KÖNIGSKLASSE IV GEGENWARTSKUNST IN SCHLOSS HERRENCHIEMSEE

19.05.2018 - 03.10.2018
Pinakothek der Moderne und Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Barer Str. 29, München
http://www.pinakothek.de

LAIB | WARHOL | FLAVIN | RAINER | BASQUIAT

Unter dem Titel „Königsklasse“ werden seit 2013 Hauptwerke der Gegenwartskunst in kontinuierlich wechselnden Präsentationen an einem besonderen Ort gezeigt: dem berühmten, im Auftrag von König Ludwig II. errichteten Schloss Herrenchiemsee, das versteckt auf einer bewaldeten Insel im Chiemsee liegt. Durch den frühen Tod des Königs wurde nur der Haupttrakt des Schlosses fertiggestellt. In den elf generös dimensionierten Räumen des unvollendeten Nordflügels, die über 135 Jahre weitgehend ungenutzt geblieben sind, werden auf zwei Stockwerken seit den 1960er-Jahren entstandene Hauptwerke der Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne, des Museums Brandhorst sowie aus ausgewählten Privatsammlungen in Künstlerräumen ausgestellt. Der Rundgang macht die Sammlungsarbeit der letzten Jahrzehnte erlebbar, zeigt zentrale Neuerwerbungen und stellt herausragende Einzelarbeiten vor, die für den weiteren Ausbau der Sammlung ein Desiderat darstellen.
Die „Königsklasse“ ist eine Kooperation der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit der Bayerischen Schlösserverwaltung.

KUNST AUF DER INSEL – EINE ALTERNATIVE ZUR MUSEUMSERFAHRUNG IN DER STADT
Die „Königsklasse“ auf der Herreninsel bietet eine Erweiterung sowie eine Alternative zur Kunsterfahrung im Museum in der Stadt. Die Werke gehen mit dem historischen Fragment wie auch mit der geschützten Natur auf der Insel eine bezwingende Allianz ein. Dort, wo Ludwig II. seine Hommage an den Palastbau des Barock nicht vollenden konnte, ist Raum für die Kunst der Gegenwart und Tradition trifft auf der Herreninsel nun auf Moderne.
DIE HERRENINSEL – EIN ORT FÜR INTERNATIONALEN AUSTAUSCH
Mit der „Königsklasse“, in der auch das innovative museumspädagogische Programm „Königskunde“ angeboten wird, werden die zahlreichen regionalen und internationalen Besucherinnen und Besucher von Insel und Schloss zu individueller Kunstbetrachtung und einem Diskurs über Kunst und Sammeltätigkeit eingeladen. Die Königsklasse nutzt das auf der Herreninsel gegebene, sonst nur in Metropolen verfügbare Potential für internationalen Gemeinsinn und Kommunikation.

KÖNIGSKLASSE IV – DIE KUNSTWERKE
„Königsklasse IV“ zeigt Hauptwerke von Wolfgang Laib, Arnulf Rainer, Jean-Michel Basquiat, Günther Förg, Dan Flavin, On Kawara, Kazuo Shiraga, Hans-Jörg Georgi, John Chamberlain und Andy Warhol. Jedem Künstler ist ein Raum gewidmet. In der Summe ergibt sich eine Folge von Setzungen, in denen jeweils ein Kernthema der Arbeit dieser Künstler zur Sprache kommt. Es geht um die zentralen schöpferischen Fragen von Zeit und Raum, Endlichkeit und Kontinuität, Expression und Stillstand, Individuum und Gesellschaft, Gegenwart und Überzeitlichkeit, die einen Resonanzraum für die Herausforderungen unserer Gegenwart bilden.
BLUE CHIP UND „IRRSALDSCHUNGEL“ – ANERKANNTE WERTE UND OUTSIDER ART
Die Liste der großen Künstlernamen geht mit einer merkwürdigen Brüchigkeit einher. Anerkannte Werte und Outsider Art stehen im international bewunderten und viel besuchten Schloss des wegen angeblicher Geisteskrankheit des Amtes enthobenen „Märchenkönigs“ in einer Reihe und lassen sich doch keiner der beiden Gruppen zweifelsfrei zuordnen. „Fast alles, was wir sind, ist geordnet aus dem Irrsaldschungel. Alle eure Antiquitäten wurden einstmals ertastet aus der Finsternis“, schrieb Arnulf Rainer (* 1929) in seinem Text „Schön und Wahn“ (1967). Ein ganzer Saal ist Rainers seit den sechziger Jahren entstandenen Kreuzen gewidmet. War zur Entstehungszeit die religiöse Bedeutung des Kreuzes nicht bereits für die Kunst erloschen? Was bewegt den Künstler bis heute zur variierenden Fortführung dieser Werkgruppe?
Und wie verhält es sich mit Andy Warhol (1928-1987), der den ideologischen Konflikt seiner vom Kalten Krieg geprägten Gegenwart in den Hammer und Sichel-Bildern als „Stillleben“ zur Ruhe zwingt, während er sich in einem Selbstportrait als gespenstischer Punk vor schwarzem Hintergrund zeigt? „Figment“, das englische Wort für „Hirngespinst“, ließ sich der Künstler auf seinen Grabstein meißeln und schien damit alle großen Visionen, seien sie nun künstlerischen, politischen oder etwa religiösen Ursprungs, in den Bereich der Utopie zu verweisen. Gleichwohl gehen die Künstler mit ihren Werken bis zum Äußersten.
Jean Michel Basquiat (1960-1988), Sohn von Einwanderern in die USA und heute ein Blue Chip auf dem Kunstmarkt, ist 1988 im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis gestorben. Aus der Sammlung Brandhorst sind zwei seiner Gemälde zu sehen, die exemplarisch von Basquiats Verbundenheit mit den afrikanischen, mittelamerikanischen und abendländisch-christlichen Wurzeln seiner heterogenen Kultur zeugen. Wirkte der Künstler anfänglich im untergründigen Graffiti-Milieu, so verfolgte er mit seinen schließlich auf großformatigen Leinwänden ausgeführten Gemälden das Ziel, im Establishment anzukommen, denn wie der Hip-Hop Pionier Fab 5 Freddy es auf den Punkt brachte: „Graffiti had become another word for nigger.”

High and low, art culturel und art brut geben sich auch im Werk des Schweizer Musiker und Malers Louis Soutter (1871-1942) die Hand, von dem – als früheste Werke der Ausstellung – zwei um 1940 entstandene Zeichnungen zu sehen sind. Von seiner Familie wurde der Nonkonformist schon 1923 in ein Altenheim eingewiesen, wo er auf einfachen Papieren, ab 1937 oft unmittelbar mit den Fingern, Figuren malte, die im Lebenstanz hinüberzugleiten scheinen in eine gespenstische Vision ihrer selbst.
Erstmals sind in einer musealen Präsentation in Deutschland dank der hochkarätigen Leihgaben von Anna und Wolfgang Titze sowie der Sammlung der Written Art Foundation Gemälde von Kazuo Shiraga (1924-2008) zu sehen, jenem in Japan geborenen, von Kriegserfahrungen wie auch von Erfahrungen im Zen-Kloster gleichermaßen geprägten Künstler, der sich in den frühen 1950er-Jahren erstmals mit einem Seil an der Decke befestigte, um den ganzen Körper wie einen Pinsel zu benutzen. Die auf Papier oder Leinwand niedergeschlagenen Bewegungsspuren der Füße manifestieren das Eingebundensein des Menschen in Schwerkraft, Materie und die eigene Zeit: „I want to paint as though rushing around a battlefield, excerting myelf to collapse from exhaustion“, sagte der Künstler, der zugleich das Ziel verfolgte, der Erfahrung von Macht und Gewalt Schönheit gegenüberzustellen.
Sein Landsmann On Kawara (1932-2014) hat über fünf Jahrzehnte hinweg die „Today Series“ (1966-2013) geschaffen, von denen insgesamt acht Leihgaben aus sechs Jahrzehnten zu sehen sind. Es sind Tagwerke auf Leinwand, die von dem endlosen ungeordneten Stoff des Lebens nur das faktische Datum ihres jeweiligen Entstehungstags festhalten. Das Objektive und das Subjektive treffen in diesen Datumsbildern aufeinander.
Tag für Tag geht auch Hans-Jörg Georgi (* 1949) seinem Schaffen nach, nämlich der Produktion von Flugzeugskulpturen. Bis 2001 hat der durch eine Kinderlähmung behinderte Künstler aus Papierresten seine durchdachten Beförderungsmaschinen gebaut, abends wurden sie von seinen Pflegern weggeworfen. Seither arbeitet er in dem von Christiane Cuticchio in Frankfurt begründeten „Atelier Goldstein“ der Lebenshilfe Frankfurt, wo der Exzentriker wie andere außerordentlich begabte Behinderte seine Werke herstellt. Betitelte er die letzte große Installation seiner Flugobjekte „Das blöde Böse“ – auch hier erinnerte die Vielzahl der Teile an einen umtriebigen Bienenschwarm im Kopf – , so nennt er die für die „Königsklasse“ entwickelte Einrichtung „Das Gute“ und empfiehlt, sich mit den komfortabel ausgestatteten Maschinen Richtung Weltall abzusetzen.
Die Kraft großer Künstler liegt darin, Transformation und Kontinuität auf einmal zu erfassen. John Chamberlain (1927-2011) faltet für seine monumentalen Plastiken seinen Werkstoff – Metallblätter – immer wieder neu. Er presst den hoch aufragenden Chromkörpern Psyche ein, so dass sie sich wie Individuen einander zuwenden, unterstützen oder voreinander zusammenzubrechen scheinen.

2016 haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen von der Art Mentor Foundation Lucerne die spektakuläre Schenkung des raumgreifenden Werks „untitled (to you, Heiner, with admiration and affection)“ erhalten, einer 1973 geschaffenen „Barriere“ aus grünem Licht von Dan Flavin (1933-1996). Auf der Herreninsel wird die dort 16 Meter lange Installation erstmals gezeigt. Kaum einen alltäglicheren Werkstoff hätte Flavin für seine Kunst finden können, als die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt allgegenwärtigen fluoreszierenden Leuchtstoffröhren mit ihren nackten Halterungen. Der streng geometrische Aufbau des Werks, der sich bildlicher Erzählung widersetzt, kann in einer profanen Zeit als radikal sachliche Antwort auf viel ältere Kunstwerke, etwa Chorschranken im sakralen Raum, gelesen werden, entwickelt aber auch unabhängig von solchen Vergleichen eine verstörende Transzendenz.
Solche Erfahrungen will Günther Förg für sein Schaffen ausschließen, das in einem weiteren Raum mit Gemälden aus der Sammlung von Michael & Eleonore Stoffel gezeigt wird. So offenkundig er sich auf amerikanische Minimalisten ausgehend von Barnett Newman bezieht, so setzt er sich doch dem weihevollen Aspekt dieser Kunst entgegen und behauptet eine leichtfüßigere Haltung: „Es geht“, so Förg, „um das, was man sieht und nicht mehr“.
Der Rundgang der Königsklasse beginnt mit einem zweiteiligen Werk, das hier am Schluss genannt wird: „Ohne Anfang und ohne Ende“ von Wolfgang Laib, das im Rahmen der „Königsklasse“ von PIN. Freunde der Pinakothek und von den International Patrons of the Pinakothek erworben wird. Es sind jeweils aus Bienenwachs geformte, über vier Meter hohe und breite stufenförmige Bodenskulpturen. Sie mögen – nicht zuletzt, weil Laib diese Skulpturen als Zikkurate bezeichnet – Erinnerungen an himmelstürmerische Vorhaben des Menschen wachrufen, etwa den Fragment gebliebenen Turmbau zu Babel. Doch zeigen die beiden Werke hier jeweils ein Auf und Ab von entspannter Proportion und Vollendung, wodurch die Schönheit des Möglichen erfahrbar wird.