Mythos Atelier Von Spitzweg bis Picasso, von Giacometti bis Nauman

27.10.2012 - 10.02.2013
Neue Staatsgalerie
Konrad-Adenauer-Str. 30 - 32, 70173 Stuttgart
http://www.staatsgalerie.de

Eine Reise durch 200 Jahre Kunstgeschichte
Die Große Landesausstellung 2012 der Staatsgalerie Stuttgart würdigt erstmals in einer umfassenden Überblicksschau die Bedeutung des Künstlerateliers und seine Darstellung in der Moderne. In den verschiedenen Medien der Malerei, Fotografie, Videokunst und in raumgreifenden Installationen präsentiert die Ausstellung nahezu 200 Werke von der Romantik bis zur Gegenwart in spannenden und oftmals unverhofften Dialogen. Mit der Atelierdarstellung als Ausgangspunkt der Selbstreflexion und Selbstdarstellung des Künstlers stellt die Ausstellung die Frage, wie die Kunst über sich selbst nachdenkt.

Das Atelier im 19. Jahrhundert: Mönchsklause, Salon, Himmelszelt
Im frühen 19. Jahrhundert wird das Atelier als Ort künstlerischer Schöpfung zu einem zentralen Bildthema in der Kunst. In der Romantik als Raum der Konzentration auf innere Bildwelten für Maler wie Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus oder als Zufluchtsort gesellschaftlich geächteter Künstler im Umfeld des Impressionismus in Frédéric Bazilles „Atelier“. Auch als prunkvoller Repräsentationsraum von Malerfürsten wie Hans Makart erfährt das Künstleratelier im 19. Jahrhundert eine kultische Aufwertung.

Das Atelier in der Moderne: Lebensthema und antibürgerliches Bekenntnis
Das Thema des Künstlerateliers findet seine wichtigste Ausprägung in der Klassischen Moderne. Zentrale Atelierbilder des frühen 20. Jahrhunderts wie das Gemälde „Atelier des Künstlers am Brandenburger Tor in Berlin“ (1902) von Max Liebermann leiten über zu Schlüsselwerken der Klassischen Moderne von Pablo Picasso, Henri Matisse, René Magritte, Ernst Ludwig Kirchner, Gabriele Münter, Giorgio de Chirico, Georges Braque, Max Beckmann u.a. Alberto Giacometti ist ein eigener Raum mit Fotografien, Skulpturen, Gemälden und originalen Atelierwandfragmenten gewidmet.

Eine anschauliche Auseinandersetzung mit dem Thema Atelier bietet die originalgetreue Rekonstruktion des Ateliers von Piet Mondrian. Mondrian bewohnte den 32 qm großen Atelierraum in der Pariser Rue du Départ 26 in den Jahren von 1921 bis 1936. Sein streng verfolgter Konstruktivismus – bekannt durch seine Kompositionen mit Schwarz, Weiß und den Primärfarben – wird in seinem Atelier ein für den Besucher erlebbares und betretbares Bild.

Die Atelierdarstellung in der Gegenwart: Fabrik, Büro und soziales Netzwerk
Seit den 1960er Jahren setzt erneut eine intensive und teils kritisch-ironische Beschäftigung mit dem Mythos des Künstlers und seines Ateliers ein. Bruce Nauman, Joseph Beuys, Dieter Roth, Paul McCarthy und Lois Renner erweitern die Atelierdarstellung mit Installationen, Videokunst und Computertechnik medial und inhaltlich in der Verknüpfung des Ateliers als Lebensraum, Labor und Bühne.
Besonders kritisch und zur Parodie tendierend reflektieren den Mythos Atelier Paul McCarthy in der Videoarbeit „Painter“ (1995) und Jonathan Meese in der Videoinstallation „Der Märchenprinz“ (2007).
Zu einer bedeutenden Arbeit der Ausstellung zählt die 7-Projektoren-Installation „Mapping the Studio“ (2001) von Bruce Nauman, eines der jüngsten Exponate ist das erstaunlich „unordentliche“ Atelierbild „Raum 758 aus der Serie ‚Floß’“, das Ben Willikens 2010 gemalt hat.

Zahlreiche Werke aus bekannten Museen und Sammlungen weltweit
Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Ina Conzen, konnte zahlreiche bedeutende Leihgeber aus dem In- und Ausland für die Ausstellung gewinnen.
Neben den beiden zentralen Atelierbildern „Atelier mit Gipskopf“ (1925) und „Das Atelier“ (1927/28) von Picasso aus dem Museum of Modern Art, New York, reist ein seit Jahrzehnten nicht mehr in Europa präsentiertes Atelierbild von Henri Matisse, „Die Drei Uhr Sitzung“ (1924), aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art an.
„Der arme Poet“ von Carl Spitzweg aus der Neuen Pinakothek München, das berühmte Gemälde „So lebt der Mensch (La condition humaine)“ (1933) von René Magritte aus der National Gallery in Washington zählen ebenso wie Picassos dunkle Variation „Las Meniñas“ (1957) aus dem Museu Picasso in Barcelona und das sechs Meter breite Triptychon „Atelier“ (1985) von Gerhard Richter aus der Berliner Nationalgalerie zu den herausragenden Leihgaben.
Die Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris entsendet wunderbare Fragmente der Atelierwände aus dem mythischen Pariser Atelier des Künstlers in die Stuttgarter Ausstellung.
Die Künstler Jeff Wall und Thomas Demand, begeistert von dem Thema der Ausstellung, stellen als artist’s proof ihre Werke „Picture for Women“ (1979) und „Scheune (Barn)“ (1997) zur Verfügung.

Mit Edouard Manets Gemälde „Der Maler Monet in seinem Atelier“ (1874), dem großen Atelierbild von Picasso „Das offene Fenster (Das Atelier des Künstlers)“ aus dem Jahr 1929, den Holzfiguren „Adam und Eva“ (1921) von Ernst Ludwig Kirchner, die vor seinem Haus „In den Lärchen“ in Davos standen, den Skulpturen und Gemälden von Alberto Giacometti und der „BAR O“ (1979/98) von Dieter Roth präsentiert die Staatsgalerie Stuttgart wichtige eigene Werke aus ihrer Sammlung.

Der Katalog mit den Beiträgen von namhaften Autoren wie u.a. Uwe Fleckner (Universität Hamburg), Brigitte Léal (Centre Georges Pompidou), Véronique Wiesinger (Fondation Alberto et Annette Giacometti) und Eberhard W. Kornfeld (Bern) wird ein Standardwerk zu dem Thema der Atelierdarstellung werden.

Kuratorin:      Dr. Ina Conzen
Assistentin:    Dr.des. Dagmar Schmengler