Hartz kills arts

Der arme Poet verheizt seine Schriften. Den gesegneten Künstler lädt das Gericht. So die Klischees. Dazwischen der Profikünstler. Waren, Erbauung, Lizenzen. Man kennt sich oder man kennt sich nicht. Daneben die Hobbykünstler des gesonderten Brotberufs.
Dass nur Bankiers über Kunst reden, Künstler aber übers Geld, behauptete Oskar Wilde nicht ganz zu Unrecht. Nur wird die Kunst da zur Projektionsfläche des Geldes, das stets einer bedarf, da der Kopierkunst auf den Banknoten allein wenig zu trauen ist. Für den derart berühmten Künstler fällt immer etwas ab, für den Anfänger selten. Dagegen scheint man versichert. Schien. Doch tatsächlich war es nie so. Es gibt keine Kunstförderung außerhalb der Kunstförderung. Es gibt Aufträge, Verkäufe und Kopien.
Auf dem Lande sahen die Sozialämter genauer hin. Da wusste man auch, wer Hilfeempfänger war und wer Künstler. Allerdings bin ich mir da nicht so sicher. Ich werde hinfahren und nachfragen. In den Städten geschieht gerade dies: Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer Umbauagenda mittels der Hartz IV genannten Eskalationsstufe den Broterwerb verbindlich vorgeschrieben. Bela oder Anda hätte es eigentlich heißen sollen. Egal. Unter anderem betroffen ist die unfreiwillige Kunstförderung. Wer bislang zum Beispiel malte oder sang und von der Stütze lebte, der soll sich nun Arbeit suchen. Darunter leide die Kunst. Hartz kills arts.
In Köln, zur kleinen Montagsdemonstration am 10. Januar, riefen Hundertdreißig unter roter Fahne auf zum Widerstand gegen die Zerschlagung der Kultur. So redet man dort. Ich berichte aus dem individualistischeren Berlin. Vorerst.
Der Hartzkünstler, pardon, der seinen Lebensunterhalt nicht und nicht dazu verdienende Künstler ist leicht misszuverstehen und bedarf der Rechtfertigung. Es geht ihm nicht, nie und nimmer, darum, unterstützt zu werden. Nur zu gerne erzielte er Gewinn. Sein Anliegen ist die Vermeidung des Freizeitkünstlertums. Mal Taxifahren ja, täglich ins Büro nie. Als echter Künstler gilt mit Ausnahme des reichen Erben, wessen Beruf die Kunst ist, wer sie beruflich treibt, der Profi. Wer tagsüber verwaltet und nachts Verse ersinnt, der ist Laie, kann\’s nicht, stümpert herum.
Das sieht man dann gleich. Matthias Most, frei erfunden, täglich acht Stunden an edler Leinwand, zwei oder drei Ausstellungsbesuche, eine Party (mit Schal und Gespräch über Jenny Holzer), der Künstler. Und Herr Meier oder so, Polizeibeamter des gehobenen Dienstes, häufige Überstunden, wochenends mit Dispersionsfarbe Sperrholz salbend, der Laie eben. Würde M.M. Beamter, gäbe es einen Künstler weniger im Land. Bzw. in der Stadt.
Dass es in der echten Kunst darum geht, echte Einnahmen zu erzielen, ist bekannt. Der Profi handelt nicht umsonst. Herr Meier kann ein Bild verschenken. M.M. nicht. Das könnte sich nun gegen ihn kehren, wenn er sagt: ich brauche den Freiraum materieller Sicherheit weiterhin, dafür gebe ich meine Kunst. Auch hier tut also Aufklärung not. Nein, er kann wirklich nicht verschenken. Professionalität ist das Preisschild unter dem Bild. Auch wenn niemand kauft. Was würde er denn verschenken, wenn er schenkte? Hobbymalerei!
Nicht einmal in der Künstlersozialkasse käme M.M. (bisher vom Sozialamt versichert) unter, würde er Sachbearbeiter oder Straßenfeger. Kein Stipendium stünde ihm mehr offen, keinen Preis könnte er fortan erringen, keine anerkannte Galerie würde seine Bilder zeigen. Herr Meier weiß das ebenso, sagt, wenn ihn einer fragt, er sei Polizeibeamter.
Vergessen wir die Geschichte (der Künste), schauen wir nach Berlin. Zweitausend, dreitausend oder zehntausend Künstler weniger auf einen Schlag. Die Arbeitslosen in gleicher Zahl vermehrt. Sachbearbeiter werden gerade keine gesucht. Wem wäre damit geholfen? Wo bliebe die lebendige Kultur? Auswüchse – die Frage ist nur: wovon? Umgebaut wird die Ordnung des Sozialstaates, nicht die der Künste. In Sachen der Kultur dauert alles länger. Das Schulsystem etwa wird nicht umgebaut, nur wieder aufgebaut. Von gleichem Alter ist die Ordnung der Künste mit ihren drei Kasten Hobbykunst, Gebrauchskunst und Kunst. Wobei Gebrauchskunst nicht das Entertainment meint, das ist Kunst, sondern die Reklame und das Design, die von Grenzüberschreitungen reden. Anders, als ein Hauptschüler es kennt. Oder der Fernsehkünstler, der, wie man weiß, schon seit jeher zwischen den Drehtagen sich arbeitslos meldete.
Sozialamt Berlin-Friedrichshain, Anfang 2005. Die Künstlerexistenz wird zur Hinrichtung in ein Jobcenter gesandt. Ein offensichtlich nicht mehr arbeitsfähiger älterer Herr dagegen empfiehlt Halbtagsarbeit im Callcenter. Da lerne der Künstler das Verkaufen. Das machen Sie dann am Telefon. Jede Woche ein Bild, das müsste doch reichen. Der Künstler nennt das Zynismus. Dreißig Minuten und 500 Meter weiter ein Sprayer mit schwarz, rot und gelb. Der ist schon einmal eingeladen worden, gegen Geld eine Lagerhalle zur Straße hin zu bebildern. Macht er aber nicht. Bei mir kann man nichts kaufen. So einfach ist es also nicht.
Ich hingegen besuche das Bezirksamt Berlin-Mitte. Ich möchte Fritz Cremers Bronzepaar Aufbauhelferin und Aufbauhelfer gegenüber dem Roten Rathaus putzen, von Oxydschichten befreien. Als Künstler? Nein, als Bürger. Ach so, da brauchen Sie eine Genehmigung. Das muss ja fachgerecht ausgeführt werden. Im letzten Sommer trafen sich hier Demonstranten gegen Hartz IV. Gewerkschafter, Arbeitnehmer, ein paar Altlinke aus dem Westteil der Stadt und die Künstler, kaum Arbeitslose. Jede Arbeit, tönte es aus dem Megaphon, sei nun zumutbar. Jede außer sittenwidriger. Am Abend in der Kneipe an der Neuköllner Hasenheide. Sittenwidrig sei zum Beispiel Zwangsarbeit. Auch gäbe es Gewohnheitsrechte. Keiner würde die Notwendigkeit von Kunst bezweifeln. Künstler unter sich. Bis auf mich, ich unterrichte und werde darum nicht ganz ernst genommen. Ich könnte sagen, dass ich keine Kunst bräuchte, hätte ich nichts anderes zu tun, lasse es und merke mir, dass kunstferne Brotberufe sich durch Vokabeln wie vorläufig, vorübergehend oder gelegentlich veredeln lassen.
Später bietet einer Gedichte an. Kommt rein, geht von Tisch zu Tisch, in altmodischem Parka, sagt: ein Euro. Tritt auf, performt nicht. Lass mal sehen. Nee – erst zahlen. Das ist Kunst, Mann, das kostet. Da sind sich alle einig, aber auch empört, über Hartz IV, bestellen noch ein Bier und bemerken kaum, dass der Dichterling weitergeht mit seinen Zetteln, ohne dass jemand einen gekauft hätte. Wovon auch kaufen, wenn man kein Geld hat? Kunst gehört nicht zum Lebensnotwendigen. Für den Ankauf von Bildern, Noten und Büchern ist kein Betrag im Hartz-Warenkorb vorgesehen. Die Kunst sei jetzt, keinen Job zu kriegen. Hilft nix. Offiziell biste doch arbeitslos. Was ändert sich eigentlich?
An diesem Abend an der Hasenheide, wo sich früher einmal das Land zum Turnen hin veränderte, wird das nicht sichtbar. Erinnerungen werden für später fortgeschrieben. Von den Ein-Euro-Jobs ist kaum die Rede, worin diese Künstler in Schulen, Kindergärten und Kiezprojekten das Künstlerische an sich denen, die schon darauf warten, näher bringen können oder überhaupt. Ein Euro fünfzig sagt man in Berlin. Und spart das wieder ein bei der Kulturförderung. Job ist Job, erstickt die Kunst wie jeder andere. In der Erfolglosigkeit wird die immer elitärer. Frechheit, ruft einer durch den Raum. Sieht man gar nicht, wer.
Man sieht, dass nichts zu sehen ist.
Wo es nicht genügend Arbeitsplätze gibt, sollen die einen bekommen, die wirklich wollen. Wie wäre es mit einem Künstlerfreistellungsbescheid? Denn nicht nur Kunst, auch Künstler fürs Volk ist eine soziale Aufgabe. Das gute Gedicht im Auftrag der Komintern. Brüderlichkeit. Auch auf dem Land. Da hatte ich aber schon erzählt, dass man dort manchmal keinen Eintritt nimmt zu Ausstellungen und Lesungen. So weit darf das nicht führen. Lernen vom Land heißt Lust gewinnen am Untergang. Gut, ich werde nachfragen.
Allerdings nicht bei den Künsten, sondern bei der Politik. Ist der Traum vom künstlerischen Leben eine Lauge und die Kunst reine Säure, so gilt es doch beiden reichlich Wasser zuzusetzen, zur Sicherheit. Wasser ist schließlich Geld.