Jean-Luc Moulène Documents & Opus (1985–2014)

17.01.2015 - 01.03.2015
Kunstverein Hannover
Sophienstraße 2, D-30159 Hannover
http://www.kunstverein-hannover.de

Die Ausstellung »Documents & Opus (1985–2014)« im Kunstverein Hannover bietet
erstmals in Deutschland einen umfassenden Einblick in das vielfältige OEuvre des französischen
Künstlers Jean-Luc Moulène (*1955, lebt in Paris).
Die künstlerische Arbeit Moulènes ist bestimmt vom Gespür für Zwischenwelten der
sogenannten Alltäglichkeit und ihrer plastischen und philosophischen Bewusstmachung
in Form visueller Konzepte. Der Topos des Körpers – im Sinne eines Corpus, der als
Form je nach Präsentation oder Kontext metaphorische Bedeutung entfaltet, aber auch
auratische Momente auslöst – spielt dabei in allen Werken des Franzosen die zentrale
Rolle. Sowohl am menschlichen als auch am objekthaften Körper interessieren Moulène
die hierin eingeschriebenen Formensprachen, anhand derer kulturelle wie auch zeitgeschichtliche
Codes lesbar werden.
Schon Moulènes erste fotografische Arbeiten, mit denen er Ende der 1980er Jahre bekannt
wurde, zeugen von seinem Bewusstsein für die Poesie des Alltags. Aus dieser Zeit zeigt der
Kunstverein Hannover Bilder der Serie der »Disjonctions« (1984–1995). Es handelt sich um
fotografische Analysen der Welt, die heute – in der wiederholten Retrospektive – Fragen über
unsere Wahrnehmung von Mensch, Landschaft wie auch Interieur aufwerfen. Diese scheinbar
einfachen Stimmungsbilder, die von einem aufmerksamen Beobachter festgehalten wurden,
entpuppen sich als Dokumente.
Eine neue fotografische Serie (ohne Titel, 2014), die in Hannover erstmalig zu sehen ist, bildet
den Leitfaden des Ausstellungsparcours: Der Künstler sammelte hierfür Gummimasken, die
Politker oder Prominente karikieren. Diese Masken hat er mit Beton ausgegossen und zu
Skulpturen verarbeitet. Fotografien dieser Köpfe aus Beton, die Titel wie »Joker«, »Flying Monkey
« oder »Moonface« tragen, tauchen in der Ausstellung kaleidoskopisch verteilt auf und
erinnern an stille Beobachter. Ihnen steht eine Serie von Zeichnungen inhaltlich gegenüber:
die »Tetes d’Experts« (2007), die im Kunstverein erstmals wiedervereint ist. Moulène interpretiert
den menschlichen Körper als ein Lesebuch, immer wieder tauchen Personen auf, die von
einer Atmosphäre des Besonderen umgeben sind, Portraits symbolisieren Zeitzeugen, Repräsentanten
oder Spurenträger.
Ähnlich werden von Jean-Luc Moulène auch Objekte in den Fokus der Wahrnehmung gerückt.
Der Künstler, der in den 1980er Jahren bei der Entwicklung von U-Booten für die Firma
Thomson beteiligt war, vollzieht mit seinem Werk auch eine Analyse der Formensprachen
der Industrie. Vor diesem Hintergrund ist seine bisher bekannteste Arbeit »Objets de
grève« (1999–2000) zu lesen. Farbfotografien zeigen spezifische Produkte, die von streikenden
Arbeitern hergestellt wurden. Durch ihr verändertes Erscheinungsbild machen diese Streikobjekte auf die Forderungen der Arbeiter aufmerksam. Eine ähnlich politische Brisanz impliziert die Serie »Produits de Palestine« (2002–2004), die ausschließlich für den palästinensischen
Markt zugelassene Produkte des alltäglichen Lebens dokumentiert.
Auch in Moulènes skulpturalen Arbeiten finden Produkte und deren Formen ihr Echo. Die
Bronze- oder Glasplastiken der Reihen »Blown Knot« (2012) und »Noeud« (2011–2012) muten
wie organische, florale Gebilde an. Tatsächlich handelt es sich um Abdrücke von Seilen,
die zu einem Knoten gezogen werden und deren Negativform anschließend ausgegossen
wird. Diese Knotenskulpturen verdeutlichen, dass Moulène über politische und inhaltliche
Bedeutungen von Formen hinaus ebenso an rein formalen bzw. physischen Strukturen – als
Modelle von Konstruktion – interessiert ist. Jean-Luc Moulènes Blick auf die westliche Welt
wird durch das gesamte Spektrum seiner Arbeiten in dieser Ausstellung deutlich. Es sind dokumentarische
Analysen, die dem Betrachter durch eine inhärente sinnliche und poetische
Ebene die Möglichkeit zum gedanklichen Flanieren eröffnen.
Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit der Académie France à Rome – Villa Medici
(Ausstellung Mai 2015).