Ob Pinguine Golfbälle vertragen??

 


 


Simon´s Town oder ST wie die gerne in Abkürzungen redenden Südafrikaner  es nennen, liegt im Windschatten der Kaphalbinsel an der False Bay, der großen halbkreisförmigen Bucht im Südosten Kapstadts. Von Barrydale kommend fährt man die gewohnte Route auf der Nationalstraße 2 über Swellendam durch die fruchtbare, wie in Wellen wogende Landschaft des Overbergs, die Obstplantagen um Grabouw und die schroffe Höhe des Sir Lowry Passes hinab nach Somerset Wes. Nach kurzer Fahrt biegt man von der N2, die direkt ins Herz von Kapstadt führt ab auf die R310 Richtung Kayelitsha und Muizenberg.


 


Die Straße führt durch eine von großen Sanddünen  geprägte Landschaft ans Meer. Die Elendsviertel von Kayelitsha, einer während der Apartheid-Zeit eingerichteten Township, reichen bis an den Straßenrand. Hinter den aus Holzbrettern und allen erdenklichen Materialien zusammengebastelten kleinen Hütten der wilden Siedlungen, die Kayelitsha hier begrenzen, dehnt sich bis um Horizont ein Meer aus flachen kleinen Häuschen, die von bis zu fünfzehn Metern hohen Lichtmasten überragt werden, die den Stadtteil nachts in ein unwirkliches Licht tauchen. In Kayelitsha und der benachbarten Township Mitchell´s Plan, in den sogenannten Cape Flats, wie die flachen Ebenen im Osten genannt werden, wurden 1965 an die 60.000 Einwohner, die vorher den multikulturell geprägten  District Six nahe am Zentrum Kapstadts bewohnten im Rahmen der forcierten Rassentrennung „umgesiedelt“. In den beiden Townships leben inzwischen weit über eine Million Menschen, genaue Zahlen kennt niemand. Im Süden grenzen beide Gebiete an die R310, die oft vom Sand der Dünen bedeckt an der Küste der False Bay entlang nach Muizenberg führt, einem kleinen Städtchen, dem man seine Vergangenheit als Seebad der Kapstädter noch ansieht. Eine Vortortbahn aus Kapstadt windet sich nun an der mediterran anmutenden Küste zwischen Straße und Meer entlang bis Simon´s Town. Es soll nicht ratsam zu sein, mit dieser Eisenbahn zu fahren und die Züge sind dementsprechend schlecht besetzt.


 


Wir müssen ohnehin mit dem Auto fahren und geraten deshalb gar nicht in Versuchung, den Wahrheitsgehalt solcher Aussagen zu prüfen. Die Hänge sind steil und weil Siedlungsplatz knapp ist, klettern die Häuser in atemberaubende Höhen, kleben dort wie Vogelnester oder stehen auf hohen Stelzen, um noch die letzte „breath taking view“ oder atemberaubende Aussicht  zu besetzen. Die Preise fallen auch hier deftig aus: Ein Häuschen am Berg kostet denn schon mal € 300.000 und wenn man mehr will als ein Häuschen muss man schon etwas mehr ausgeben. Trotz hoher Preise wird weiter in die Hänge gebaut, wo noch Platz ist. Die alten Häuser und auch die Bahnhöfe von Muizenberg, Kalk Bay, Fish Hoek oder Simon´s Town, die auch in einem der Badeorte an Englands Südküste stehen könnten, erinnern an die britische Kolonialzeit. Seitdem ist bis auf die Villen wenig hinzugekommen, das Erbe wird liebevoll umsorgt und aufrechterhalten. Der Tourismus ist die Hauptquelle des Wohlstands und wenn auch jetzt im südafrikanischen Winter die Touristen aus Europa weniger werden, so sind es doch genügend Südafrikaner oder Japaner, die einen Ganzjahresbetrieb ermöglichen.


 


Glaubt man den  Prognosen über die Entwicklung der globalen Touristenströme werden demnächst auch Chinesen in großer Zahl erwartet. Dann wird man im Zentrum von Simon´s Town wohl auch chinesisch essen gehen können. Die Sushi-Bar in der schlanken neuen Mall des Quayside Hotels im Zentrum am Jubilee Square ist heute jedenfalls geschlossen. Das Fischrestaurant „Berthas“ eine Etage tiefer istjedoch geöffnet und so findet die Besatzung eines japanischen Reisebusses statt Suhsi  Kingklip oder statt Surimi Catch of the Day auf der Speisekarte.


 



 


Von der Balustrade des Jubilee Square blickt man auf den kleinen Hafen von Simon´s Town. Die kleine, geschützte Bucht an der False Bay wurde ab 1741 als Winterhafen der Briten benutzt. Seit 1957 beherbergen die überschaubaren Anlagen das Hauptquartier und die Ausbildungsstätten der südafrikanischen Kriegsmarine. Simon´s Town ist aber auch ein beliebter Yachthafen. Im Hintergrund sieht man den grauen, graublauen Schatten einer der vor wenigen Monaten aus Deutschland gelieferten Fregatten vom Typ F-123 der South African Navy. Sie ist noch immer nicht einsatzbereit und die erwiesenen und unbewiesenen Korruptionsvorwürfe beherrschen seit der Entscheidung über  den „arms deal“ immer wieder die Politik und den ANC. 


 



 


Wir sind aber nicht hier, um die SA Navy oder der Historical Mile, wie die hübsche Ansammlung der Häuser im viktorianischen Stil zwischen Bahnhof und Jubliee Square genannt wird zu bewundern, sondern hier um Cornell Senekal dessen bunte, afrikanischen Hühner seit 2002 in Cyberdays Gallery ausgestellt  sind, zum siebzigsten Geburtstag zu gratulieren. Er wohnt nicht unweit des Jubilee Square in einem der palmenbesetzten Höfe hinter den einstöckigen Gebäuden an der Hauptstraße. Die Einladung hatte keine feste Zeit angegeben, sondern einen Tag der offenen Tür angekündigt. Jeder konnte also kommen, wie es im beliebte und wir kamen zu bester deutscher Kaffe- und Kuchenzeit gegen vier Uhr, um in den nächsten drei Stunden Menschen aus allen Stadtteilen Kapstadts zu erleben, die zwar alle Englisch sprachen, aber auch in Afrikaans, Deutsch oder Französisch ihre Neugierde am anderen kundtaten. Das neue Europa das in den letzten Jahrzehnten entstanden ist, kennen sie zwar nur aus flüchtigen Besuchen und alten Erinnerungen, aber es ist ihnen dennoch so nahe wie die Erbtante.


 


Gegen sieben fahren wir über die engen Serpentinen der M66 über den Bergrücken der Kaphalbinsel auf die Atlantikseite, um bei Freunden in Scarborough zu übernachten. Die Atlantikküste ist schroffer, selbst Licht und Luft wirken anders. Es ist überraschend mild. Die Nachttemperaturen sinken auch im Winter selten unter acht Grad. Der seit drei Jahren anhaltende Bau- und Grundstücksboom hat auch in dem kleinen kaum tausend Einwohner zählendem Ort deutliche Spuren hinterlassen. Auch hier klettern die Häuser in atemberaubende Höhen, denn von oben, das wissen wir, ist die Aussicht besser. Von Scarborough geht es am nächsten Tag weiter auf der M65 Richtung Cape of Good Hope, genauer zum Cape Point. Da das alles im gleichnamigen Naturreservat liegt und das Ganze ein Muss für alle Touristen ist, wird eine kleine Gebühr von 30 Rand (€ 3.25)  pro Person verlangt. Die Warnung die pavianartigen Baboons weder zu füttern noch sich mit ihnen irgendwie einzulassen hat guten Grund. Die Baboons lassen sich dennoch nicht abhalten. Sie sind überall und nehmen sich was sie wollen. Besonders hat es ihnen Softeis und Coca-Cola angetan.


 



 


Steht man mit Hunderten von Japanern, Chinesen, Deutschen, Briten und doppelt so vielen Südafrikanern aus allen Landesteilen endlich auf der Plattform des Leuchtturms und hat Gelegenheit auf den schmalen Felsgrat zu werfen, der einen noch vom Südpol trennt, dann weiß man, was Fin del Mundo bedeutet: Ende der Welt. Links geht der Seeweg nach Indien, Rechts nach Argentinien und Brasilien.


 



 


Das ist nicht weit, aber Europa ist weit. Eine kleine Halbinsel am Ende des riesigen asiatischen Kontinents, voller Geschichte und Veränderung, aber weit weg und sein Einfluss auf die Geschicke des Landes an der Südspitze Afrikas schwindend. Über Smitswinkel Bay Und Miller´s Point fahren wir zurück nach ST. Wo früher die Pinguine in diesen wundervollen, für diesen Küstenabschnitt charakteristischen Landschaften aus riesigen vom Meer rundgeschrubbten Steinen zu bewundern waren,  wurde ein gepflegter schöner Golfplatz mit Blick auf Meer wie zugehöriger Landschaft angelegt. Zugegeben: er ist nicht eingezäunt. Aber ob die Pinguine Golfbälle vertragen? Jedenfalls wurde die offizielle Pinguinmeile stadteinwärts verlegt und ist ehrlich gesagt ein öder Platz voller Touristen aus Japan und Verkaufständen nigerianischer Souvenirhändler, die für afrikanisches auch Yen annehmen.


 


Wir wollen noch mal nach ST, um eine der drei Bronzegießereien, die es in und um CTN gibt zu besuchen. Um den Gebäudekomplex von Bronze Age www.bronzeage.co.za zu erreichen parkt man besten wieder am Jubilee Square auf den Parkflächen für Ganztagsbesucher. Galerie, Gießerei und Künstlerhaus sind in den historischen Ställen Albertyn´s untergebracht. Das Künstlerhaus, Unterkunft für Künstler aus aller Welt, ist umgeben von einem öffentlich zugänglichen Skulpturengarten.


 



 


 



 


Zumeist arbeiten die residierenden Künstler eng mit der Gießerei zusammen, die spezialisiert ist auf Formenbau, Formenguss, Patinierung und Montage von Klein- wie Großskulpturen. In der Galerie sind Teile des handwerklichen wie künstlerischen Könnens zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Die ausgestellten Objekte sind hochpreisig und kunsthandwerklich einwandfrei. Die Ausstellung, die wir zu sehen bekamen, zeigte jedoch nicht mehr. Auch wenn die großen Namen der südafrikanischen Bildhauerei wie Keith Calder, Donald Greig, Philip Barett, Dylan Lewis etc. hier ihre Arbeiten fertigen lassen, fühlt man sich hier eher wie in Key West, Florida. Geliefert wird nicht nur in die Villen am Ocean Drive in Kapstadt, sondern auch in die wohlhabenden Vororte Johannesburgs und Londons, New Yorks oder Tokio. Lebensgroße Delphine, Löwen oder auch weibliche Akte sind scheinbar global gefragt ebenso wie absurde Wesen im Stile Cesars.


 



 



 


Dennoch ist es erstaunlich, dass es in der Region neben Bronze Age noch Ingwe Editions in Koelenhof bei Stellenbosch gibt, eine große Gießerei spezialisiert auf Großplastiken, die viele der selben Künstler bedient http://www.ingwe-editions.co.za/


Beide Gießereien sind offen für neue Aufträge und lassen bei Preisen gut unter dem europäischen Durchschnitt noch Spielraum für Shipping und andere Zusatzkosten. Ein zunehmender Teil der Aufträge kommt demzufolge aus dem Ausland oder Overseas, wie sie hier sagen.


Bronze Age bietet zudem noch Kurse für Bildhauerei an. Doch die gehen über drei Monate und erfordern einen längeren Aufenthalt. Keine Frage des Visums, schon eher der Kosten für Anflug und Unterkunft. Umfeld, Unterbringung und garantiertes Ergebnis sind bestimmt „Proudly South-African“, wie ein Label auf vielen südafrikanischen Produkten stolz verkündet. Jedenfalls auf denen, die nicht mehr aus USA, Japan oder Europa und noch nicht aus China importiert wurden.


 


Good afternoon! Es geht zurück über Muizenberg und Kayeltisha nach Somerset Wes. Dort an der N2 gibt es die Somerset Wes Mall, ein Einkaufzentrum, in dem man alles findet, was es auch in der Marktstraße jeder deutschen Klein- oder Mittelstadt gibt,  allerdings mit südafrikanischen Markenzeichen, die allesamt an der JHB (Jo´burg, Johannesburg)  Stock Exchange (Börse) gelistet sind. Pick´n Pay, Games, Home, Mr. Price, Clicks, Foschini, Edgars, Mr. Video usw. Es gilt einen Parkplatz zu finden auf Parkflächen für tausende von Autos und zwar am richtigen Eingang. Das ist nicht einfach und weil Wochende ist, schon gar nicht.  Es ist Samstag, kurz nach drei. Es ist nicht überfüllt, aber voll. Die langen Gänge mit zahllosen Geschäften, die Cafes, Ruhezonen, Bänke, Lichthöfe, Toiletten, alles aufs lebhafteste frequentiert. Schwierig sich unter solchen Umständen gezielt und rasch im noch immer wenig bekannten Warenangebot zurechtzufinden. Es wimmelt zwischen den überhöhen Regalen bei Pick´n Pay. Das Personal steht mit seinen Trolleys und lädt Waren nach, die Kunden  ziehen sie wieder heraus, blockieren mit ihren Trolleys den Durchgang, andere drängeln mit ihren Trolleys und das alles aufgeführt von einer bunten Schar von Laiendarstellern, die anscheinend einen Wochenendausflug zu Pick´n Pay ins Familienprogramm aufgenommen hatten. Kurz es war stressig, aber letztlich erfolgreich: mit Einkäufen für drei Wochen düsten wir auf der N2 Richtung Sir Lowry´s Pass weiter in den Abend und die von der untergehenden Sonne muschelrosa bestrahlten Hügelketten des Overberg nach Caledon, Riviersonderend, Swellendam, Suurbrak und über den Tradouw Pass endlich nach Hause, nach Barrydale. 860 Kilometer in zwei Tagen meldet der Zähler des Isuzu, 100 Liter Verbrauch. Was will die Kunst mehr? Irgendwas vergessen? Ach das mit der Urne auf dem Friedhof des kleinen Norbertiner Klosters in Kommetje! Davon vielleicht beim nächsten Mal.