Jenseits des Selbstporträts

07.10.2016 - 15.01.2017
Museum Folkwang
Essen
http://www.museum-folkwang.de

Vom 7. Oktober 2016 bis zum 15. Januar 2017 widmet sich das Museum Folkwang in Zusammenarbeit mit der Pinault Collection den vielfältigen Transformationen des traditionellen Selbstporträts. In einer umfassenden Ausstellung begegnen sich 33 künstlerische Positionen der Gegenwartskunst, bei denen das eigene Bild oder der eigene Körper als Akteur oder als Ausgangsmaterial für das Werk fungiert. In einem medialen Cross-Over versammelt die Ausstellung weit über hundert Arbeiten; ein Schwerpunkt liegt auf Video und Fotografie, aber auch die klassischen Disziplinen Malerei und Skulptur sind prominent vertreten. Dabei treffen Schlüsselwerke weltbekannter Künstlerinnen und Künstler wie Cindy Sherman, Bruce Nauman, Martin Kippenberger, Gilbert & George, Urs Fischer oder Maurizio Cattelan auf jüngere Positionen wie LaToya Ruby Frazier, Adel Abdessemed oder Paulo Nazareth.
Selbstdarstellung im Bild ist heute allgegenwärtig. Lange bevor in der digitalen Medienwelt und in den sozialen Netzwerken das Selbst exzessiv in Szene gesetzt wurde, haben Künstlerinnen und Künstler die eigene Person zum Thema ihrer Arbeit gemacht. In vier Kapiteln widmet sich Dancing with Myself diesen vielfältigen experimentellen Formen der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Ego, seinen Rollen und Impersonationen seit den 1960er Jahren:
Melancholie: Am Anfang der Ausstellung stehen Reflexionen von Künstlern, in denen es um Endlichkeit und Unendlichkeit, um Verewigung und Vergänglichkeit und um den Widerstand gegen Sterblichkeit und den Tod geht. Den Auftakt zur Ausstellung gibt Alighiero Boettis dampfendes Selbstporträt als Bronzeskulptur, es leitet über in die konzeptuellen und minimalistischen Formen der Repräsentation des Selbst bei Félix González-Torres und Roman Opałka.
Identitätsspiele: Die Kraft der Imagination ist die Quelle vielfältiger Rollenspiele: sei es, um Facetten der eigenen sexuellen Identität auszutesten, Rollenbilder der Gesellschaft vorzuführen oder die Flüchtigkeit des Selbst zu demonstrieren. Nach einem Prolog mit Claude Cahuns visionären Arbeiten der 1920er Jahre leiten die spielerischen Positionen Urs Lüthis und Allan Sekulas aus den 1970er Jahren über in einen Saal mit Arbeiten von Cindy Sherman. Ihre allerersten Werke stehen ihren jüngsten Arbeiten gegenüber; sichtbar wird nicht nur die Metamorphose durch das Spiel, sondern auch durch die Zeit.
Politische Autobiografien: Auf den ironisch-spielerischen Umgang mit Identität, wie ihn die Postmoderne in den 1980er Jahren praktiziert hat, folgt die explizite politische Verortung der Kunst einer jüngeren Generation. Die aktivistische Geste als künstlerischer Akt ist das zentrale Element dieser Praxis, ihre Sichtweise ist eine dokumentarische und die Straße ist ihr bevorzugter Ort. In diesem Sinne fotografiert LaToya Ruby Frazier in einer fortlaufenden Serie ihre eigene Familie, dokumentiert Paulo Nazareth seine Flucht von Süd- nach Nordamerika und setzt sich Kimsooja als Nullkoordinate verlorener Identität in den Mittelpunkt ihrer Videoperformance.
Rohmaterial: Im letzten Kapitel der Ausstellung machen die Künstlerinnen und Künstler den eigenen Körper zum Stoff ihrer Arbeit. Die Verwandlung des Körpers ins Skulpturale vollzieht sich auf unterschiedlichste Weise: fotografisch bei Gilbert & George, bildhauerisch bei Maurizio Cattelan, fragmentierend bei Robert Gober oder stilisierend mit Alina Szapocznikow. Der Körper wird zum intimsten Instrument, wie in Steve McQueens Projektion Cold Breath (2000), und zu einem elementaren Werkzeug zum Austesten rudimentärer, sprachlicher und gestischer Artikulation von Bedeutung wie in Bruce Naumans Werk For Beginners (2010).
„Mit großer Freude und mit großem Stolz“, so Direktor Tobia Bezzola, „dürfen wir im Museum Folkwang die erste umfassende Präsentation der Pinault Collection in Deutschland zeigen. Eine passende Partnerschaft, insofern das Museum Folkwang selbst aus einer herausragenden Privatsammlung hervorgegangen ist. Ganz entscheidend ist dabei, dass die Tiefe, die Breite und die Qualität der Sammlung Pinault eine originelle, konzise und kraftvolle Ausstellungskonzeption möglich gemacht haben.“
„Die gemeinsame Arbeit mit dem Museum Folkwang an Dancing with Myself verdeutlicht die entschieden europäische Ausrichtung der Pinault Collection, deren bisheriger Standort in Venedig – und zusätzlich ab 2018 in Paris – ergänzt wird durch eine dynamische Zusammenarbeit mit den größten europäischen Institutionen, ein hochrangiger Kreis, zu dem auch das Museum Folkwang gehört. Dieses Haus, das selbst aus der Leidenschaft eines großen Sammlers heraus entstand, hat immer schon zu den Vorboten der Entwicklungen in der jeweils aktuellen künstlerischen Szene gehört“, so François Pinault.
Zu sehen sind insgesamt 115 Arbeiten von Schlüsselfiguren der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts – davon 78 Arbeiten aus der Sammlung Pinault. 37 dieser Werke wurden noch nie öffentlich gezeigt. Ergänzt wird die Präsentation um 36 Arbeiten aus der Sammlung des Museum Folkwang.
Künstlerinnen und Künstler:
Adel Abdessemed, Alighiero Boetti, Claude Cahun, Maurizio Cattelan, John Coplans, Urs Fischer, LaToya Ruby Frazier, Gilbert & George, Robert Gober, Nan Goldin, Félix González-Torres, Rodney Graham, David Hammons, Roni Horn, Kimsooja, Martin Kippenberger, Urs Lüthi, Steve McQueen, Boris Mikhaïlov, Bruce Nauman, Paulo Nazareth, Helmut Newton, Roman Opałka, William Pope.L, Arnulf Rainer, Charles Ray, Lili Reynaud-Dewar, Ulrike Rosenbach, Allan Sekula, Cindy Sherman, Hito Steyerl, Rudolf Stingel, Alina Szapocznikow
Dancing with Myself ist die erste große Präsentation der Pinault Collection in Deutschland.

In der Edition Folkwang / Steidl erscheint ein reich illustrierter Katalog mit Texten von u.a. Abigail Solomon-Godeau, Sabine Flach, Kito Nedo und Sabine Weier (40 €).
Die Ausstellung wird kuratiert von Martin Bethenod, Florian Ebner und Anna Fricke, assistiert von Stefanie Unternährer.
Gefördert vom Programm Jeunes Commissaires des Bureau des arts plastiques et de l’architecture des Institut français.