Provenienzforscher setzen die Arbeit der Monuments Men fort

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Provenienzforscher setzen die Arbeit der Monuments Men fort

Eine ungewöhnliche Spezialeinheit der US-Armee, ein Team von
Wissenschaftlern und Kunstexperten, zog vor 70 Jahren durch das
kriegsgebeutelte Europa – die Abteilung »Monuments, Fine Arts and
Archives«, durch Edsels Buch und Clooneys Film als »Monuments Men«
berühmt geworden. Ihr Auftrag war es, Kunstwerke vor der Zerstörung zu
bewahren und Raubkunst sicherzustellen. Weit oben auf der Liste ihrer
Zielpersonen stand Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann.
Mit Porträts seines »Führers« und Aufnahmen von Parteiaufmärschen
hatte Hoffmann im »Dritten Reich« ein Millionenvermögen verdient. Typisch
für die Führungselite des NS-Regimes investierte er im großen Stil in
Kunst. Vor allem Gemälde des bayerischen Malers Carl Spitzweg (1808-
1885) fanden sein Interesse. Er rühmte sich sogar, die beste Spitzweg-
Sammlung weltweit zu besitzen.
Im April 1945 wurde Heinrich Hoffmann in Oberwössen im Chiemgau von
der US-Armee gefangengenommen und vernommen, »Monuments
Man« Harry Ettlinger fungierte als Übersetzer. Die »Monuments Men«
machten sich nun daran, Hoffmanns Kunstsammlung zu beschlagnahmen,
die dieser während des Krieges an verschiedenen Orten in Bayern vor
Bombenangriffen in Sicherheit gebracht hatte.
In einem Kloster in Dietramszell südlich von München stellten die
Kunstexperten der US-Truppen etwa das Spitzweg-Gemälde
»Institutsspaziergang« sicher. Wie zehntausende anderer Kunstwerke
brachten die »Monuments Men« das Bild nach München in den
sogenannten Central Collecting Point, den die US-Militärregierung und Jim
Rorimer unter Leitung des jungen Kunsthistorikers Craig Hugh Smyth in
der ehemaligen NSDAP-Zentrale am Königsplatz eingerichtet hatten. Dort
sammelten die amerikanischen Experten alle Objekte, die sie in
Bergungsorten wie Kloster Dietramszell, Schloss Neuschwanstein u.a.
fanden. Ihr Ziel war es zu klären, ob es sich bei den Werken um
eingelagerte Museumsbestände oder Raubkunst aus jüdischem Besitz oder
Sammlungen aus von den Deutschen besetzen Ländern handelte. Für ihre
Ermittlungen beschlagnahmte die Kunstschutztruppe unter anderem
Verkaufsunterlagen und verhörte Verdächtige, darunter auch den Direktor
der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen: Ernst Buchner. Das Vorgehen
war insgesamt sehr erfolgreich: In den ersten Jahren nach dem Krieg
konnte der weitaus größte Teil der fraglichen Gegenstände, mehrere
100.000 Objekte, an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden.
Bei dem Gemälde »Institutsspaziergang« aus dem Besitz von Heinrich
Hoffmann ließen sich keine Belege dafür finden, dass es sich um Raubkunst
handelte.
Hoffmann wurde schließlich im Zuge der Entnazifizierung als
Hauptschuldiger eingestuft. Das Urteil gegen den »NSDAPBildberichterstatter
« lautete vier Jahre Haft und Enteignung. Nach den
Bestimmungen der Kontrollratsdirektive Nr. 50, die die Besatzungsmächte
in Kraft gesetzt hatten, kam mit Hoffmanns übrigem Besitz auch das
Gemälde »Institutsspaziergang« in den Besitz des Freistaates Bayern. 1957
gelangte das Bild daraufhin in den Bestand der Neuen Pinakothek.
Provenienzforscher an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
greifen den Fall nun wieder auf. Zusammen mit anderen Bildern und
Skulpturen aus dem Besitz von führenden Nationalsozialisten und der
NSDAP, die ebenfalls als »Überweisungen aus Staatsbesitz« zu den
Pinakotheken kamen, nehmen sie auch den »Institutsspaziergang« erneut
unter die Lupe. Da sich Raub oder verfolgungsbedingter Verlust derzeit
nicht gänzlich ausschließen lassen, erfolgte bereits eine Meldung bei der
Internetplattform Lost Art. Dort ist nun der momentane Informationsstand
zu dem Gemälde öffentlich einsehbar, so dass mögliche Eigentümer ihre
Ansprüche geltend machen können. Das Gemälde »Institutsspaziergang«
ist damit eines von aktuell 174 Kunstwerken, die seitens der Bayerischen
Staatsgemäldesammlungen bei Lost Art (www.lostart.de) gemeldet wurden.
Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen folgen damit ihrer
Verpflichtung der Bestandsüberprüfung nach den Maßstäben der
sogenannten Handreichung, auf Basis der Gemeinsamen Erklärung und den
Washington Principles (Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug
auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden).
Die Recherchen zu dem Bild gehen indes weiter. Mit zusätzlichen Quellen
versuchen die Provenienzforscher bisherige Lücken zu schließen und die
Herkunft des Spitzweg-Gemäldes vollständig zu klären.

Link: http://www.lostart.de