Im Blickfeld – Werke der Sammlung Brandhorst

Das Museum Brandhorst wird im Herbst 2008 eröffnet. Zur Steigerung der Vorfreude auf dieses mit Spannung erwartete Kulturereignis zeigt die Pinakothek der Moderne nach Präsentationen aus den reichen Beständen von Andy Warhol, Cy Twombly und der Arte Povera weitere Highlights dieser Sammlung.


Gerhard Richters »Familie nach altem Meister«, ein Schlüsselbild des Künstlers von 1965, verstärkt pointiert einen neu eingerichteten Richter-Raum. Richter geht es hier um die Darstellung von Erinnerung, ihrer spezifischen Unschärfe zwischen individuellen Gedächtnis und vermeintlich objektivem Dokument.


Darüber hinaus unterstreichen die fünf hier präsentierten Werke von Eric Fischl das außergewöhnlich reiche künstlerische Spektrum der Sammlung Brandhorst.


Die Bilderwelt von Eric Fischl (geboren 1948 in New York) hält mit stupender malerischer Kraft Gegenständlichkeit und Abstraktion, Banalität und Pathos, alltägliche Szenen gekleidet in große Form, in unauflösbarer Schwebe. Extreme Überzeichnungen, Maßstabsänderungen, Kombinationen unterschiedlicher Raumansichten, Montage und Inszenierung charakterisieren Fischls neuen, spezifisch amerikanischen Realismusbegriff, der auf Edward Hopper aufbauend die Grundlage für eine eigene ästhetische Tradition bietet.


»Daddy’s Girl« (1984) zeigt diesen Ansatz in verstörender Deutlichkeit. Die vermeintlich harmlose Szene – auf einem Liegestuhl umarmt ein nackter Mann ein gleichfalls nacktes, blondlockiges kleines Mädchen – läuft kaum merklich aus dem Ruder. Die auf Meer und Himmel fluchtende Perspektive lässt das Haus bedrohlich über der Tiefe schweben, die dunklen Raumhöhlen und der extrem deutliche Schatten unter dem Liegestuhl, insbesondere jedoch der am Fuß des Vaters balancierende Pantoffel und das auf der äußersten Kante eines spitzwinklig gezeigten Pflanzenkübels positionierte Glas unterstreichen die Brüchigkeit und Gefährdung der dargestellten Situation.


2002 entstand im und für das Haus Ester in Krefeld der Zyklus »Krefeld Project«. Eric Fischl versetzte das heute museal genutzte Gebäude, das mit dem benachbarten Haus Lange zu den Klassikern der Wohnhaus-Architektur Mies van der Rohes gehört, kurzfristig in seine Funktion zurück. Es wurde entsprechend möbliert und zwei Schauspieler agierten in einem Drama, das alltägliche zwischenmenschliche Beziehungen behandelt. Eine digital bearbeitete Auswahl der etwa zweitausend dabei entstandenen Fotos bildete die Grundlage des Zyklus, der mit dem hier gezeigten Bild »Living Room. Scene 3« beginnt.


Eine selbstvergessen tanzende Frau in rotem Seidenkimono wird scheinbar von einem auf dem Sofa sitzenden Mann in dunklem Anzug fixiert. Jedoch sind seine Augen blicklos, seine Haltung verkrampft, fast linkisch. Zwischen Beiden öffnet sich schwarze, unüberwindliche Leere, hinterfangen von einem Esszimmer, das mit dem strengen Bauhausmobiliar des gesamten Ambientes korrespondiert. Die kühle Atmosphäre, die dem Thema zu widersprechen scheint, erfährt durch die Schlaglichter und eine an den Rändern sich verwischende Malerei eine Steigerung. Dieses Stilmittel setzt Fischl immer wieder zur Potenzierung des Ephemeren und zugleich Brüchigen seiner Werke ein, die von alltäglichen »Bestrebungen und Sehnsüchten« und deren Scheitern handeln: »Es hört sich großartig an, aber für mich haftet immer etwas Tragisches an allem, was ich tue, so dass seine Größe damit irgendwie pathetisch wirkt. Es geht darum, etwas großartig zu machen, was nicht großartig ist; oder grandiose Formen zu verwenden, die eigentlich nicht grandios sind. Es fällt immer wieder auseinander. Ich möchte, dass man von meinen Bildern weggeht mit einem Gefühl von Tragik.« (Eric Fischl, 1986)


In dieser Ambivalenz liegt die besondere Kraft von Fischls bildnerischem Ansatz, der die Malerei der letzten Jahrzehnte markant erweitert. Er zeigt zugleich, wie vielstimmig die Sammlung Brandhorst orchestriert ist, wie sich dies auch durch zahlreiche andere Neukonstellationen verdeutlichen lässt.


Die Pinakothek der Moderne freut sich, Ihnen damit eine unter vielen Präsentationsmöglichkeiten und Gewichtungen im neuen Museum Brandhorst schlaglichtartig vorstellen zu können.


 


 


 


 

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