Künstlerproteste in Österreich

Salzburg (chk) – Nach fast fünf Wochen Regierungsbeteiligung der rechtsextremen FPÖ in Österreich, läßt sich eine erste Zwischenbilanz ziehen: Das Land ist politisch, kulturell und wissenschaftlich isoliert wie seit Jahrzehnten nicht mehr.


Obwohl sich die FPÖ vor der internationalen Öffentlichkeit regelmäßig als moderne, dem Neuen aufgeschlossene Partei präsentiert, um unter anderem von ihrem zwiespältigen Verhältnis zum Nationalsozialismus abzulenken, genügt ein Blick ins – ohnehin geschönte – Parteiprogramm, um dies als Fassade zu entlarven. Kunst beispielsweise habe volkstümlich zu sein: „Der gesamtgesellschaftlichen und staatlichen Aufgaben der Erhaltung dieses kulturellen Erbes und der Sicherung der zumeist regionalen kulturellen Identität stehen alle Bestrebungen kultureller Nivellierung oder verordneter Multikultur entgegen und werden daher abgelehnt.“ Zahlreiche Kampagnen gegen Künstler und Schriftsteller, unter tatkräftiger Unterstützung des Boulevards, waren in den letzten Jahren die Folge dieser bornierten Kunstauffassung. Cornelius Koligs „unappetitliche Fäkalkunst“ (Jörg Haider) und Hermann Nietzsch mit seinem Orgien Mysterien Theater, das von Menschenverachtung zeuge, waren zwei der Opfer dieses Kulturkampfes.


Die zahlreichen Proteste österreichischer Künstler gegen die neue Regierung sind aber nicht in erster Linie durch die freiheitliche Kulturpolitik verursacht, die ja nur ein unappetitliches Detail darstellt, sondern sie richten sich einerseits gegen die rechtspopulistische freiheitliche Politik insgesamt, andererseits gegen die zahlreichen rechtsradikalen und provozierenden Wortmeldungen Jörg Haiders, der auch nach seinem taktischen Rücktritt vom Amt des Parteivorsitzenden weiterhin alle Fäden in der Hand hält.


Nachdem in ersten Stellungnahmen eine Reihe von Kulturschaffenden Boykottmaßnahmen androhten, hat sich inzwischen die Meinung durchgesetzt, dass nicht Rückzug, sondern offensives Auftreten in der Öffentlichkeit das Gebot der Stunde sei. So kündigte die Künstlervereinigung Secession Ende Februar ein Projekt Fassade an: Die Fassade des berühmten Wiener Gebäudes wird einer Reihe von heimischen und internationalen Künstlern zur ästhetischen Artikulation ihres Protestes zur Verfügung gestellt, darunter Franz West, John Baldessari und Dorit Margreiter.


Bereits kurz nach der Vereidigung der neuen Regierung gab Valie Export bekannt, sie könne den ihr zugesprochenen Oskar-Kokoschka-Preis nicht annehmen. Ihr sei der Gedanke unerträglich, „von einer Regierung ausgezeichnet zu werden, in die aus macht-opportunistischen Gründen rechtsextreme, das Andere diskriminierende und somit auch kunstfeindliche Positionen aufgenommen und hofiert werden.“ Besorgt äußerte sich Mitte Februar auch der österreichische Kunstsenat. In einem von Hans Hollein, Gerhard Rühm und Ludwig Attersee unterzeichneten Brief wird die Regierung aufgefordert, ein klares Bekenntnis zur Freiheit der Kunst und zur Förderung auch unangepasster Kunst abzugeben. Der Salzburger Kunstverein hat inzwischen alle Ausstellungsprojekte für 100 Tage unterbrochen, um sich in zahlreichen Veranstaltungen theoretisch mit Kunst und Kunstvermittlung sowie mit der neuen politischen Situation auseinanderzusetzen.


Diese Beispiele zeigen, dass in der Ablehnung der neuen Wiener Regierung unter Künstlern und Intellektuellen weitgehend Konsens besteht. Angesichts der trotzigen Reaktionen des neuen Regierungschef auf die internationalen Sanktionen, wäre es aber naiv anzunehmen, Bundeskanzler Schüssel oder einer seiner Minister ließen sich von diesen künstlerischen Protesten in ihrer Haltung irritieren.