Netzkunst ist online und gefährlich

Konstanz (dis) – Der Rechtsstreit zwischen einem Spielzeuganbieter und einer Künstlergruppe schärft nun die Wahrnehmung gegen den Begriffspfusch.

Da ich dies schreibe: das Gerücht des Tages: Deutsche und Dresdner Bank fusionieren. Das Internet-Banking wird weitere Arbeitsplätze kosten. Banken waren schon immer sehr virtuell. Keine Ware gegen Geld, keine Dienste – nur Geld. Schlimmer noch als Versicherungen.


Etoys ist solch ein virtuelles Unternehmen. Es vertreibt Spielzeug. Echtes Spielzeug. Aber Etoys existiert nur im Internet. Wenige Angestellte und leistungsfähige Computer bilden ein ansonsten kaum vorhandenes Unternehmen erfolgreich ab. An den Börsen glaubt man das; virtuelle Unternehmen bekommen jede Menge Kohle von Tante Erna und der Sparkasse Kleinkleckersdorf. Etoys ist durchaus erfolgreich.
Einige der kaufwilligen Kinder werden allerdings gefoppt: tippen sie www.etoy.com ein (wo es doch etoys.com heißen muss), gelangen sie unfreiwillig zum Web-Auftritt der schweizerischen Netzkünstlergruppe etoy. Dot com. Einige? Zu viele für Etoys, den seriösen, netzigen – und, muss man sagen: sympathischen – Spielehändler. Etoys geht vor Gericht. Der Richter sagt: die Domain „etoy.com“ darf von den Künstlern nicht mehr benutzt werden. Geld steht auf dem Spiel. Die bis vor kurzem als Monopolist agierende internationale Domain-Vergabe-Firma Network Solutions beugt sich sogleich und sperrt die Adresse.
Als Etoys, der E-Commerzer, sich mit den Künstlern einließ, ahnte das Unternehmen nicht, mit wem es sich da anlegte: die etoy sind Spezialisten für das Entlarven des Virtuellen. Rasch entwickelte „Gegenspiele“ der Künstlergruppe und ihrer Unterstützer, die letztlich auf die Entzauberung eines nackten Monarchen zielten, hatten Erfolg: die Aktien verloren dramatisch, Etoys gab auf.


Man könnte dies einen Sieg der Kunst über das Geld nennen. Tatsächlich war es ein Sieg der „Netzgemeinde“, der „Netiquette“ – kurzum der automediatorischen Selbstregulation des Netzes.
Wesentlich ist, dass hier das „know how“ der Netzkunst vorgeführt wurde – sie damit geradezu erstmalig ins Rampenlicht trat – wo sie doch bislang stets mit anderen, durchaus kompatiblen Künsten verwechselt wurde.


In Deutschland, so geht die Mär, sei Netzkunst durch die Dokumenta X „kanonisiert“ worden. Welch Übermut. Im Untermut glänzte dann noch das Karlsruher ZKM mit seiner Ausstellung net_condition, 1999, die – wie sicher! – das Konzept kopierte.


Was gab es da zu sehen?


HTML. Das ist die im WWW beliebte Seitenbeschreibungssprache. Ergänzt um einige Tricks per billigem Javascript. Jeder private Internetpublizist versucht es: Homepaging. Hier durchaus, die Auswahl ist kaum zu kritisieren, vom Guten. Zur Dokumenta heißt es noch: „Es wird versucht, die technischen Bedingungen an die Oberfläche zu bringen, in irritierenden Simulationen vorzuführen.“ Zur net_condition heißt es nicht mehr, genauer gesagt: es wird Künstler-Protest laut. Da seien, wirft Netzkunst-Star Olia Lialina in die Diskussion, nicht einmal CGI- Scripte realisierbar gewesen, somit netztypische Interaktion (das meint immer die Mensch-Maschine-Begegnung) unmöglich. Wohl war: die Karlsruher Ausstellung lief „offline“ – ohne Internetzugang – prächtig. Man kann das auf CD brennen.


Zwei akademisch-künstlerische Lager versuchen die herrschende Begriffsunschärfe noch eine Weile auszukosten.


1. Die Computerkunst-Freaks (im Sinne Herbert W. Frankes), die mit dem Konkreten ihre Multimedia-Phase schon abgestrampelt haben und nun von maschineller Kunsterzeugung träumen, in der der Künstler als Programmierer und nicht nur als Bereitsteller des Inhalts digitaler Präsentationen agiert. Erfahrung in MUDs (Online-Welten, die an die Fantasy-Spiele der achtziger Jahre erinnern) legt solche Ausrichtung nahe, die Sehnsucht nach Orakel-Kunst und die lebendige Tradition der seit Max Bense auch in Deutschland heimischen digitalen Kunst. Sie arbeiten oft allein, verbreiten ihre Kunst aber im Netz nicht nur durch bloße Bereitstellung, sondern auch durch aktiven Versand, ähnlich der Mailart.


2. Die Multimedialisten. Da gibt es etliche, die aus der Homepageszene kommen, aber auch Spielprogrammierer, Werbedesigner und Gestalter von Kaufhaus-Interfaces, „virtuellen“, versteht sich. Sie arbeiten in Teams, arbeitsteilig als Designer, Programmierer und Autoren. Sie nutzen die digitalen Produktionsmöglichkeiten und nennen alles, was via Internet zu besichtigen ist, ebenfalls Netzkunst, benutzen sie doch „die Mittel des Internet“.


Darin nämlich sind sich beide einig – und noch in einem anderen: der Betonung der Interaktion: der Leser von Grammatron (einem hyper-multimedial mäandernden Web-Lese-Abenteuer von Mark Amerika) muss seinen eigenen Lesepfaden folgen, der Erkunder von Riven (einem beliebten Computerspiel der Brüder Miller) sich selbst Ziele setzen, der Fahrkartenautomat muss, wenn ich ‚Berlin‘ getippt habe, das entsprechende Ticket ausspucken, die Musikbox spielt was ich will – wenn ich was will – und tut das nicht von sich aus.
Der Toywar, der virtuelle Krieg zwischen etoy und Etoys, ist aus den Anliegen und Methoden beider Lager nicht zu alimentieren. Natürlich mussten Web-Seiten gestaltet und Server zur Tat gebracht werden. Aber das betrifft die Oberfläche.


Netzkunst ist etwas anderes als bildende Kunst, Literatur oder Fernsehen. Netzkunst bedient sich nicht zu ihrer Verbreitung oder Kommunikation der „neuen Medien“ – sie ist die Kunst des Netzes. Die Literaturszene zum Beispiel sucht noch immer nach ihrer „Netzliteratur“. Dabei gibt es sie längst: die Wandergeschichten des Internet, die berühmten Texte, die jeder gelesen hat usw. Auch gibt es tausend Bücher auf dem Markt, die Design im Einsatz der Kommuni-Aktion (Michael Charlier) lehren – aber nicht einmal eines, das sagt, das verteiltes Publizieren – nicht eine „Homepage“, sondern viele Foren-Beiträge, erfolgreicher sein werden. Weil sie netziger sind.


Was ist, fragen wir, über das Leben auf einsamen Inseln, à la Robinson, geschrieben worden. Wir fragen nicht: was ist auf einsamen Inseln geschrieben worden. So sähe die Frage nach Netzkunst aus. Sie will sich weder dem Computer verschreiben noch einem audio-visuellen Homepaging, sie sucht nicht nach den Mitteln, sondern nach Wegen. Ihre Ästhetik ist keine des Werkes, sondern die des Transports.
Kunst produziert Aufmerksamkeit. Im WWW schreien alle danach. Alle! Das ist der Sinn einer WWW-Publikation. Die Aufmerksamkeit manifestiert sich in Links, in Verknüpfungen. Myriaden linken auf Yahoo? Na toll: Yahoo wins. Was liegt näher, als sich mit der Struktur des Netzes, der Kollaboration mit Gleichgesinnten, dem Netz als Kommunikations- – statt als Präsentationsmedium – zu befassen?


Was das praktisch heißt, zeigen die Entscheidungen der Jurys der ars electronica seit Jahren. Da wurde bereits 1996 eine Arbeit der japanischen Gruppe Sensorium ausgezeichnet, die Webcam-Aufnahmen zu einer globalen Lichtuhr gruppierten, oder 1999 das Betriebssystem Linux – wegen seiner dezentral-vernetzten Entwicklungsgeschichte – und eine Software, die Musikern ermöglicht, von verschiedenen Orten aus per Internet gemeinsam zu musizieren.


Auch etoy, die Künstler aus der Schweiz, haben bereits einen Preis der ars electronica errungen. Die von vielen ihrer Freunde mit Phantasie und Witz geführte Auseinandersetzung mit Etoys zeigte, dass auch ein paar engagierte Schulkinder heute einen Konzern aus den Angeln heben können (nicht wirklich – aber beinahe). Ein alltagstauglicher Hinweis für jeden Altersvorsorger. Netzkunst hat uns durchaus Wichtiges zu sagen.
Nannte bislang sich jedes Netzkunst oder net.art, das irgendwie per Internet zugänglich war, wird nun zwischen Netzkunst und netzpublizierter Kunst schärfer zu unterscheiden sein. Der Toywar – und sei es nur, dass auf geradezu außerkünstlerischem Gebiet demonstriert wurde, dass man „was kann“ (denn „Kunst kommt von Können“, sagt der Kanonisierer) – machte auch in Deutschland die Unterschiede sichtbar. Zwischen der Arbeit am Gewebe und dem Packen von Päckchen.


Die Deutsch-Dresdner Bank werden wir, wenn, auf allen Seiten antreffen. Als virtuelles Unternehmen und Kunstobjekt, als Ziel kindlicher Attacken und als echte Netzgröße. Denn: dass es attraktive Inhalte „im“ Netz auf Dauer nicht geben wird, wenn die keiner bezahlt, ist unumstritten.

Link: http://www.etoy.com