PAINTING 2.0 MALEREI IM INFORMATIONSZEITALTER

14.11.2015 - 30.04.2016
Pinakotheken im Kunstareal
Kunstareal | Barer Str. 29 |, 80799 München
http://www.museum-brandhorst.de

Von Robert Rauschenberg und Maria Lassnig
bis zu Albert Oehlen und Charline von Heyl

Das wiederkehrende Interesse an zeitgenössischer Malerei in den vergangenen
Jahren fällt überraschenderweise mit einer Explosion neuer digitaler Technologien
zusammen. Doch schon seit den 1960er-Jahren haben sich die fortschrittlichsten
Ansätze auf dem Gebiet der Malerei in Westeuropa und in den USA in produktiver
Reibung mit ihrer zeitgenössischen Massenkultur und den vorherrschenden
medialen Bedingungen entwickelt. Vom Aufkommen des Fernsehens und Computers
bis zur sogenannten „Internetrevolution“ ist es der Malerei immer wieder gelungen,
jene Mechanismen zu integrieren, die für ihr angebliches Ableben verantwortlich
sein sollten. Weit über ihre technische Definition – Öl auf Leinwand – hinaus war und
ist Malerei ein privilegierter Ort, an dem die Herausforderungen einer sich
zunehmend mediatisierenden Lebenswelt verhandelt werden.
„Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ stellt als erstes groß angelegtes
Ausstellungsprojekt die Aneignung und Transformation von
Informationstechnologien in der westeuropäischen und nordamerikanischen Malerei
seit den 1960er Jahren vor. Die Ausstellung setzt lange vor der Digitalisierung und
dem Internet ein – nämlich mit Pop Art und Nouveau Réalisme, die sich erstmals
programmatisch neu aufkommender kommerzieller Bildsprachen bedienten. Die
Malerei öffnete sich in jenem Moment, als ihre Legitimität durch die Populärkultur
und eine „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord) herausgefordert wurde. Dieser
facettenreichen Geschichte einer Malerei im erweiterten Feld geht die Ausstellung
bis in die Gegenwart nach – bis hin zu den weitreichenden Folgeerscheinungen des
interaktiven Web 2.0 wie den Sozialen Medien und Daten-Clouds.
Eine treibende Kraft dieser Entwicklung ist die Kollision zwischen den visuellen
Codes des Spektakels und den subjektiven Spuren malerischer Expressivität.
„Painting 2.0“ zeigt auf, dass die expressive Geste immer wieder mit dem Begehren
verknüpft war, die virtuelle Welt des Informationszeitalters an den Erfahrungsraum
des menschlichen Körpers rückzubinden. Die avancierte Malerei der letzten 50 Jahre
weist die vermeintliche Opposition zwischen Humanem und Technischem, Analogem
und Digitalem als wechselseitig aufeinander bezogene Spannungsfelder aus.
Erstmals seit der Eröffnung des Museums Brandhorst 2009 erstreckt sich mit
„Painting 2.0“ eine Ausstellung über das gesamte Haus. Abgesehen von dem eigens
für Cy Twomblys „Lepanto“-Zyklus geschaffenen Raum im Obergeschoss wird
„Painting 2.0“ auf allen drei Stockwerken zu sehen sein. Die Erweiterung der Malerei
seit den 1960er-Jahren wird in drei eng miteinander verknüpften Sektionen, auf je
einer Etage des Museums präsentiert, nachgezeichnet.
Auf der Eingangsebene widmet sich „G Geste und Spektakel“ der Frage, wie
malerische Gestik eingesetzt wurde, um einer Spektakelkultur zu begegnen: von
einer Protesthaltung kommerziellen Bildern und ihren Medien gegenüber, wie sie
sich in den Schießbildern von Niki de St. Phalle oder den abgerissenen Plakatwänden
der Affichisten Mimmo Rotella, Jacques Villeglé und Raymond Hains zeigt, bis hin zu
malerischen Strategien, die sich die Sprache der Populärkultur aneigneten wie in
Keith Harings „Subway Drawings“, Albert Oehlens Computerbildern oder den mittels
Photoshop bearbeiteten Leuchtkästen Kelley Walkers.
Im Obergeschoss beschäftigt sich die zweite Gruppe unter dem Überbegriff
„Exzentrische Figuration“ damit, wie sich Vorstellungen von Körperlichkeit unter
dem Einfluss einer kommerziellen Massenkultur und neuer Technologien verändern.
Buchstäblich „exzentrische“ Figuren wie bei Philip Guston und prothetische Körper
wie bei Maria Lassnig, aber auch exzentrische Gesten wie bei Amy Sillman sowie
Strategien des Karikierens wie bei Nicole Eisenman bezeugen die komplexe
Verflechtung von Körper, medialem Bild und Technologie ab der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts.
Im Untergeschoss widmet sich „Soziale Netzwerke“ malerischen Positionen, die eine
„Netzwerkgesellschaft“ als solche ausweisen, sowohl durch Praktiken der
Bildzirkulation als auch durch die Thematisierung spezifischer sozialer Kontexte.
Andy Warhols „Factory“, die Gemälde und Aktionen des Kapitalistischen Realismus
von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner, die
Künstlerinnen um die feministische New Yorker A.I.R. Gallery, aber auch
zeitgenössische Positionen des sogenannten „Network Painting“, wie zum Beispiel
Seth Price oder R.H. Quaytman, demonstrieren, wie sich Vorstellungen von
Gemeinschaft und sozialem Austausch seit den 1960er-Jahren gewandelt haben.
Mit über 230 Werken von 107 Künstlerinnen und Künstlern ist „Painting 2.0“
international eine der umfangreichsten musealen Malereiausstellungen der letzten
Jahre:
Kai Althoff, Ei Arakawa/Shimon Minamikawa, Monika Baer, Nairy Baghramian, Georg
Baselitz, Jean-Michel Basquiat, Lynda Benglis, Sadie Benning, Judith Bernstein,
Joseph Beuys, Ashley Bickerton, Cosima von Bonin, KAYA (Debo Eilers & Kerstin
Brätsch), Günter Brus, Daniel Buren, Merlin Carpenter, Leidy Churchman, William
Copley, René Daniëls, Guy Debord/Asger Jorn, Carroll Dunham, Mary Beth Edelson,
Thomas Eggerer, Michaela Eichwald, Nicole Eisenman, Jana Euler, Louise Fishman,
Andrea Fraser, Isa Genzken, Mary Grigoriadis, Philip Guston, Wade Guyton, Raymond
Hains, Harmony Hammond, David Hammons, Keith Haring, Rachel Harrison, Mary
Heilmann, Eva Hesse, Charline von Heyl, Ull Hohn, Jacqueline Humphries, Jörg
Immendorff, Jasper Johns, Joan Jonas, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Yves
Klein, Jutta Koether, Michael Krebber, Manfred Kuttner, Maria Lassnig, Sherrie
Levine, Glenn Ligon, Lee Lozano, Konrad Lueg, Michel Majerus, Piero Manzoni, Kerry
James Marshall, Hans-Jörg Mayer, John Miller, Joan Mitchell, Ree Morton, Ulrike
Müller, Matt Mullican, Elisabeth Murray, Cady Noland, Hilka Nordhausen, Albert
Oehlen, Laura Owens, Steven Parrino, Ed Paschke, Howardena Pindell, Sigmar
Polke, Seth Price, Stephen Prina, R.H. Quaytman, Robert Rauschenberg, David Reed,
Gerhard Richter, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle, Mario Schifano, Amy Sillman,
Sylvia Sleigh, Josh Smith, Joan Snyder, Reena Spaulings, Nancy Spero, Gruppe Spur,
Frank Stella, Walter Swennen, Paul Thek, Rosemarie Trockel, Cy Twombly, Jacques
de la Villeglé, Kelley Walker, Andy Warhol, Sue Williams, Karl Wirsum, Martin Wong,
Christopher Wool, Heimo Zobernig, u.a.
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher und reich illustrierter Katalog im
Prestel Verlag (ISBN: 978-3-7913-5492-7, Museumsausgabe: 39,95 Euro) mit 320
Seiten und 350 vollfarbigen Abbildungen in deutscher und englischer Sprache.
Vertiefende Essays der drei KuratorInnen Achim Hochdörfer, David Joselit und
Manuela Ammer gehen den zentralen Fragestellungen der drei Sektionen nach. Mit
Beiträgen von Lynne Cooke, Isabelle Graw, John Kelsey, Tonio Kröner, Wolfram
Pichler und Kerstin Stakemeier kommen bedeutende Stimmen zur Entwicklung der
Malerei der letzten Jahre in einer Publikation zusammen.
Kuratiert von Achim Hochdörfer, David Joselit mit Manuela Ammer
Assistenzkurator: Tonio Kröner
„Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ ist eine Kooperation mit dem
mumok — Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.
Die Ausstellung wird gefördert durch PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V.