Post / Postminimal Die Sammlung Rolf Ricke im Dialog mit zeitgenössischen Kunstschaffenden

01.02.2014 - 18.05.2014
Museumstrasse 32, St.Gallen
http://www.kunstmuseumsg.ch

Live in Your Head. When Attitudes Become Form und Op Losse Schroeven. Situaties en Cryptostructuren hiessen 1969 die beiden epochemachenden Ausstellungen in der Kunst-halle Bern bzw. im Stedelijk Museum Amsterdam. Von Harald Szeemann bzw. Wim A. L. van Beeren organisiert, haben sie wesentlich dazu beigetragen, einem erweiterten Skulp-turbegriff zum Durchbruch zu verhelfen. Dieser brach das traditionelle Verständnis des Kunstwerks als Artefakt zugunsten von prozesshaften Ansätzen auf und ergänzte den Kanon der Werkstoffe um bislang unerprobte Materialien wie Neon, Latex, Polyester u.a.m. Der Kölner Galerist Rolf Ricke war eine der entscheidenden Figuren im Hintergrund, indem er bereits Mitte der 1960er-Jahre Künstler nach Europa einlud, um Werke vor Ort für seine Ausstellungen zu realisieren. Als einer der Pioniere für junge amerikanische Kunst brachte er u.a. Richard Artschwager, Bill Bollinger, Gary Kuehn, Richard Serra und Keith Sonnier nach Kassel und später nach Köln, wo sie vor Ort arbeiteten und neue Werke eigens für die Galerie entwickelten. Alle waren sie später in den oben genannten Aus-stellungen mit Werken vertreten, zuvor jedoch bei Rolf Ricke sowohl in Einzel- und Gruppenpräsentationen zu sehen, u.a. in dessen Standortbestimmung Programm I (1968), deren Bedeutung er für sich wie auch für die Entwicklung der Galerie er wie folgt zu-sammenfasste:
„Diese Programm-Ausstellungen waren für mich manchmal wichtiger als Einzelausstel-lungen. […] Gruppenausstellungen waren für mich eine Herausforderung an mich selbst. Ich hab sie eigentlich für mich gemacht. Die Programm-Ausstellungen […] waren in meinem Kopf eine Setzung für die Zukunft, eine Vorschau. Ausserdem war es mir wichtig, Arbeiten kennen zu lernen. Im Dialog verstehe ich die Arbeiten auf eine andere Art. In dieser Ausstellung polari-sierte ich, konfrontierte ich Werke, das heisst ich belaste eine Arbeit, die mich ungeheuer fasziniert, mit einer anderen. Das habe ich manchmal sehr brutal und sehr direkt gemacht. Das war ganz wichtig für mich, zum einen zum tieferen Verständnis und zum andern für zukünftige Entscheidungen.“ (Rolf Ricke, 2007)

Die von Rolf Ricke über die Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung konnte in einer einzigartigen Aktion vom Kunstmuseum St.Gallen, Kunstmuseum Liechtenstein und Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, gemeinsam erworben werden. Daher ist das St.Galler Museum im Besitz einer bedeutenden Werkgruppe der Postminimal Art, die nun erstmals konzentriert gezeigt werden kann, ergänzt durch gezielte Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen sowie durch Werke des in St.Gallen lebenden Künstlers Roman Signer, dem Harald Szeemann‘s Live in Your Head entscheidende Impulse für das eigene Schaffen vermittelte. Die Ausstellung Post / Postminimal wirft jedoch, ganz im Sinne des ehemaligen Galeristen Rolf Ricke, den Blick nicht primär zurück auf eine heute meist heroisch verklärte Vergangenheit, sondern sie erweitert die Perspektive und richtet sie entschieden auf Gegenwart und Zukunft.
Zur Ausstellung Post /Postminimal hat das Kunstmuseum St.Gallen eine Reihe zeitgenös-sischer Kunstschaffender eingeladen, die alle nach der epochalen Ausstellungen 1969 ge-boren sind, in ihrem Werk jedoch die skulpturalen Möglichkeiten der späten 1960er- und 1970er-Jahre aufgreifen und für die Gegenwart neu bestimmen. Das mag als Hinweis dafür dienen, welche epochalen formalen Errungenschaften in der Skulptur geleistet wurden und wie lebendig diese nachwirken. Heute geht es im Gegensatz zu damals auch weniger um ein Überwinden eines geläufigen künstlerischen Kanons, sondern eher um deren inhalt-liche und materielle Erweiterungen. Die künstlerischen Ansätze müssen sich nicht mehr erst als heftige Geste bzw. als radikaler Bruch mit der Tradition bestimmen, sondern bauen vielmehr ganz selbstverständlich und entsprechend gelassen auf den formalen Recherchen der vorhergehenden Generationen auf, verbinden diese mit andern künstlerischen Erfahrungen und schaffen Werke, die von einer eigenen Sensibilität getragen sind.