Gerhard Merz

Seit den 70er Jahren untersucht Gerhard Merz in bild- und raumbezogenen Installationen den geistigen und theoretischen Hintergrund der modernen Kunst. Der Künstler-Architekt schafft Kunst-Räume, die Tatsache sind, die keine Deutungsprobleme aufgeben und beim Betrachter keine ungemeinten Vorstellungen auslösen. Kunst soll sich alleine auf die visuelle Anschauung beschränken. Das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch verkörpert für Gerhard Merz die Moderne, da es vollendete Abstraktion ist, es keine Assoziationen mehr hervorruft. Es geht um das reine Seherlebnis. „Es ist einfach so, dass Kunstformen Kunstformen sind und Lebensformen Lebensformen“, bemerkt Gerhard Merz. Er will keine Inszenierung oder Verzerrung der Wirklichkeit, er strebt die ideale, autonome Form von Kunst an. Das Sichtbare ist ohne Illusionismus, lässt dem Betrachter keinen Raum mehr, etwas zu suchen, was nicht da ist. Kunst bedeutet Leere. Gerhard Merz arbeitet mit extrem vereinfachten, puristischen Mitteln. Die Dinge sind nichts anderes mehr als die Verkörperung von Maß, Farbe und Licht. Er schafft begehbare Räume, die zwischen Architektur, Skulptur und Malerei angesiedelt sind. Kunstwerke haben für Merz einen festen Ort, zwischen Malerei und Raum besteht ein Sinnzusammenhang. So strebt er die ideale Verbindung zwischen Bild und Raum; Kunst und Architektur an. Es entsteht die Archipittura. Die italienische Wortvariante für Architektur und Malerei bezeichnet das ästhetische Programm seines Schaffens. „Das Schöne ist stumm und leer“, lautet einer der Lieblingssätze des gerne als asketischer Sonderling bezeichneten Künstlers. Die reine Form basiert auf der reinen Idee. Als Architekt sucht er nach der erhabenen Ordnung des Ganzen und bedient sich der klassischen Kompositionsregeln der Baukunst: Einfachheit in der Konstruktion; Klarheit der Mittel; Reinheit des Materials; Wiederholung der Form und technische Perfektion. Die Anknüpfung an die klassische Kunsttradition bedeutet für Merz Zeitlosigkeit und somit die Möglichkeit, die Moderne mit den Mitteln der Architektur fortzusetzen. Seine Bauten enthalten vielfältige Anspielungen auf Kunst- und Architekturgeschichte. Oft zitiert Merz mehrere Leitbilder und verbindet sie. Seine neueste Rauminstallation in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die speziell für die große Ausstellungshalle konzipiert worden ist, spielt als Fragment auf die Grande Galerie im Louvre an. Diese wurde 1595 –1608 erbaut und war von Anfang an eine museale Stätte. Merz baut eine Architektur, die daran erinnern soll. Der geistige Hintergrund der Düsseldorfer Galerie, ihre Reduktion und Fragmentarisierung ist Ausgangspunkt, um die Brauchbarkeit von Räumen als Orte für Kunst zu überprüfen. Es scheint als erhalte die große Ausstellungshalle der Kunstsammlung ein vernichtendes Urteil. Bei ihrer Planung scheint ihre Nutzung als Ort von Kunst keine Rolle gespielt zu haben. Eine gleißend helle, tonnenüberwölbte Lichtpassage von 30 Metern Länge und 10 Metern Höhe füllt als Raum im Raum die große Halle beinahe völlig aus. 1650 Leuchtstoffröhren sorgen für eine unglaubliche Lichtintensität. Neben der Helle gibt es aber keine „Erleuchtung“. Das Licht zeigt nichts, beleuchtet nicht, es ist nur da, macht die geometrische Form des Raumes sichtbar, löst ihn aber auch wieder auf. Je sieben aus der Wand tretende Tableaus gliedern die Längsseiten. Der Betrachter wird verunsichert. Sieht er ein leeres, weißes Bild oder eine schattenlose Wand. Die Helligkeit verstellt seinen Blick, irritiert seine Wahrnehmung. Das Werk verlangt vom Betrachter, sich von eingeübten Positionen zu lösen und das wahrzunehmen, was da ist. Das Fragment Grande Galerie I-XIV ist kühl, perfekt und steril, distanziert, gleichsam unnahbar. Der Platz des Betrachters ist im Raum, es gelingt ihm kaum, das Monumentalwerk von Merz – der bei groß zwischen monumental und gigantisch unterscheidet – simultan zu erfassen. Gerhard Merz verfügt über einen unglaublichen Instinkt für Proportionen und Licht. Die Einzelbestandteile seiner Räume, Licht, weiße Farbe und Raum sind immer aufeinander bezogen, folgen strengen geometrischen Gesetzmäßigkeiten. Erhabenheit entspringt für Merz nicht der Meditation, sondern der absoluten Genauigkeit und Makellosigkeit der Formen, Linien und Flächen. Schönheit ist eben still und vollendete Sachlichkeit. Der Mangel an Erlebnisqualität wirkt auf den Betrachter bisweilen enttäuschend, die Helligkeit hat eine schmerzvolle Reizwirkung. „Selbstverwirklichung in der Kunst ist etwas für Unglückliche“, meint Gerhard Merz. Seine Werke kommen ohne Nebensinn aus. Trotzdem wird die Galerie zum Ort der Imagination. Die „leeren Bilder“ finden ihre farbliche, visuelle Entsprechung auf dem Umschlag des Katalogs. Die dort abgebildeten vierzehn Farbtafeln stehen als Monochromien in Bezug zu den Tableaus der Galerie. Gerhard Merz greift zum äußersten Mittel der Reduktion, indem er Farbe und Bild voneinander trennt. Das Kunstwerk zwingt den Betrachter zur reinen Anschauung der Schönheit, denn nur die Form hat für Gerhard Merz Gültigkeit, während Bildinhalte vergänglich sind. Die leeren Bildtafeln und die Farbtafeln des Katalogs rufen die Erinnerung an den klassischen Gang im Louvre wach. Als Architekt erfindet er keine neuen Formen, sondern stellt sich in die Tradition. Gerhard Merz strebt die konsequente Weiterentwicklung des klassischen Erkenntnisprozesses an. Modernität ist ihm Rückbesinnung auf die klassischen Ideale, nur diese haben für alle Zeiten Bestand. Seine Kunst regt zum Nachdenken darüber an, was eigentlich Licht, Form und Proportion für das Bauwerk bedeuten. Die vorhandene Architektur soll in ihrer ursprünglichen Klarheit verstanden werden. Immer wieder muss sich Gerhard Merz den Vorwurf gefallen lassen, eine elitäre Kunstauffassung zu vertreten. Für ihn macht es denn auch keinen Sinn, ungeschulte Betrachter mit Kunst zu konfrontieren. Kunst sei eine „Ausnahmeerscheinung“ von einzelnen für einzelne.

Gerhard Merz, Fragment Grande Galerie I-XIV

23. Februar – 15. September 2002, K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf