Ich ist etwas Anderes

Düsseldorf (kak) – Der Beitrag der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zum Projekt „Global Art Rheinland 2000“ beschäftigt sich mit der künstlerischen Selbstanalyse, im weitesten Sinne mit dem modernen Selbstporträt. Die vielfältigen Ausdruckmittel wie Malerei, Fotografie, Installationen, Videos und Performance Art zeigen jedoch, daß die vertrauten Gattungen zunehmend an Brisanz verloren haben. Im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung, der Bio- und Gentechnologie, der Vielfalt an medialer Informationsfülle muß sich die Selbstdarstellung der Künstler zwangsläufig verändern. Spätestens seit der Pop Art war klar, daß die Bilderflut und der Bewußtseinsstrom zum Wandel der Künstlerrolle führen mußte. Das traditionelle Selbstporträt kann die Frage nach dem „Ich“ nicht mehr beantworten.



Der französische Lyriker Arthur Rimbaud schreibt 1871 an seinen Rhetoriklehrer „je est un autre“ – „Ich bin ein anderer“. Rimbaud erschafft bewußt eine subjektive Doppelexistenz, konstruiert sein „Ich“ als Dichter. Die existentielle Frage Rimbauds nach der eigenen Identität dient der Ausstellung als Leitfaden. 50 Künstlerinnen und Künstler, deren unterschiedliche Selbstbefragungen „was ist das Ich“ von der Selbstinszenierung über die Transformation des Erscheinungsbildes und der Konstruktion fiktiver Existenzen bis hin zur Selbstzerstörung reicht, vermitteln einen Eindruck der Selbsterfahrung durch Kunst seit den späten 60er Jahren bis heute.



Die Ausstellung macht deutlich, daß die Egothematik auch immer ein Generationsproblem ist. Francis Bacon oder Rainer Arnulf, Vertreter der malerisch klassischen Position, hinterfragen die eigene Befindlichkeit destruktiv und autoaggressiv. Bacons Bilder sind Bilder „des menschlichen Schreiens“, sind voller psychischer und physischer Qualen. Seine Menschen sind zerrissene, einsame Wesen, haben selten eine ganzheitliche Identität. Rainers Übermalungen gleichen existentiellen Schlachtplätzen, die zur Auslöschung des Individuums führen. „Lauter neue unbekannte Menschen lauern in mir“ erklärt Rainer seinen Prozeß der Selbsterfahrung. Maria Lassnig analysiert in ihren Körpererfahrungsbildern die Einzelteile ihres Ich-Gehäuses.

Die Selbstauflösung des „Ichs“ ist auch Motiv der künstlerischen Erkundung Jürgen Klaukes. Identität ist ein Rollenspiel, das durch gesellschaftliche Normierungen bestimmt ist. Im Gegensatz zu Bacon und Rainer geht es dem oft als Egomanen betitelten Klauke weniger um sich selbst, als um das gesamte Menschenbild, um die Grundfragen menschlicher Existenz. Er begreift seine eigene Person als gesellschaftlichen Testfall und immer entlarvt er unser Bild der sozialen Identität als billiges Klischee.

Das Spiel mit der klischeeorientierten Erwartungshaltung des Betrachters beherrscht auch Cindy Sherman. Ihre feministisch orientierten Fotografien erzeugen vor allem beim männlichen Betrachter Schuldgefühle. Obschon sie immer ihr eigenes Motiv ist, verweigert sie jede persönliche Bezugnahme. Ihr vordergründiges Ziel ist die Selbstreflektion des Betrachters.



Überhaupt wird der Betrachter bei dieser Ausstellung entscheidend mit einbezogen, er darf vielerorts agieren, kann sich beispielsweise am Computer von Sabine Groß seinen persönlichen Ego-Körper konstruieren, wird zur Analyse seiner eigenen Betrachtungsweisen angeregt.
„Yoga und Kunst“ lautet ein anderes Experiment in der Kunstsammlung. Benita und Immanuel Grosser überführen die Yoga-Praxis in den Kunstkontext. Der Museumsbesucher wechselt schließlich seine Voyeur-Identität, wird selbst zum Objekt der Betrachtung. Letztlich hinterfragt eine derartige Alternative die Institution Museum sowie deren Regelsystem.

Die Selbsterfahrung des Betrachters wird in den Spiegelinstallationen von Dan Graham, Reiner Ruthenbeck oder John Armleder nicht nur körperlich miteinbezogen: Der Besucher wird zum Zuschauer und Akteur seiner Selbst. Das Spiel mit dem Spiegel stellt seine Subjektivität und Objektivität in Frage, entblößt ihn, verführt ihn, einen Identitätswechsel vorzunehmen. Vor allem in der Rauminstallation von Dan Graham ist der Betrachter der Beobachtung ausgesetzt, greifen die gesellschaftlichen Kontrollinstanzen.



Die Suche nach der Ganzheit des „Ichs“ zeigt unterschiedliche Auseinandersetzungen mit dem Körper. Gilbert & George reduzieren den Körper durch mikroskopisch vergrößerte Fotos von Körperflüssigkeiten auf seine biologische Struktur. Es gibt aber nicht nur einen Körper, nur eine Identität lautet die Botschaft der positiv-negativ Duplikation der beiden Künstlerfiguren.

Die Reproduzierbarkeit von Identitätsmerkmalen stellt die Einzigartigkeit des Individuums und der Kunst in Frage. Tony Oursler beraubt sein Alter Ego in seiner Videoprojektion um den Körper, reduziert den vielfach multiplizierten Kopf auf Pünktchen von Licht. Der Mensch ist kein Gegenüber mehr. Die Multiplikation des „Ichs“ entindividualisiert den Menschen, macht ihn zur Massenware, führt schließlich wie bei Warhol zum Verlust der Identität. Aber nicht immer bedeutet die Dopplung des „Ichs“ seine Negation, sondern gleichermaßen seine Konstruktion. Jeff Wall, Anton Henning oder Vibeke Tandberg nutzen in ihren Fotoarbeiten das Motiv des Doppelgängers, um spielerisch nach ihrer Identität und der Qualität ihres Kunstschaffens zu fragen.

Deutlich wird in der Ausstellung, – vor allem in der Videoabteilung – daß die Frage nach der Identität eng mit der Glaubwürdigkeit visueller Wahrnehmungsformen, mit der Wahrheit von Foto und Film zusammenhängt. In der Videoarbeit von Danica Dakic´ treten optisches und akustisches auseinander. Zwei Münder sprechen in zwei verschiedenen Sprachen, verweisen auf ihre gespaltene kulturelle Identität. Das Selbst kann nicht mehr über die Augen wahrgenommen werden, es wird ersprochen. Die Arbeit macht noch einmal deutlich, daß es weniger um utopische Konzepte geht, als um das „Ich“ in seiner Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit dem Jetzt-Zustand.



Der Ausstellungsrundgang endet mit einer Raum- und Videoinstallation des Schweizers Ugo Rondinone, der bewußt eine Abgrenzung von der Außenwelt wählt. Eingetaucht in romantisches, blaues Licht kann sich der Betrachter selbstversunken, tranceähnlich seinen Träumen hingeben. Das „Ich“ löst sich angesichts der poetischen Stimmungsbilder auf. Kunst wird zur Verführung, zur Sehnsuchtsmetapher. Identität kennt keine Antwort, sie muß immer wieder neu formuliert werden.

„Ich ist etwas Anderes“ ist sicher keine leicht verdauliche Kost, kaum jemand bleibt angesichts der schonungslosen Dokumentation Hannah Wilkes über den Zerfall ihres Körpers unberührt, doch wird der Besucher, der sich offen auf diese übersichtlich und thematisch klar gegliederte Schau einläßt, durch eine Fülle von interessanten Einblicken in die „Welt des Ichs“ belohnt.

Link: http://www.ichistetwasanderes.de