Information zur Documenta 11

Mit dem 1963 in Nigeria geborenen und in New York lebenden Okwui Enwezor leitet zum ersten Mal ein Nicht-Europäer die Documenta in Kassel. Enwezor plant Weltkunst statt Westkunst. Dieser Internationalismus ist aus der Biografie des Ausstellungsmachers zu erklären. Er wurde in einem Land geboren, in dem mehr als 100 Sprachen gesprochen werden, studierte Politik und Geschichte, ging 1982 nach New York. Zur Kunst kam er eher zufällig. Er arbeitete als Kunstkritiker und Kurator, gilt als profunder Kenner der zeitgenössischen Kunst. Daneben gab er ein Kunstmagazin über zeitgenössische afrikanische Künstler heraus, betätigte sich als Dichter.

Okwui Enwezor hat für die kommende Documenta11 ein neues, zukunftsweisendes Konzept entworfen. Das Museum der 100 Tage und der 100 Künstler wird weltweit in fünf Konferenzen, Plattformen entworfen. Die ersten vier Plattformen waren Diskussionsforen, auf denen die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Voraussetzungen der in wenigen Wochen stattfindenden Kunstschau erarbeitet wurden. Angelegt ist das komplexe Vorhaben wie ein interdisziplinäres Forschungsprojekt. Die Plattformen sollen als Prozess einer Wissensproduktion verstanden werden und die Bedingungen, unter denen die Kunst im Zeitalter der Globalisierung steht, sichtbar machen. Sie sind der intellektuelle Ort der Debatte und Kontroversen, auf denen die Praxis theoretisch vorgearbeitet wurde. Die fünfte Plattform in Kassel wird die Kunstschau selbst sein. Das neue Konzept besteht darin, die wissenschaftlichen-gesellschaftspolitischen Bedingungen zu hinterfragen. Kunstproduktion und Diskussion stehen gleichberechtigt nebeneinander. Im Vordergrund steht nicht das „konsumierbare Endprodukt“, sondern die Mechanismen, die zu ihm führen. Es geht um ein komplexeres Verständnis für andersartige Kulturen. Fremdländische Kunst soll nicht alleine visuell erfahrbar, sondern mit ihren Entstehungsbedingungen verständlich gemacht werden. Die internationale Kunst kommt nicht nur nach Kassel, sondern Kassel nimmt Kontakt mit der Welt auf. Für Enwezor findet die Documenta nicht an einem einzigen Ort statt, sondern entwickelt sich an vielen Orten, in unterschiedlichen Momenten, vor unterschiedlichem Publikum. Die Idee, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu beleuchten, ist in der Geschichte der Kasseler Kunstausstellung nicht neu. Auf der Documenta 5 richtete Joseph Beuys ein „Büro für direkte Demokratie“ ein. Catherine David erweiterte die Gattungsgrenzen von Kunst mit ihrer Veranstaltung „100 Tage – 100 Gäste.“ Vorträge aus Philosophie, Soziologie, Literatur und Politik begleiteten die zehnte Kunstschau in Kassel.

Die vier Plattformen bezogen sich auf die Themen, die Kunst heute weltweit prägen: Demokratie als unvollendeter Prozess löste das demokratische Verständnis von einer westlich orientierten Norm; in Experimente mit der Wahrheit wurde über Rechtssysteme im Wandel und über den Prozess der Wahrheitsfindung und der Versöhnung diskutiert; in Créolité und Kreolisierung ging es um Kulturwandel und Verstädterung. Unter Belagerung waren vier afrikanische Städte: Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos; dort wurden die Probleme der zeitgenössischen afrikanischen Metropolen verhandelt.

In der Kunstszene wächst indes die Neugier auf das künstlerische Konzept Enwezors, vor allem auf die eingeladenen Künstler. Am 30. April 2002 haben alle Spekulationen ein Ende, dann wird die ersehnte Künstlerliste bekannt gegeben. Bisher sind zwar viele Namen im Spiel, gesichert sind doch nur einige wenige. Drei Künstler stellten ihr Werk auf einer Veranstaltungsreihe in Kooperation mit der Kunsthochschule Kassel vor: der Belgier Luc Tuymans, die Kubanerin Tanja Bruguera und der Schweizer Thomas Hirschhorn. In Zusammenarbeit mit der Docuemnta11 erscheint mit Point d´Ironie eine Zeitschrift, für die bisher Yona Friedman und Thomas Hirschhorn ein Projekt ihrer Arbeit illustrierten. Vertreten sein werden in Kassel auch alle diejenigen, die Teilnehmer der Plattformen waren: Zu den wenigen dort anwesenden Künstlern gehörte der Chilene Alfredo Jaar, der in Neu Delhi über den Völkermord in Ruanda sprach. Filme von Alexander Kluge, Claude Lanzmann, und Eyal Sivan wurden auf der zweiten Plattform gezeigt. Sie zählen somit ebenso zur Gästeliste der elften Documenta wie der Filmemacher Isaac Julien, der in St. Lucia eingeladen war.

Dr. Karin Mohr – Mai-2002