Marcel Broodthaers

17.07.2015 - 11.10.2015
Fridericianum
Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel
http://www.fridericianum.org

„Die Fiktion macht es möglich, Wirklichkeit einzufangen, aber gleichzeitig auch das, was die Wirklichkeit verbirgt.“ – Marcel Broodthaers

1964 beschließt der Schriftsteller Marcel Broodthaers, bildender Künstler zu werden. Nie jedoch verliert er seine Verbundenheit zur Sprache, ihren Bedeutungssystemen und ihrer Poesie, welche integrale Bestandteile seines Werks werden. Aus einer Distanz zum Kunstgeschehen heraus stellt Broodthaers grundsätzliche Fragen an die Kunst – ihre Medien, ihre Werkbegriffe und ihre museale Repräsentation. Nicht zuletzt deshalb widersteht Broodthaers’ Werk eindeutigen kunsthistorischen Zuordnungen; noch heute wirkt es als nachhaltige Kritik an den Kommerzialisierungsstrategien des Kunstmarkts.
Geprägt von den autoritätskritischen Diskursen der 1960er-Jahre, steht sein Schaffen nicht unabhängig von den politischen Dimensionen der Wirklichkeit. In kritischer Weise setzt er sich mit musealen Praktiken des Sammelns, Archivierens und Präsentierens auseinander, hinterfragt die damit einhergehende Definitionsmacht der Institution und stellt das Museum als Ort der Repräsentation und Ideologievermittlung aus.
Broodthaers’ Kritik gründet in einer tiefgreifenden Beschäftigung mit den Ordnungssystemen des Alltags, den Mechanismen der Sinnproduktion und ihrer Verankerung in einem kollektiven, kulturellen Gedächtnis. Der Künstler löst Bilder, Objekte, Worte und Handlungen aus ihren etablierten Kontexten und ruft damit Verunsicherung hervor. Sichtbar wird der Kontrast zwischen der Realität der Bilder und der bildlich dargestellten Realität, die Wirkmächtigkeit von Objekten jenseits ihrer sprachlichen Erfassung und das Verwirrspiel der Sprache, in dem Worte zugleich bildliche Vorstellung wie buchstäbliches Material sind. In einer Zeit, in der Bilder als Erklärungen für Wissenschaft und Politik herangezogen werden, ist das Werk Marcel Broodthaers’, in dem die verschwiegene Kluft zwischen Bild, Wort und Bedeutung deutlich sichtbar wird, von eminenter Brisanz und Relevanz.

Anlässlich des 60. Jubiläums der documenta zeigt das Fridericianum in einer großen Überblicksausstellung Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Die Ausstellung umfasst frühe Skulpturen, Filme, Dia-Projektionen, Druckgrafiken und Zeichnungen sowie Le Corbeau et le Renard (1967–72), die Section Publicité des Musée d’Art Moderne, Département des Aigles (1972), Miroir d’Époque Regency (1973), Éloge du sujet (1974), Dites partout que je l’ai dit (1974), Jardin d’Hiver II (1974), L’Entrée de l’Exposition (1974), Salle Blanche (1975) und DÉCOR, A Conquest by Marcel Broodthaers (1975).

Kuratiert von Susanne Pfeffer