James Coleman

Dem 1941 in Irland geborenen James Coleman geht es um die Frage wie Film funktioniert und was ihn für den Betrachter so faszinierend macht. Aus diesem Grund hat er das etwas ausgediente Medium der Diaprojektion als künstlerische Aussage neu eingesetzt. Seine Arbei-ten sind Allegorien, die man u.a. gerne mit Dürers Werk vergleicht, mediale Aufbereitung der Welt. Er lässt sich nicht auf Stories, Pointen oder Plots festlegen. Mit besonders präzisen und komplexen Mitteln versteht es der Künstler, wie kaum ein anderer Künstler der Gegenwart, sich der Klaviatur der Einbildungskraft zu bedienen. Im Zeitalter der Videokunst und der Schnelllebigkeit ist es schon erstaunlich, dass ein Künstler die Langsamkeit der fast altertüm-lichen, nur noch für Reise- und Kunstvorträge eingesetzten Diashow für sich als Ausdruck-mittel entdeckt.

Seit 1958 sind mehr als 30 Installationen entstanden. Den fortlaufenden, großformatigen Dia-projektionen, die zwischen Fotografie und Film angesiedelt sind, werden oft begleitet von einer auf die Einzelbilder genau abgestimmte Tonspur. Da der Ablauf des Bildflusses unter-brochen wird und die Bilder in großer Langsamkeit ineinander fließen, kann sich zwischen den Projektionen die Imagination des Betrachters stärker ausbreiten als im Film. Der Betrach-ter hat das Gefühl, dass die Projektion verlangsamtes Kino ist. Die Sehweise wird auch beein-flusst durch den Standort des Betrachters und ob er den Ablauf der Dias im Liegen, Sitzen oder Stehen erlebt, denn in der Regel sind in den großen dunklen Räumen bewusst keine Stühle aufgestellt.

Er zeigt streng inszenierte soziale Situationen vor einer bühnenähnlichen Kulisse. Die Texte sind zusammengesetzt aus literarischen Teilen und eigenen Wortfindungen. So entwickelt der Künstler einen bildlich und sprachlichen Ausdruck für seine gedanklichen Konzepte aus phi-losophischen, psychologischen, kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sein Hauptthema ist die Frage nach den Identitäten. Unbeschreiblich ist die Farbenpracht seiner Bilder.
Der Projektionsapparat besteht meist aus einer Kombination von 2-3 Diaprojektoren und einer digitalen Festplatte, welche die Überblendung kontrolliert. Er ist immer deutlich sichtbar auf einem Plexiglassockel im Raum installiert und hat dadurch fast skulpturalen Charakter. Betrachter der Dias sammeln sich gerne um ihn.
Der Künstler hat es nicht gerne, wenn die Worte seine Akteure abgedruckt bzw. übersetzt werden, was oft auch sehr schwierig ist.

Die Installationen (Erzählungen) dauern in der Regel ca. 30 Minuten.

Werke (Auswahl)
„Fly“ und „Pump“ (entstanden Anfang 1970)
– 2 schwarz/weiß Filme, auf 8mm Film und Super 8 Film gedreht, für die Präsentation auf 16mm Filme übertragen – Da die statische Kameraeinstellung einige Minuten auf ein Motiv eingestellt war, hat der Künstler eine radikale Reduzierung auf eine Einstellung ohne Manipulation erreicht.

Fly
Inhalt des Filmes: Es wird eine Fliege beobachtet, die versucht durch die Scheibe eines Fens-ter nach draußen zu kommen.

Pump
Inhalt des Filmes: Ein Metalleimer hängt unter einem Wasserhahn und füllt sich langsam mit Wasser. Ist der Eimer voll, sieht man eine ruhige Wasserfläche.

„La tache Aveugle“ (Der blinde Fleck) 1978 – Diaprojektion
13 Bilder einer etwa halbsekündigen Sequenz aus dem Film „The insisible man“ von James Whal, nach der Novelle von H.G. Wells (1897), werden über 8 Stunden auf einer Fläche in der Größe einer Kinoleinwand projiziert. Das hat zur Folge, dass die Intervalle zwischen den einzelnen Bildern auf über 36 Minuten ausgedehnt werden. Die Aneinanderreihung der Einzelbilder, die im Film 24 Bilder pro Se-kunde, einen lückenlosen Zusammenhang, zeigen, werden durch das Einfrieren des einzelnen Bildes so sehr verlangsamt, dass es keine Wahrnehmung des ständig ablaufenden Geschehens mehr gibt. Ein bewegtes Bild wird in ein Still (statisches Bild) übersetzt und verliert dadurch seine erzählerische Tragweite.
Die kurze Filmszene zeigt, wie der Unsichtbare im Moment seines Todes wieder sichtbar wird. Die Arbeit ist eine Allegorie auf das Kino, Dinge zu zeigen aber auch zu verschweigen.

„Photograph“ 1998-99 – Diaprojektion (Turm mit 3 Diaprojektoren)

Es wird die Geschichte eines jungen Mädchens in der Pubertät erzählt, von seiner Melancho-lie, der Ablehnung von Formen und Farben der Umwelt.
Die Diareihe beginnt mit grauen Bildern, ähnlich kräuselndem Wasser, sie erinnern an Ger-hard Richter. Die anschließenden Bilder ergeben eine szenische Folge, wobei sich oft Einstel-lungen überschneiden. Im Umfeld der Schule sind die weiteren Bilder aufgenommen, farblich fast expressionistisch. In wirkungsvollen Gruppenbildern sind Schülerinnen zu sehen, manchmal auch Jungen in unterschiedlich schulischen Situationen. Langsam wird klar, dass die Kinder einen Tanz einstudieren. Der Tanz spiegelt in seiner zeitweiligen offenen aber auch geschlossenen Form die „Gesellschaftliche Formation“ wieder.
Die ersten Bildern werden begleitet von den Seufzern des jungen Mädchens. Sie beginnt zu sprechen, zitiert sie oder sind es eigene Worte, offen wie unbewusste Formen der Symbolisie-rung. Es erzählt von seiner Melancholie (oft Thema von Coleman). Viele Symbole sprechen in den Bildern von der Situation des Mädchens. Unterstützt werden die Hintergründe durch die Aussagen des Mädchens.
Die Protagonistin ist immer wieder isoliert. Ihre Einsamkeit ist zurückzuführen auf ihr Zö-gern zu sprechen. Sie will nicht an dem Tanz teilnehmen, oder doch??? Ist sie lieber mit ihrer Freundin allein? Welche Rolle spielt der Junge, der zwischen den Mädchen steht? Sind die Mädchen für den Jungen die „kleinen Mütter?“ Es gibt viele psychologische und andere Interpretationen.
Es handelt sich um ein Adoleszenzdrama in dem es um Schule, Mädchenliebe und Selbstdar-stellung geht.

„Lapsus Exposure“ (Falsche Belichtung) 1992-94 – 14 min. Diaprojektion mit Überblend-technik
Die Bilder zeigen ein Studio, dass der Hintergrund für etwa Film- eventuell auch Modeauf-nahmen sein könnte. Ein Schlagzeug mit tiefroten Trommeln steht vor einer weißblauen Leinwand. Die Szene wird durch Scheinwerfer auf hohen Stativen in ein kaltes, gespensti-sches Licht eingetaucht. Die Dias zeigen das Studio aus den verschiedensten Perspektiven in einem melancholischen Rundblick. Leise hört man aus dem Hintergrund eine weibliche Stimme „Listen to the playback-do you recoguize the unlady?“ „Why have you come, creep-ing through the dark…“usw. Die Stimme bricht immer wieder ab, man weiß nicht, an wen sie sich richtet, sie verschwindet mit den Worten „Lenscover to the secret“. Was passiert hinter der Leinwand, in der schwarzen Höhle des Backstagebereichs? Ein Teil der Statisten sind ein Langhaariger mit Kopftuch, einer Waverin, eine dunkelhaarige Frau mit roter Weste, ein Typ mit Rastazöpfen und ein melancholischer Ted im hellblauen Smokingja-ckett. Ihre Funktion und und ihre eigentümliche, merkbare Anspannung sind unerklärlich, ebenso die Bezüge zueinander. Der Handlungsrahmen fehlt offensichtlich. Es scheint um ei-nen kaputten Verstärker, Musikindustrie und Ehre zu gehen, nichts Besonderes eben… Die Zeit ist eingefroren. Es gibt den Raum zu spekulieren, zu assoziieren was in den Bildern pas-siert. Ohne Stimme vielleicht eine ganz normale Studiogeschichte, jedoch durch den poeti-schen und fragmentarischen Text wird alles rätselhaft und geheimnisvoll, fast provokativ. Es sind sehr schön komponierte Einzelbilder, die an bessere Popzeiten erinnern. Die weiße Bühne und die im schattigen Dunkel liegende Garderobe erinnern an Punk in seiner ganzen Schönheit, jedoch ist der rebellierende Lebensstil gekippt und hohl geworden.
Diese Arbeit ist auf der Documenta11 zu sehen.

Literatur (Auswahl)
James Coleman, Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau 2002

Johanna Maria Huck-Schade – Juli-2002