Räume für Kunst der documenta 12

Die documenta 12 kennt kein programmatisches Statement, kein architektonisches Raster, mit dem die Gebäude und die Kunst überzogen werden. Stattdessen werden singuläre Lösungen entwickelt, die dem Museum Fridericianum, der Neuen Galerie und der documenta-Halle entsprechen. Der Aue-Pavillon ist in sich eine singuläre Lösung. Er antwortet auf den temporären Wunsch nach einem großzügigen Ausstellungsraum, eingebettet in die Aue. Alle vier genannten Gebäude sind aber nicht nur Räume für Kunst, sondern kommunizieren, ja praktizieren eine Vorstellung von Öffentlichkeit.
Das Museum Fridericianum aus dem späten 18. Jahrhundert ist von seiner Anlage her ein herrschaftlicher Repräsentationsbau. Die Idee „Museum“ hatte ihre eigene Form noch nicht gefunden. Für die documenta 12 wurden aus diesem Haus sämtliche „falschen“ Wände entfernt, mit denen man seit Jahrzehnten das Gebäudeinnere, insbesondere die Fensterseiten verstellt hatte, um Hängefläche zu gewinnen. Mit Hilfe farbiger Wände wurden die einzelnen Stockwerke klarer definiert, um dem Besucherstrom die Orientierung im Gebäude zu erleichtern. Im Eingangsbereich wurde eine zentrale Treppe geschaffen, die das Erdgeschoss mit dem ersten Stock verbindet. Dieser Eingriff knüpft an die ehemals existierende, in den 1980er Jahren herausoperierte, zentrale Treppe als dem eigentlichen Rückgrat des Gebäudes an.

Die Neue Galerie, entstanden unmittelbar nach der Reichsgründung 1871, kann einen gewissen wilhelminischen Muff nicht verleugnen. Dazu kommt eine Innenraumgliederung mit kleinen Sälen und Kabinetten, welche die bürgerliche Doppelmoral, das intime Abhängigkeitsverhältnis von ostentativer Zurschaustellung und beinharter Verdrängung widerspiegelt. Es ergab sich das Problem, das Gebäude, das in seinen Proportionen eher dem individuellen Connaisseur Rechnung trägt, einem Besucherfluss zu öffnen; dazu wurde der zentrale Eingang wieder in die zur Aue gelegene Gebäudemitte versetzt. Die großen Säle zur Rechten wurden ohne Trennwände gestaltet.

Die documenta-Halle steht für das 20. Jahrhundert, genauer für dessen zweite Hälfte, und für eine gewisse Unentschiedenheit hinsichtlich des Verhältnisses von Kunst und Diskurs. Eine lang gezogene Lobby, an die eine Raumfolge grenzt, mündet in einen riesigen Raum, den man eher mit einer Squashhalle mit entsprechendem Freizeitverhalten assoziieren wird als mit einem Kunstraum. An diesen Raum fügen sich noch zwei weitere Kabinette. In Entsprechung zu diesen Vorgaben konzentrieren sich im Eingangsbereich die documenta 12 magazines (mit rund 90 Redaktionen aus aller Welt), der documenta 12 Beirat in Kassel, die Kommunikationsabteilung sowie das Vermittlungsprogramm. Alle Beteiligten entwickeln, auch spontan, gemeinsame Formate wie Themenführungen, Lunch-Lectures und andere Veranstaltungen. Der Ausstellungsraum selbst ist der Kunst vorbehalten.
Der Aue-Pavillon schließlich ist ein dezidiert zeitgenössisches, aber auch temporäres Gebäude, für welches das Pariser Büro Lacaton & Vassal eine Vision ebenso wie den konkreten Grundriss geliefert hat. Dieser Raum ist weniger Architektur als – wie sein Vorbild, der Paxton’s Crystal Palace – ein Stück Ingenieurskunst. Der Pavillon steht in enger Korrespondenz zur Orangerie und zur Gartenarchitektur der Aue. Anders als bei der Orangerie und dem Crystal Palace sind an die Stelle exotischer Gewächse und avancierter Industrieprodukte im frühen 21. Jahrhundert symbolische Werte – Kunst – getreten. Die Gliederung im Innenraum verknüpft drei Typen von Display. Im ersten Drittel werden die Objekte beinahe isoliert und bekommen nur die Unterstützung, die sie unbedingt benötigen. Das zweite Drittel erschließt sich als Labyrinth, als verschlungenes Wandsystem, das auf die Achsen der Gartenanlage reagiert, diese Achsen aber zum Zwecke unvorhersehbarer Begegnungen aufbricht. Das letzte Drittel zeigt einen White Cube, der ebenfalls gebrochen ist, da sich eine seiner Wände, eine Panoramaglasfassade, zur Orangerie hin öffnet.
In unseren Architekturdiskussionen haben wir einerseits an Bodes documenta- Konzeptionen angeschlossen, andererseits an Displaymodelle, wie sie Frederick Kiesler in den USA oder Lina Bo Bardi in Brasilien entwickelt haben. Die Gesamtleitung der Architektur liegt bei Tim Hupe Architekten, Hamburg. Ruth Noack / Roger M. Buergel

Datenblätter Ausstellungsgebäude

Museum Fridericianum
Architekt Simon Louis du Ry
Realisierung 1769 – 1776
Baukörper zweigeschossige Dreiflügelanlage mit einem zusätzlichen Mezzaningeschoss
Standort Am Friedrichsplatz
Ausstellungsfläche 3800 m²
Exponate 85

Schloss Wilhelmshöhe
Architekt Simon Louis du Ry (Weißensteinflügel), Heinrich Christoph Jussow (Hauptgebäude und Kirchflügel)
Realisierung 1786 – 1798
Baukörper Zum Park geöffnete, weit ausgreifende Dreiflügelanlage
Standort Bergpark Wilhelmshöhe am westlichen Stadtrand
Ausstellungsfläche 250 m² (im 2.OG des Hauptgebäudes)
Exponate 47

Neue Galerie
Architekt Heinrich Dehn-Rothfelser
Realisierung 1869 – 1877
Baukörper Langgestreckter zweigeschossiger Baukörper mit Eckpavillons
Standort Schöne Aussicht, am Hang nordwestlich der Karlsaue
Ausstellungsfläche 2900 m²
Exponate 113

documenta-Halle
Architekt Jourdan + Müller PAS
Realisierung 1992
Baukörper Langgestreckter sich dem Hang zur Orangerie anpassender Baukörper
Standort Südöstlicher Abschluss des Friedrichsplatzes
Ausstellungsfläche 850 m²
Exponate 23

Aue-Pavillon
Entwurf Lacaton & Vassal Architects
Realisierung und Ausstellungsarchitektur Tim Hupe Architekten, 2007
Baukörper 49 Module mit den Grundmaßen L=20m, B=9,60m, H=5,93m, u-förmig angeordnet einen Innenhof bildend
Standort Karlswiese nahe der Innenstadt, südlich des zwischen 1703 und 1711 erbauten Orangerieschlosses
Ausstellungsfläche 9500m²
Exponate 140

Pressemitteilung: Documenta 12

Räume, die verschwinden
Bei unserer Arbeit für die documenta 12 geht es im Kern darum, sich von der Idee einer dauerhaften Baukunst zu entfernen. Es geht darum, den Geschmack von Architektur als tradiertem Medium der Institutionalisierung abzustreifen. Im Zentrum stehen die ästhetische Erfahrung und die für sie notwendigen Räume – nicht die Bauten. So ist für den Pavillon in der Karlsaue ganz entscheidend, dass er wieder verschwinden kann.
Anstriche, Teppiche und Vorhänge sind die einfachsten Mittel, um räumliche Inszenierungen zu schaffen, die von begrenzter Dauer sind. Farbigkeit hilft, die latenten atmosphärischen Stereotypien der zeitgenössischen Kunstbetrachtung zu lockern. Dabei handelt es sich nicht um einen Gestus der Abgrenzung, sondern um eine sichtbar provisorische Fassung.
Dem Lernen geht das Probieren voraus. Die documenta 12 liefert eine privilegierte Situation für ein Kunstdisplay ohne Repräsentationsanspruch. Wir experimentieren, um den Lernerfolg sicherzustellen – sowohl für die Besucherinnen und Besucher als auch für diejenigen, die die Ausstellung machen: Künstlerinnen und Künstler, künstlerische Leitung, wir selbst.

Tim Hupe Architekten

TIM HUPE,
Gesamtleitung Architektur documenta 12
*1963, Architekt
Studium Architektur in Zürich und New York; Stipendien DAAD und ETH Zürich; Mitarbeit von Gerkan, Marg + Partner; Mitarbeit Herzog & de Meuron: Projektleitung Fünf Höfe München, Projektarchitekt Allianz Arena; 2004 Gründung von Tim Hupe Architekten in Hamburg Ausgewählte Projekte: Caldic Private Art Collection, Holland; Three Towers on Sheikh Zayed Road, Dubai; HUGO Shopkonzept, Weltweit; Iconic Stadium, Durban, Süd Afrika; Singapore Sports Hub; documenta 12