Netzkunstpreis für Literaten

Bevor die Jury der Kategorie .net des Prix Ars Electronica 2000 ihre Entscheidung bekannt gab, konnte man das Ergebnis bereits in der Online-Ausgabe der New York Times nachlesen. Ein wenig erstaunlicher Vorgang. Und dennoch: mehr als die Prämierung selbst sorgten diese Indiskretion und die Spekulationen um die „undichte Stelle“ für Gerede und Gerüchte. Zu Recht: es war das weniger langweilige Ereignis.

Die Ars Electronica ist mehr und älter als der angeschlossene Wettbewerb. Die Chimäre aus Party, Ausstellung und Messe wurde bereits 1979 als Ort der Begegnung von Kunst, Wissenschaft und Neuen Medien vom österreichischen Fernsehen ORF und dem Brucknerhaus, das später ausgebootet wurde, ins Leben gerufen.

Erst 1987 schuf ORF-Intendant Hannes Leopoldseder den Prix Ars Electronica. 1991 kamen ein Medienmuseum und das FutureLab als ständige Einrichtungen hinzu. Vor allem der Wettbewerb sollte der Ars Electronica eine größere Nähe zu Gegenwartskunst bringen. In mehreren Kategorien und einem Jugendwettbewerb namens ‚U19‘ werden die recht begehrten „Goldenen Nicas“ vergeben, jeweils hoch dotiert.

Von besonderer Bedeutung für die net.art-Szene ist die Kategorie .net. Hier werden Arbeiten prämiert, die für das Internet erstellt wurden. Bei der Auswahl bewiesen die Juroren immer wieder ein erstaunliches Gespür für die aktuelle Entwicklung der Netzkunst. Im Unterschied zu anderen Wettbewerben achteten sie aber auch darauf, dass die Beiträge nicht nur im Internet abrufbar waren, sondern sich auch dessen Eigenarten zunutze machten. Für Multimedia-Projekte und Offline-Digitalkunst gab es schließlich gesonderte Kategorien.

Schon im letzten Jahr ging diese Ausrichtung allerdings einigen Kritikern entschieden zu weit. Prämiert wurde 1999 Linus Thorwald für das Open Source-Projekt Linux. Dass ein Betriebssystem kein künstlerisches Werk ist, spielte dabei die geringere Rolle – der Prix Ars Electronica hatte sich nie auf rein künstlerische Arbeiten beschränkt. Schwerer wog ein per E-Mail verbreitetes Gerücht, die Entscheidung der Jury sei von den Interessen der Sponsoren geleitet oder zumindest beeinflusst gewesen. Die Meldung erwies sich zwar rasch als gefälscht, das Ansehen des Preises aber war beschädigt. Zudem wurde der Vorwurf laut, die Jury habe es sich etwas zu leicht gemacht.

Ebenfalls ausgezeichnet wurde 1999 das Programm ‚Res Rocket‘, eine Software, die Musikern eine Zusammenarbeit via Internet ermöglicht. Beide Prämierungen zusammen lassen sich durchaus als Mahnung an die Netzkünstler verstehen, endlich von der bloßen Online-Publikation digitaler (aber nicht netziger) Werke abzulassen und das Wörtchen „Netz“ etwas ernster zu nehmen. In diesem Sinne waren die Entscheidungen konsequent und an sich untadelig.

Doch nun, ein Jahr und einen Regierungswechsel später, hat der österreichische Netzkunstpreis mit internationaler Bedeutung nichts als Irritation und Enttäuschung heraufbeschworen. Nicht nur, dass deutlich weniger Beiträge eingereicht worden sind als im Vorjahr (das allerdings ein „Rekord-Jahr“ gewesen ist), es hat den Juroren auch nichts davon gefallen. Statt dessen kürten sie (wie schon im Vorjahr) einen Preisträger, der sich gar nicht beworben hatte: Science-Fiction-Autor und Netizen Neal Stephenson.

Stephenson, der gelegentlich auch unter dem Pseudonym Stephen Bury veröffentlichte, habe, so die offizielle Begründung, mit seinen Romanen ‚In the Beginning…Was the Command Line‘, ‚The Diamond Age‘, ‚Cryptonomicon‘ und ‚Snow Crash‘ „die net-community maßgeblich beeinflusst“. Das wird wohl so sein, betrifft aber die Netzkunst tatsächlich nur am Rande. Es lässt sich auch fragen, ob hier nicht Netzkultur und Netzkunst durcheinander gebracht worden sind.

Auf der Website des Prix Ars Electronica findet sich die folgende Erklärung: „Vor allem sein 1992 erschienener Roman ‚Snow Crash‘ beschreibt eine Welt der Zukunft, die vieles von dem, was jetzt im Internet alltägliche Realität ist, vorwegnimmt.“ Da hätte man dann allerdings gleich Ted Nelson für sein Lebenswerk auszeichnen können.

Aber noch mehr: „Neal Stephenson erweist sich nicht nur als Visionär, sondern sein Werk hat durchaus Auswirkungen auf die Realität des heutigen Netzes. In seinem aktuellen Buch ‚Cryptonomicon‘ geht es um Kryptographie und die High-Tech-Finanzwelt.“ Und wiederum lässt sich fragen: warum dann Stephenson? Warum nicht den PGP-Erfinder Phil Zimmermann und warum nicht Jerry Yang, der es in wenigen Jahren schaffte, mit dem Webkatalog Yahoo einen Börsenwert zu erreichen, der selbst General Motors übertrifft?

Nicht die Rolle, die Stephenson bei der Entwicklung des Netzes spielte, steht unter Kritikern nun zur Debatte, sondern die Rolle des Netzkunstpreises aus Österreich. Dass er sich schon zum zweiten Mal in Folge aus der Szene heraushält, heißt auch, dass er dort nichts mehr bewegt. Wirkte die Vorjahresentscheidung noch als mahnender Zeigefinger, so gilt die jetzige bereits als lustloses Achselzucken.


Dass zugleich mit dem Ars Electronica-eigenen Architektur-Projekt ‚Telezone‘ (hier kann man über das Netz einen Roboter ansteuern, der dann in einer Art Sandkasten, nur ohne Sand, Modelle bastelt) eine Arbeit auf den zweiten Platz kam, die, wie auch Stephensons Werk, den formalen Ausschreibungskategorien (für das Internet erstellt und ohne angeschlossene lokale Installation) nicht genügt, rundet den Gesamteindruck eines weitgehenden Desinteresses der Veranstalter ab. Entsprechend fielen denn auch die Reaktionen aus. Nicht die Preisträger und ihre Arbeiten, sondern die geheimnisvolle Quelle der New York Times sorgte für Aufsehen. Zu den Inhalten aber herrscht in den einschlägigen Netzkunstforen Stille. Fast hat man den Eindruck, es sei gar nichts geschehen. Ein Lichtblick: die Aktionen der Künstlergruppe Etoy in der Auseinandersetzung mit dem Spielwarenversender Etoys wurden mit einer lobenden Erwähnung bedacht.

Die Linzer „Cyberarts 2000“, bei der ausgewählte Beiträge vorgestellt werden, beginnt am 02.09.2000. Dann startet auch das Festival der Ars Electronica – unter dem Motto: „Sex im Zeitalter seiner reproduktionstechnischen Überflüssigkeit“.

Die Preisträger der weiteren Kategorien:
Interactive Art: ‚Architecture #4‘ von Rafael Lozano-Hemmer
Digital Musics: CD-Edition ’20‘ to 2000′ von Carsten Nicolai
Computer Animation: ‚Maly Milos‘ von Jakub Pistecky
Der Jugendwettbewerb (Cybergeneration) ‚U19 – Freestyle Computing‘ ging an Verena Riedl, Michaela Hermann und ihr Team für „Harvey“.

Links:
Ars Electronica http://www.aec.at/
Prix Ars Electronica http://prixars.orf.at/
New York Times http://www.nytimes.com/
Neal Stephenson http://www.well.com/user/neal/
Telezone http://telezone.aec.at/
Linux http://www.linux.org/
Res Rocket http://www.resrocket.com/
Etoy-Kampagne http://www.toywar.com/

Link: http://www.aec.at/