaus eine Gelegenheit, Arbeiten z.B. von Dara Birnbaum, Joseph Beuys, Harun Farocki, Jörg Immendorff, Martin Kippenberger, Gerhard Richter, Katharina Sieverding, Wolf Vostell oder Peter Weibel beieinander zu sehen. Man kann auch, mit Michael Rutschky, gar nicht erst hingehen, wenn man’s schon kennt.


Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung
29.Januar 2005 – 16. Mai 2005
Kunst-Werke Berlin e.V.
Auguststr. 69
10117 Berlin
Telefon 030 24 34 59 0
info@ kw-berlin.de
Di, Mi, Fr, Sa, So 12 – 19 Uhr, Do 12 – 21 Uhr
Eintritt 6,- Euro, 4,- ermäßigt


Links:


KW Institute for Contemporary Art
Website (Ausstellung)


Statement
Gerhart Baum, Schirmherr der Ausstellung im DeutschlandRadio
Co-Kurator Felix Ensslin im taz-Interview
Bettina Röhl kritisiert etwas neben der Sache (Mythos RAF)


rafinfo
Dokumente und Links zur RAF von Andreas Gohr


Dirk Schröder