POESIE DER GROSSSTADT. DIE AFFICHISTEN

05.02.2015 - 25.05.2015
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT,
Römerberg, 60311 Frankfurt
http://www.schirn.de

ERSTE ÜBERBLICKSAUSSTELLUNG IN DEUTSCHLAND SEIT 20 JAHREN: DIE SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT ZEIGT DIE RADIKALE KUNST DER AFFICHISTEN

Ob frühe Pop-Künstler, Wegbereiter der Street-Art oder Vermittler einer „natürlichen Poesie“ der Wirklichkeit: In den 1950er-Jahren traten die Affichisten mit einem völlig neuen Begriff des Tafelbildes hervor. Auf Streifzügen durch Paris und Rom sammelten sie Teile der in den Straßen der Stadt allgegenwärtigen, oft verwitterten und zerfetzten, sich in Schichten überlagernden Plakatwände und erhoben die urbane Alltagswelt selbst zum Gemälde. Ihr ebenso subversiver wie poetischer Zugriff auf die Wirklichkeit machte sie zu Pionieren eines „Neuen Realismus“. Mit der ersten umfassenden Überblicksausstellung seit über 20 Jahren ist die radikale Kunst der Affichisten wieder in Deutschland zu sehen. In 150 Exponaten stellt die Schirn Kunsthalle Frankfurt die Kunst des Plakatabrisses in ihrer ganzen Bandbreite vor, von kleinen Fragmenten zu überwältigenden Großformaten, von abstrakten Farbformationen bis hin zu Ikonen der Popkultur – ergänzt durch fotografische, filmische und poetische Experimente der beteiligten Künstler: Raymond Hains, Jacques Villeglé, François Dufrêne sowie Mimmo Rotella und Wolf Vostell.

Die von der Schirn Kunsthalle Frankfurt und dem Museum Tinguely in Basel gemeinsam konzipierte Ausstellung umfasst den Zeitraum zwischen 1946 und 1968 und richtet ein besonderes Augenmerk auf die Entstehung der Kunstströmung und die frühen Phasen im Schaffen der Affichisten. Mit dem 2,56 Meter breiten manifestartigen Fries „Ach Alma Manetro“ legten die Franzosen Raymond Hains und Jacques Villeglé 1949 nicht nur den Grundstein für die künstlerische Praxis des Plakatabrisses (im Französischen affiche lacérée oder décollage genannt), sondern formulierten zugleich einen neuen Werkbegriff, der davon ausgeht, dass „die Kunst von allen gemacht sei. Nicht von einem.“ Von Anfang an setzte sich der Plakatabriss von der vorherrschenden lyrisch-abstrakten Malerei, wie auch von der Collage und dem Readymade der Vorkriegsavantgarde ab. Dabei stand er in enger Beziehung zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen und Medien, wie der Sprache und Poesie, der Fotografie und dem Film. Die Ausstellung in der Schirn beleuchtet den besonderen Stellenwert der französischen Affichisten François Dufrêne, Raymond Hains, Jacques Villeglé und des Italieners Mimmo Rotella innerhalb der Avantgarde der 1950er- und 1960er-Jahre. Der deutsche Künstler Wolf Vostell nimmt in seiner Beziehung zu den Affichisten eine gesonderte Position ein. Die Schau vereint die bedeutendsten Werke der fünf Affichisten, darunter Leihgaben aus den Nachlässen der Künstler sowie zahlreichen Privatsammlungen und Museen, wie dem Centre Pompidou in Paris, dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid, dem S.M.A.K. in Gent, den Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique in Brüssel, dem Museum Ludwig in Köln oder der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Die Ausstellung wird unterstützt durch die Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung.

„Jeder kennt heute Street-Art und ihre prominenten Vertreter weltweit – von Brasilien über die USA bis nach Großbritannien. Doch nur die wenigsten wissen, dass die Affichisten die ersten, echten Wegbereiter der Street-Art sind. Mit der Ausstellung werfen wir einen Blick auf die Straßen von Paris und Rom der 1950er- und 1960er-Jahre und zeigen die radikale wie poetische Auseinandersetzung der Affichisten mit der gesellschaftlichen und politischen Realität der damaligen Zeit“, betont Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Die Kuratorin der Ausstellung, Esther Schlicht, ergänzt: „Die Kunst der Affichisten ist direkt und subversiv. Sie liest sich wie eine Gegengeschichte der Malerei nach 1945 in ihrer Entwicklung von den abstrakten Tendenzen der Nachkriegszeit hin zur Pop Art der 1960er-Jahre. Gerade der mediale und intermediale Charakter der Arbeiten lässt sie dabei heute, 60 Jahre nach ihrem Entstehen, überraschend frisch und unverbraucht erscheinen.“

Die Ausstellung greift fünf zentrale Themen in der Kunst der Affichisten – Abstraktion, Material/Prozess, Lettrismus, Politik und Pop – auf und stellt die Künstler zudem in einzelnen Kabinetten und mit umfangreichem Dokumentationsmaterial, wie historischen Fotografien und Filmen vor.

Die Affichisten wurden auf der ersten „Biennale von Paris“ im Jahr 1959, an der Raymond Hains, Jacques Villeglé und François Dufrêne teilnahmen, über Nacht bekannt. Dort provozierten die gezeigten Plakatabrisse heftige Reaktionen. Zusammen mit abstrakten Malern wurden sie in der Sektion zur informellen Malerei präsentiert, obwohl sie diese grundlegend infrage stellten. Auch wenn die Werke der Affichisten aus den 1950er-Jahren nur vereinzelt figurative Elemente aufweisen, spielte die Typografie der Plakate für die Künstler eine entscheidende Rolle. Ihr Augenmerk richtete sich auf die in den Plakatabrissen generierte Dekomposition von Worten und Buchstaben, auf ihre besondere Poesie und ihren speziellen Klang. In den 1960er-Jahren fanden auch Plakate politischer Propaganda Eingang in die Werke der Affichisten. Als Chronisten ihrer Zeit hielten sie gesellschaftliche Auseinandersetzungen fest, ohne dabei selbst politisch Position zu beziehen. Durch die Entwicklung des Plakats zum illustrierten Werbeträger der sich rasant entwickelnden Konsum- und Freizeitgesellschaft tauchten Ende der 1950er-Jahre zunehmend Bildmotive auf, die auch das visuelle Repertoire der sich zur gleichen Zeit herausbildenden Pop Art prägten.

DIE AFFICHISTEN

Raymond Hains (1926–2005) schuf gemeinsam mit Jacques Villeglé 1949 den ersten kunstgeschichtlich verbürgten Plakatabriss „Ach Alma Manetro“. Diese erste bedeutende Décollage stand in direktem Zusammenhang mit anderen künstlerischen Experimenten, denen sich Hains und Villeglé zeitgleich widmeten. Ab 1946 hatte Raymond Hains fotografische Experimente mit geriffelten Gläsern unternommen, die er zwischen Kamera und Objekt anbrachte, um kaleidoskopartige Effekte der Verzerrung und Vervielfachung zu erzielen. Damit knüpfte er an surrealistische Bildverfahren und noch frühere experimentelle Fotografien und Filme an. Mit Jacques Villeglé erweiterte er dieses Prinzip der visuellen Verfremdung ins Filmische und arbeitete an dem abstrakten Farbfilm „Pénélope“ (ab 1950), ein technisch höchst aufwendiges Unterfangen, das nach vier Jahren obsessiver Arbeit unvollendet blieb und erst Jahre später rekonstruiert wurde.

Für Jacques Villeglé (*1926) ist das Medium des Plakates ein schier unendlicher, sich ständig erneuernder Fundus des Gegenwärtigen. Er entwickelte den für seine Konzeption zentralen Gedanken der anonymen Autorschaft, der in dem Begriff des lacéré anonyme mündete. Eine Kunstfigur, hinter jener der individuelle Künstler wie auch dessen Name bzw. Signatur verschwindet. Dies machte es ihm möglich, sich sämtliche Ausdrucksformen, Themen und „Stile“ der anonym entstandenen Plakatabrisse in seinem Werk anzueignen. Mit enzyklopädischem Anspruch verfolgt Villeglé seither die Vision, durch das Sammeln heterogener Zeugnisse der alltäglichen Wirklichkeit ein Bild der Gesellschaft zu schaffen.

Als einer der führenden Vertreter des Lettrismus wandte sich François Dufrêne (1930–1982) relativ spät der bildnerischen Praxis des Plakatabrisses zu, die er durch Arbeiten von Hains und Villeglé kennenlernte. Er verwendete nahezu ausschließlich Rückseiten von Plakaten (sogenannte dessous d’affiches), denen er eine besondere poetische Qualität zusprach. Dufrêne verstand sich zeitlebens als Dichter. Seine Arbeiten sind im Gegensatz zu den Werken von Hains und Villeglé abstrakt-lyrisch und zeugen von einer archäologischen Suche nach dem Unsichtbaren, Unbewussten, welches durch das Aufdecken und Abtragen verborgener Schichten zutage tritt.

Im Rom der 1950er-Jahre entdeckte Mimmo Rotella (1918–2006) unabhängig von den französischen Affichisten den Plakatabriss als künstlerisches Ausdrucksmittel. Sein facettenreiches Werk reicht von abstrakten Farbformationen über archaisch anmutende Rückseiten bis hin zu späteren Pop-Motiven. Rotella ging es weniger um das Sichtbarmachen vorgefundener Bildwerke als um die Aneignung eines ästhetischen Materials, dem erst der Künstler seine ungeahnten Qualitäten entlockte. Anders als Hains und Villeglé griff Rotella direkt in die Oberfläche ein, um Strukturen, Muster und Schichtungen offenzulegen. Nach 1960 wendete er sich hauptsächlich Plakatmotiven aus der Filmwelt und Werbung zu.

In den 1950er-Jahren begann Wolf Vostell (1932–1998) mit den neu entwickelten Formen von Aktion und Happening den Stadtraum zu infiltrieren und übertrug das Konzept der „dé-coll/age“ auf alle Bereiche seines Schaffens. Mit seinem 1958 in Paris konzipierten ersten europäischen Happening „Das Theater ist auf der Straße“ erhob er den Prozess der Décollage zum Thema und forderte Passanten auf, Wortfragmente auf zerrissenen Plakaten zu lesen oder Plakate eigenhändig abzureißen. Während für die französischen Affichisten die zerstörten Plakatflächen Ausdruck eine neuer visuellen Poesie waren, wurden sie für Vostell zum Ausgangspunkt einer entschieden kritischen Auseinandersetzung mit dem Plakat als Medium der modernen Massenkommunikation.

KATALOG Poesie der Großstadt. Die Affichisten, herausgegeben von Esther Schlicht, Roland Wetzel und Max Hollein, mit einem Vorwort von Max Hollein und Roland Wetzel, einer Einführung von Esther Schlicht, Essays von Bernard Blistène, Fritz Emslander, Didier Semin und Dominique Stella sowie einem Interview von Roland Wetzel mit Jacques Villeglé, Originaltexten von François Dufrêne, Raymond Hains, Mimmo Rotella, Jacques Villeglé, Wolf Vostell und einer Chronologie der Jahre 1944–1968, dt./ engl. Ausgabe, 280 Seiten, ca. 170 Abbildungen, 30,5 x 24,5 cm, Softcover in Fadenheftung, amerikanischer Schutzumschlag; Gestaltung Sybille Ryser, Basel; Snoeck Verlag, Köln 2014, ISBN 978-3-86442-103-7 (Buchhandelsausgabe), Preis: 32 € (Schirn), 48 € (Buchhandel).

KURATOREN Esther Schlicht (Schirn Kunsthalle Frankfurt) und Roland Wetzel (Museum Tinguely Basel) KURATORISCHE ASSISTENZ Katharina Knacker MIT UNTERSTÜTZUNG DURCH Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung MEDIENPARTNER Journal Frankfurt

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