Gregor Schneiders performatives Debüt im Magazin der Staatsoper Berlin

Das von Gregor Schneider konzipierte Projekt für das Magazin der Staatsoper Unter den Linden erschließt sich aus der Perspektive der Erfahrung der Ungewissheit. Der Projekttitel »19-20:30 Uhr 31.05.2007« umschreibt die Zeitklammer des Geschehens, ein Geschehen, das allerdings niemandem bekannt ist. Damit thematisiert Schneider mit subtilen, kaum wahrnehmbaren Eingriffen grundsätzliche Fragen zum Raum und stellt Emotionen, Erinnerungen und Ängste des Betrachters in den Mittelpunkt seiner Raumerfahrung.


Mit Gregor Schneiders einmaliger Aufführung »19-20:30 Uhr 31.05.2007« setzen Thyssen-Bornemisza Art Contemporary und die Staatsoper Unter den Linden ihre 2005 begonnene Zusammenarbeit, performative Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern zu fördern, fort. Nach »Jonathan Meese ist Mutter Parzival« (März 2005), »Don’t Trust Anyone Over Thirty« (Juni 2005) und »John Bocks Medusa im Tam Tam Club« (September 2006) ist »19-20:30 Uhr 31.05.2007« das vierte Projekt der interdisziplinären Programmreihe, in der bildende Künstler im Performance-, Theater- und Musiktheaterkontext experimentieren und neue Grenzen erforschen.


Die Aufführung im Magazin der Staatsoper ist die erste Präsentation des weltweit gefeierten Künstlers in Berlin nach 13 Jahren und soll einen Neuansatz in Gregor Schneiders Kunstschaffen markieren, der über das Bauen von Räumen hinausgeht. Auch in dieser neuen Arbeit sucht Schneider die Konfrontation des Betrachters mit sich selbst über die dramaturgische Schaffung einer »stummen Gewöhnlichkeit«, die auf Abwesenheit und Verunsicherung abzielt und ein unerreichbares Geschehen suggeriert, das möglicherweise uneingelöst bleibt.


Wie bei jeder Aufführung und Performance aktualisiert sich die Arbeit erst in der direkten Konfrontation zwischen dem ästhetischen Rahmen der Produktion und der Erwartungshaltung und Präsenz des Besuchers. Das ist das Grundprinzip der Theatralität, das sich in der bildenden Kunst mit den Mitteln der »totalen Installation« erfüllt. Theatralisierung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Besucher selbst auf die Bühne geschickt wird, zum Schauspieler gemacht wird, ohne dass er sich dieser Rolle bewusst ist.


Bei Schneider tritt der Betrachter/Besucher in das Kunstwerk ein, oftmals ohne konkrete Handlungsanweisungen zu erhalten. Er wird völlig allein gelassen, muss das Werk »von innen« sehen lernen und seine eigene Rolle darin erkennen. Er wird dabei weitgehend gesteuert, ohne aber die Steuerung direkt zu erfahren. Die Orientierung der Sinne auf Sichtbarkeit, Hörbarkeit und Tastbarkeit erweitert sich bei Schneider durch die Aufmerksamkeit für den Bewegungssinn als eine spezifische Form der Erfahrung von Raum und Zeit. Durch das Betreten der »Bühne« erschließt sich dem Betrachter/Akteur der Raum als »geschehend«, sprich als aktiviert, animiert. Das asymmetrische Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, Darsteller und Betrachter wird dabei aus seiner hierarchischen Verankerung gehoben und unter Umständen eine völlige Verschmelzung gesucht. Erst als Irrender und fragend Suchender hat der Besucher die Möglichkeit, jene Erfahrung zu machen, die seinen Sinn für Narration und seine eigene Rolle darin schärfen.


Mit diesen Prinzipien experimentiert der deutsche Künstler, der auf der Biennale von Venedig 2001 mit »Totes Haus u r« im Deutschen Pavillon vertreten war und mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, seit längerer Zeit. Seit bereits zwanzig Jahren baut er das Haus seines Vaters in seiner Heimatstadt Rheydt zu einem totalen Kunstwerk um. Ein totales Kunstwerk, in dessen Mittelpunkt – wie stets bei Schneider – der Raum an sich stand: kleine und große Räume, abgeschiedene und offene, verschlossene und versteckte; Räume, in denen Schneider Decken und Böden versetzt, Fenster verschiebt, Fußböden verdoppelt und hinter doppelten Wänden versteckt.


Karten: 15 EUR im Vorverkauf und ab 18 Uhr an der Abendkasse.
Infos unter Tel +49 30 20 35 45 55.
Der Eintrittspreis beinhaltet die Zusendung eines Programmheftes mit Beiträgen von Thomas Macho und Thomas Raab, das im Juni 2007 erscheint.


»19-20:30 Uhr 31.05.2007«
Aufführung von Gregor Schneider im Rahmen der Projektreihe „Relation in Movement“ am Donnerstag, 31. Mai 2007 um 19 Uhr im Magazin der Staatsoper Unter den Linden, Unter den Linden 7, 10117 Berlin


Eine Auftragsarbeit von Staatsoper Unter den Linden, Berlin und Thyssen- Bornemisza Art Contemporary, Wien. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.


Anmerkung der Redaktion:


Die schiere Neugier trieb das erwartungsvolle Kunstpublikum nun am Donnerstagabend kurz vor sieben vor das große Tor des Opernmagazins…… Mehr im taz, Artikel v. 2. 6. 07 
 

Link: http://www.staatsoper-berlin.de,