KONRAD KLAPHECK. DAS GRAPHISCHE WERK

14.02.2015 - 17.05.2015
Kunstfoyer Versicherungskammer Kulturstiftung
Maximilianstrasse 53 , 80530 München
http://www.versicherungskammer-kulturstiftung.de

Konrad Klapheck – das ist der mit den Schreibmaschinen. So dürfte der
Düsseldorfer Künstler bei den meisten im Bildgedächtnis verankert sein.
Eines der bekanntesten Werke ist „Der Krieg“ von 1965, in dem der Maler
fünf kleine Drehmechanismen auf schwarzen Maschinenköpfen aufmarschieren
lässt – riesig, vor einem flammend roten Hintergrund. Er schuf damit ein
bedrohliches Kriegsszenario – ohne gewaltsame Kriegshandlung. Wer diese,
wer andere Maschinen von Konrad Klapheck gesehen hat, den lassen sie mit
ihrer Suggestivkraft nicht mehr los. Wer glaubt, kalte Technik könne keine
Botschaften, keine Emotionen transportieren, der wird hier eines Besseren
belehrt. Die Kombination von sachlichen und surrealen Maschinenmonumenten
und sehr persönlichen Titeln ist Klaphecks Markenzeichen.

Darüber hinaus aber bietet der Künstler noch weit mehr: Zum ersten Mal
steht sein graphisches Werk im Mittelpunkt einer Ausstellung. Es zeigt die
Wandlungen eines Motivs und die Finessen der Drucktechniken, es zeigt einen
präzisen Arbeiter und Intellektuellen, der die feinen Nuancen von Kommentar
und Humor auslotet. Die Ausstellung ist auch ein Geschenk zu Konrad
Klaphecks 80. Geburtstag am 10. Februar 2015. Die Präsentation würdigt ihn
mit einer Schau von 120 Werken – und mit dem Werkverzeichnis seiner
Druckgraphiken im Deutschen Kunstverlag.

Es scheint spät, dass erst jetzt der Schatz des graphischen Konvoluts ins
Rampenlicht gerückt wird. Doch zur Zeit der ersten Retrospektiven der 60er
und 70er Jahre hatte Klapheck erst vier Lithographien und vier Radierungen
gefertigt. Explizit befasste sich der renommierte Düsseldorfer 1976/77 in
20 Arbeiten mit den Möglichkeiten der Radiertechnik. Insgesamt umfasst die
Ausstellung 120 Lithographien und Radierungen von 1960 – 2007: von den
Anfängen der Graphik, von den Anfängen Klaphecks interpretierter Dingwelt
bis hin zum völlig neuen Sujet der Figur, die ab den 90er Jahren Einzug in
seine Bildwelt hielt. Die Zustandsdrucke, Variationen und Farbvarianten
geben nicht nur einen Einblick in das Ringen um Motive und Kompositionen
für die Ölgemälde, um die Wechselwirkung zwischen beiden Gattungen, sondern
zeugen als eigenständiges Werk vom Ästhetikverständnis Klaphecks. Der
Künstler selbst erklärt, es verhalte sich mit der Graphik zur Malerei wie
mit einem Klavierauszug zu einer Orchesterpartitur: „Vieles kann im
Klavierauszug nicht mitgeteilt werden, weder die Klangfarben der
Instrumente noch das Timbre und die Ausdrucksvariation der Stimmen. Aber
was deutlich sichtbar und hörbar wird, sind die Strukturen einer
Komposition.“ Und, möchte man anfügen, seiner Denkweise.

Klaphecks Welt ist eine anthropomorphe – in der er technische, industrielle
Maschinen zu Monumenten unserer Gesellschaft erhöht. Wenn eine Bohrmaschine
mit floralem Design 1964 mit „Die Intellektuelle“ betitelt wird, in zarter
Radierung farblich angehaucht, dann bekommen die Dinge – und unser
Arbeitsumfeld – ein Wesen. Ähnlich kapriziös ist die Nähmaschine von 1998,
die mit pfeilgerader Nadel am schlanken Arm, in effektvollen
schwarz-grün-Kontrasten, zur „Ungeduld der Sphinx“ wird. „Jeder Betrachter
seiner Werke spürt die Spannung, die daraus entsteht, weil Präzision und
Rätselhaftigkeit zugleich wirken und die eigentümliche Erfahrung
vermitteln, dass Alles und Nichts selbstverständlich ist.“ So formuliert
Autor und Kurator Siegfried Gohr im Katalog die Faszination und das
Paradoxon der Arbeiten.

Konrad Klapheck, der an mehreren documenta-Ausstellungen beteiligt war und
über Jahrzehnte (von 1979 bis 2002) eine Professur an der Düsseldorfer
Kunstakademie inne hatte, setzte sich mit dem Rätselhaften und Surrealen
schon früh auseinander. Sicherlich aufbauend auf dem Dadaismus, der die
Wertigkeit der Dinge und vor allem deren Bewertung aus den Angeln hob.
Klaphecks Verschiebungen der Realität erfolgen durch ungewohnte
Perspektiven, Asymmetrien, Überhöhung und Hyperrealismus. Er steigert seine
Effekte durch Vergrößerung, Isolation und Vervielfältigung und rückt so
auch in die Nähe der durchaus gesellschafts- und konsumkritischen Pop Art.
Einzigartig aber ist die leise Ironie, die sein Werk prägt: „Die
Pleite“ (1967/68) ist der umgekippte Sportschuh betitelt, „Die
Fragwürdigkeit des Ruhms“ thematisiert 1980 ein Fahrrad. Bekannt auch „Die
Schwiegermutter“ (1967/68), die Klapheck in mehreren Varianten des
rauchenden Dampfbügeleisens präzisiert. Er lässt ein Harem aus
Schuhspannern entstehen (1967/68) und macht den bestechend symmetrischen,
sich öffnenden Reißverschluss zum „Schürzenjäger“ (1976). Klapheck zeigt
auf, welchen Assoziationsreigen eine scheinbar völlig neutrale Welt aus
Gebrauchsobjekten haben kann. Schreibmaschinen werden mit dem „Triumph der
Erinnerung“ oder mit einem „Meisterdenker“ assoziiert. „Der
Gesetzgeber“ (1980) offenbart sich als große Tastatur- oder Rechenmaschine.
„Glanz und Elend der Reformen“ wird 1976/77 mittels Planierraupe markiert
und das Telefon findet 1975 seine Zuordnung als „Der Statthalter“. Die
Akribie der Graphiken wird durch die subversiven Titel durchbrochen, oft
kann man autobiographische Züge entdecken. Denn hinter allen Dingen, so
offenbart schon das Schlüsselbrett von 1976/77, stecken „Schicksale“.

So scheint es auch nicht mehr sehr verblüffend, das sich Klapheck in den
90er Jahren von seinem Formenrepertoire verabschiedete und sich den
Aktzeichnungen und den Jazzmusikern zuwendete, die ihn seit seiner Jugend
faszinierten. Auch hier mischt er einen geradezu klassizistischen Stil,
Umrisslinien in äußerster Präzision, mit einer ganz eigenen Raumerfahrung.
Seien es persönliche Erinnerungen, Dämonen der Zeit oder Ikonen der
Technik: Letztlich öffnet Klapheck gerade durch die Variationen der Graphik
den Blick für die Bandbreite von Wahrnehmungsmöglichkeiten.

Anlässlich der Ausstellung erscheint die Publikation

Konrad Klapheck. Das Graphische Werk
Herausgegeben von Siegfried Gohr und Isabel Siben.
Bearbeitung des Werkverzeichnisses: Tanja Wessolowski
Mit einem Text von Siegfried Gohr
Deutscher Kunstverlag, 2015

128 Seiten mit 127 farbigen und 4 Schwarzweiß-Abbildungen
22 x 28 cm, Hardcover
€ 24,90

ISBN 978-3-422-07324-3