Raumstationen

12.09.2015 - 08.11.2015
Kunstverein Hannover
Sophienstraße 2, D-30159 Hannover
http://www.kunstverein-hannover.de

87. Herbstausstellung niedersächsischer Künstlerinnen und Künstler

Im zweijährigen Rhythmus und bereits zum 87. Mal versammelt der Kunstverein Hannover aktuelle Positionen
der zeitgenössischen Kunst aus Niedersachsen und Bremen. Die von einer Jury aus über 500 Bewerbungen
getroffene Auswahl wird im Kunstverein und in den drei Partnerinstitutionen NORD/LB art gallery, Städtische
Galerie KUBUS und Galerie »Vom Zufall und vom Glück« ausgestellt. Auf rund 1600 qm zeigt »Raumstationen
« insgesamt 52 künstlerische Positionen unterschiedlichster Generationen von Malerei über Fotografie
und Skulptur bis zu raumgreifenden installativen und filmischen Arbeiten.
Neben neuesten Werken bekannter niedersächsischer Künstler wird eine Vielzahl von spannenden Entdeckungen
unter den Absolventen der Akademien gezeigt. Vertreten sind Namen wie Franka Hörnschemeyer
(*1958), Dörte Eißfeldt (*1950) oder Frances Scholz (*1962), die großen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen
und insbesondere die niedersächsische Kunstszene ausgeübt haben.
Der Titel »Raumstationen« ist in seiner Mehrdeutigkeit zu lesen und verweist sowohl auf die verschiedenen
Ausstellungsorte, an denen die Werke der Künstler sich raumgreifend entfalten, als auch auf das Netzwerk
unabhängiger Künstler, das sich im Großraum der Region spannt.
Im Kunstverein Hannover sind neben den Preisträgern des Kunstpreises der Sparkasse 2015 Lotte Lindner
(*1971) und Till Steinbrenner (*1967) 22 weitere Positionen zu sehen. Während Timm Ulrichs (*1940) und
Claudia Piepenbrock (*1990) die Gesetze der Schwerkraft in Frage stellen, versetzt Franka Hörnschemeyer
ihre technoide Skulptur in unregelmäßige, ruckartige Bewegungen. Die Linie als raumgebendes Element wird
in der abstrakten Malerei Frank Rosenthals (*1957) thematisiert sowie in den skulpturalen und objekthaften
Arbeiten der ehemaligen Braunschweiger Studentinnen Esther Buttersack (*1985) oder Lisa Seebach (*1981).
Streng formale Ansätze stehen im Rundgang durch die Räume des Kunstvereins immer wieder poetischen
Erzählungen gegenüber, wie etwa Lukas Bergers Film »Circus Movement« (2015), der einen äthiopischen
Zirkus abseits des üblichen urbanen Umfelds portraitiert. Auch Joanna Schulte (*1969) oder Daniel Laufer
(*1975) thematisieren in ihren Arbeiten Sehnsucht und nomadische Existenz.
In der NORD/LB art gallery befindet sich direkt an der Eingangssituation eine fünf Meter hohe Skulptur aus
einem umfunktionierten Silo: Leona Alina Boltes´ (*1987) »Kaugummiautomat« (2014) interveniert in die vorgefundene
Architektur der Ausstellungsräume und versetzt den Betrachter in die Position eines Kindes, dem
Dinge überdimensioniert erscheinen. Der Dialog mit der Architektur wird in den analogen Fotomontagen von
Marlene Bart (*1991) oder Lucie Mercadals (*1987) surreal anmutendem Film »Das Wunder des Badezimmers
« (2015) aufgegriffen. Während bei Bart Räume bei näherer Betrachtung in eine eigene labyrinthische
Logik zerfallen, spielt Mercadals Film humorvoll mit der Dekonstruktion von Erwartungen und greift das Spannungsverhältnis
von Innen- und Außenraum, Stadtplanung der 1970er Jahre und gesellschaftlicher Entwicklung
auf.
In der Galerie »Vom Zufall und vom Glück« sind im Untergeschoss Annika Kahrs (*1984) und Rizki Resa
Utama (*1982) mit raumgreifenden Videoarbeiten vertreten. Iris Musolf (*1980) widmet sich mit ihren Betonskulpturen
»Blow Up Alien Love Dolls« (2011), bei denen es sich um Abgüsse von Sexspielzeugen handelt, dem Sujet Verführung und Lust. In Nina Aeberhards (*1986) Fotografie »Superheldin« (2014) wird das Thema
im Kontext weiblicher Rollenklischees verhandelt. Wie Fotografien erscheinen zunächst auch Jub Mönsters
(*1949) monochrome Bilder, tatsächlich sind es jedoch feinteilige Kugelschreiberzeichnungen, die die ureigene
Atmosphäre verlassener Kegelbahnen festhalten.
In den Räumen der Städtischen Galerie KUBUS vollzieht die »Gymnastische Skulptur« – eine bewegte Holzplastik
in Form eines stilisierten Diamanten – von Janis Elias Müller (*1982) eine tänzerische Bewegung und
befragt so Motivation und Leistung. Christian Holtmann (*1970) untersucht mit seinen Fotografien, in denen er
selbst in verschiedene Rollen schlüpft, die Inszenierungsmodi bekannter Künstlerfiguren. Auch Eske Schlüters
(*1970) reflektiert in ihrer Video-Installation die Entstehung von Bildern und unterschiedliche Formen visueller
Repräsentation: »Titel (Life Goes On)« (2015) befasst sich – inmitten eines typischen Inszenierungssettings –
mit den Anforderungen an das Medium Film selbst. Thomas Ganzenmüller (*1966) hingegen begibt sich in
seiner jüngsten Fotoserie »Knockturne« (2014–15) augenzwinkernd wie aufmerksam auf die Suche nach der
Ordnung des Universums in irdischen Mikrokosmen.
Künstlerliste: Nina Aeberhard, Margarete Albinger, Degenhard Andrulat, Marlene Bart, Björn Behrens, Lukas
Berger, Rolf Bier, Leona Alina Boltes, Carina Brandes, Esther Buttersack, Dörte Eißfeldt, Max Elzholz, Robert
Ernst, Enric Fort Ballester, Thomas Ganzenmüller, Conor Gilligan, Christiane Gruber, Peter Heber, Samuel
Henne, Dirk Dietrich Hennig, Franka Hörnschemeyer, Christian Holtmann, Mijin Hyun, Delia Jürgens, Annika
Kahrs, Petra Kaltenmorgen, Michael Kaul, Daniel Laufer, Lee, Jungwoo, Lotte Lindner & Till Steinbrenner,
Arthur Löwen, Hannes Malte Mahler, Lucie Mercadal, Jub Mönster, Janis Elias Müller, Iris Musolf, Lu Nguyen,
Claudia Piepenbrock, Tim Reinecke, Frank Rosenthal, Helene Roßmann, Nikola Sarić, André Sassenroth,
Eske Schlüters, Frances Scholz, Joanna Schulte, Lisa Seebach, Rainer Splitt, Timm Ulrichs, Rizki Resa
Utama, Jochen Weise, Markus Zimmermann

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Kuratoren der Ausstellung: Ute Stuffer und Kenneth Dow