OLAFUR ELIASSON WASSERfarben

07.06.2018 - 02.09.2018
Pinakotheken | Pinakothek der Moderne | Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Barer Straße 29, München
http://www.pinakothek.de

Zweifellos zählt der dänische Installationskünstler isländischer Herkunft, Olafur Eliasson (*1967), zu den
herausragenden Künstlern der Gegenwart. Wie kein Zweiter begeistert er mit seinen künstlerischen
Großprojekten weltweit Menschen auch außerhalb der Museen. Bis heute nimmt die Zeichenkunst einen
zentralen Stellenwert in seinem alle Medien umfassenden Werk ein. Erste Ideen werden in der
Zeichnung formuliert und immer wieder während eines Projekts von Eliasson zu Rate gezogen. Man
gewinnt geradezu den Eindruck, dass der Künstler in der Zeichnung denkt. Umso erstaunlicher ist es,
dass sein zeichnerisches Oeuvre bisher nur vereinzelt in Ausstellungen zu sehen war. Die große, auf
über 800 Quadratmetern angelegte Ausstellung WASSERfarben der Staatlichen Graphischen Sammlung
München stellt erstmalig Olafur Eliassons Zeichenkunst in all ihren Facetten umfassend vor, gezeigt
werden rund 50 Arbeiten. Die kuratorische Idee ist es, die enge Kongruenz zwischen seiner Zeichenkunst
und seinen Installationen zu erschließen und sinnlich nacherlebbar zu machen.
Für das Entrée der Graphischen Sammlung hat Olafur Eliasson eine neue, ortsspezifische Installation
geschaffen, die sich dem Sehen und der Wahrnehmung des Betrachters im öffentlichen Raum, aber auch
dem Verhältnis von Oberflächen und dem Dahinterliegenden widmet. Ausgehend von den vier Themen
Licht, Farbe, Linienkunst und dem erweitertem Zeichenbegriff des Künstlers entwickelt sich die
Ausstellung im Folgenden, die Zeichnungen, Skulpturen und Rauminstallationen umfasst.
Licht- und Farbstudien, sowie die Erforschung von Naturphänomenen stellen ein zentrales Thema in
Eliassons künstlerischer Praxis dar. Mit einer neuen Glasarbeit und der Skulptur The presence of
absence (Nuup Kangerlua, 24 September 2015 #2) (2016) werden die großformatigen Aquarelle The
ocean fade (2016) gezeigt, die mittels wiederholtem Auftragen von dünnen, transparenten Lasuren auf je
ein großes Blatt Papier einen subtilen Farbverlauf von leuchtenden, satten Tönen bis zu blassem, zartem
Kolorit ergeben. Der minutiöse, physikalische Produktionsprozess dieser Arbeiten erzielt eine ephemere
Erfahrung von Licht und Raum und der Beweglichkeit von farbigem Licht in der statischen Fläche als
synästhetisches Erlebnis unserer Sinne – ein Thema, das in vielen Werken Eliassons eine elementare
Rolle spielt.
Die Installationen Your uncertain shadow (black and white) (2010) sowie Life is lived along lines (2009)
leiten vom Thema Licht und Schatten über zur zeichnerischen Linienkunst. Exklusiv für die Münchner
Ausstellung kreiert Olafur Eliasson eine Variante des berühmten sogenannten Modell room (2003), der
2015 vom Moderna Museet in Stockholm erworben wurde und nicht mehr ausleihbar ist. Es handelt sich
dabei im wahrsten Sinne des Wortes um ein fantastisches Studierzimmer, das sich wie ein
dreidimensionaler idealer Denkraum öffnet. Flankiert wird die Installation unter anderem von einer Suite
von 35 großformatigen Skizzenblättern, Studio Sketches, die PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne
e. V. jetzt schon für die Sammlung erwerben konnte. Sie geben Einblicke in den Reichtum von Eliassons
schöpferischen Ideen, die zeichnerisch zum Ausdruck kommen.
Ein dritter Werkkomplex wird sich in der Ausstellung dem erweiterten Begriff von Zeichnung zuwenden,
der seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der künstlerischen Praxis eine wichtige Rolle spielt und schon im
Frühwerk Eliassons seinen Niederschlag gefunden hat. Die Lichtinstallation Your unpredictable
sameness (2014) im Foyer führt sinnlich vor Augen, dass die Linienkunst keine Begrenzung der Medien
kennt und Künstler wie Eliasson sich in ihrer Experimentierfreudigkeit keine Beschränkungen
auferlegen. In diesem Kontext werden u. a. frühe Zeichnungen wie die bisher nie gezeigten sogenannten
Black boat drawings aus dem Besitz des Künstlers zu sehen sein, die er 1998 in Kooperation mit seinem
Vater Elias Hjörleifsson geschaffen hat. Sie demonstrieren exemplarisch die Öffnung des klassischen
Zeichnungsbegriffs: Eliasson gab damals vom Land aus Start- und Stoppzeichen, die seinem auf einem
Schiff befindlichen Vater signalisierten, eine in Tinte getauchte Kugel an vorher festgelegten Orten auf
einem Papier zu positionieren. Über einen Zeitraum von zwei, fünf, zehn oder fünfzehn Sekunden
zeichnete dann die Kugel, gelenkt vom Wellengang, ihren Verlauf auf dem Papier ab. Diese Öffnung geht
damit von der schöpferischen Hand aus und wird um den Zufall erweitert, durch den sich – einem
Seismographen gleich – die künstlerische Kreativität einen geradezu interstellaren Raum erschließt.
Die Ausstellung Olafur Eliasson. WASSERfarben stellt das Oeuvre des Künstlers über das vielfältige
Spektrum seiner Zeichenkunst hinaus im Kern seiner Wesenheit vor. Es bleibt ephemer, berührt aber auf
diese Weise existentielle Grundbedingungen, die unser menschliches Dasein jenseits empirischer Fakten
ausmachen.

KATALOG
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der sich der Zeichnung als grundlegendem Medium in
Olafur Eliassons Oeuvre widmet. Er ist weniger ein klassischer Leitfaden durch die Ausstellung als das
Skizzenbuch einer künstlerischen Ideenwelt und ein Angebot des Kurators, Eliassons komplexe Fragen
zur Wahrnehmung und seine empirischen Untersuchungen auf dem Feld eines erweiterten
Zeichnungsbegriffs sinnlich zu erleben als elementare visuelle Extrakte in Form von konzeptuellen
Farbskizzen, radikalen Kreisziehungen und neuesten großformatigen Aquarellen in subtilen
Farbversionen. Der Katalog taucht in die geradezu alchemistische Atmosphäre von Eliassons „Werkstatt“
ein, die vor Entstehung der Kunstwerke in der Luft liegt – er ist quasi ein Studiobesuch auf Papier. Ein
umfassendes Gespräch zwischen Michael Hering und Olafur Eliasson bietet Einblicke in neueste
Werkgruppen und ihre Entstehungsprozesse. Zudem kristallisieren sich Kernthemen des Künstlers
heraus, es offenbart sich sein Bezug auf Künstler wie Caspar David Friedrich und Wassily Kandinsky oder
auf die Farbe des isländischen Meeres.