GABRIELA OBERKOFLER PAULINE UND OHNE NAMEN

14.02.2015 - 25.03.2015
GALERIE LISI HÄMMERLE
Anton-Schneider-Straße 4a, , A-6900 Bregenz
http://www.galerie-lisihaemmerle.at

Andrea Jahn
There is no higher life.
This is the only life there is.
Which we share with animals.1

Als er die Augen wieder aufschlug, hatte die Welt sich in flimmernde Pünktchen aufgelöst. Erschrocken blinzelte er und versuchte, den Blick scharf zu stellen, und als sich seine Sicht geklärt hatte, sah er den Fuchs. Am anderen Ufer stand er, mit aufgestellten Gehören, und musterte wachsam den Menschen.2

Tiere bestimmen die Bildwelt im Œuvre von Gabriela Oberkofler: Vögel, Insekten, Füchse, Schafe und Pferde – Tiere, denen gerade dann künstlerische Aufmerksamkeit zuteil wird, wenn die Künstlerin sie verletzt oder tot findet. Es sind die unspektakulären Momente, das Schicksalhafte, die alltägliche Qual in einer vom Menschen manipulierten Welt, die Oberkofler ins Bild setzt. Schöne Bilder mit radikalem Inhalt! Damit steht sie in einer kunsthistorischen Tradition, in der das Tier von Anfang an eine wichtige Rolle spielte – immer jedoch in Bezug zum Menschen, in seiner Funktion für den Menschen, als Sinnbild menschlicher Leidenschaften oder als Personifikation des Anderen, von dem für uns eine Bedrohung ausgeht. Tatsächlich hat die Repräsentation von Tieren in der zeitgenössischen Bildkultur das Tier in seiner ursprünglichen Bedeutung für die Kultur zum Verschwinden gebracht.3 Für die damit verbundene Ideologie sind Tiere immer die Beobachteten. Die Tatsache, dass sie uns beobachten können, hat jede Bedeutung verloren. Sie sind die Objekte unseres sich immer weiter ausdehnenden Wissens. Was wir über sie wissen, ist das Maß unserer Machtfülle, und daher ein Maß dessen, was uns von ihnen trennt. Je mehr wir wissen, desto weiter sind sie von uns entfernt.4

Ausdruck dieser Verdrängung sind verniedlichende oder verherrlichende Bilder, die mit den realen Umständen der tierischen Existenz nichts zu tun haben. Vielmehr nehmen diese Repräsentationen einen entscheidenden Einfluss auf die Wirklichkeit des Tieres. Das heißt, seine eigentlichen Lebensumstände werden zu Gunsten einer Darstellung verschleiert, die ausschließlich menschlichen Ansprüchen genügt – als Projektionsfläche und Begründung der eigenen „Zivilisiertheit“.5 Diese problematische Vermischung von Realität und Repräsentation ist Ausgangspunkt für wichtige kritische Praktiken in der aktuellen Kunst, wie sie sich in den Arbeiten von Gabriela Oberkofler wiederfinden.

Da sitzt sie die Katze – ohne Namen –, auf einer Zeichnung, die in zarten Strichen den Hauch eines Lebens eingefangen hat, das allzu rasch beendet war. Sie blickt uns an – nicht vorwurfsvoll, eher überrascht, dass alles so gekommen ist, in der Dorfidylle, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen und eigentlich keine Verbrechen geschehen. Und doch passiert das Unaussprechliche jeden Tag. Die Künstlerin bannt es in ihren Bildern, die so schön sind, dass es weh tut. Rot und schwarz. Ameisen in der Glut. Fliegen im Pelz. Ein Vogel(beer)baum aus Leben und Sterben. Als könnte man alles wieder zurückdrehen – wie im Film –
die kleinen und großen Katastrophen, den Unfall, das Schicksal, den unerbittlichen Kreislauf des Lebens, der zum Tode führt – das überfahrene Vögelchen, das gehäutete Schaf, die verhungerte Katze, der Hund, der in den Brunnen gefallen ist … All das sind Bilder und Geschichten, aus denen Gabriela Oberkofler ihre Kunst macht: Alles wieder zurück – Blüten am Kirschbaum, der eigentlich kein Leben mehr hat. Kirschkerne wie im Sommer, kunstvoll von der Künstlerin an die trockenen Äste geknüpft. Eine Installation, in der die Erinnerung an pralles, kirschsaftsüßes Leben wieder erwacht, in dem das Schaffell in einem Akt der Wiedergutmachung zu den Schafen auf die Wiese zurückkehrt. Was bleibt, ist ein Fell, umgeben von einem Zaun …

In Oberkoflers Zeichnungen und Installationen kommen die Unsichtbaren und die Toten gewissermaßen wieder ins Leben zurück, treten vor unsere Augen – winzig klein oder lebensgroß! Fiktionale Bilder, die das Tier in seiner ursprünglichen Form als Metapher6 verstehen und die Mechanismen offenlegen, die zur Naturalisierung seiner Repräsentation beigetragen haben.

Sie gehören zur Erinnerungsarbeit der Südtiroler Künstlerin, die sich in ihrem Werk kontinuierlich mit Natur- und Kulturräumen bzw. deren Zerstörung und Verlust auseinandersetzt, um die Frage nach Identität und Zwanghaftigkeit immer wieder neu zu stellen. Zäune und Käfige erscheinen dabei als Sinnbilder
für eine Ideologie, die nach cartesischem Vorbild eine Weltsicht aufrechterhält, die eine klare Trennung zwischen Körper und Geist, Tier und Mensch voraussetzt. Und da Tiere nach dieser Philosophie keine Seele besitzen, wurden sie auf das Modell einer Maschine reduziert 7 – zum Nutzen des Menschen als Fleisch- und Lederlieferant für die industrielle Produktion oder als Sportgerät.

Nicht zufällig lenkt Gabriela Oberkofler die Aufmerksamkeit gerade auf die Tiere, die durch Käfige, Zäune und Stricke in ihrem Lebensraum eingeschränkt sind: ein blutendes Pferd – dargestellt in hauchfeinen Strichen, so als hätte die Künstlerin jedes einzelne Haar liebevoll festhalten wollen. Da steht es, ange-
bunden, aus Maul und Nüstern blutend, mit stumpfem Blick – ein zutiefst trauriger Anblick. Ihm gegenüber ein Schaf hinter einem Zaun, dessen Körper in Auflösung begriffen scheint. Besonders an den Ohren, am Kopf und an den Beinen ist die Darstellung nur fragmentarisch, sind Löcher im Fell. Auf ihm ist eine Zaunstruktur erkennbar, die sich in seinen Körper eingeschrieben hat. So richten Oberkoflers Tiere ihre Blicke auf uns – fragend, unsicher – durch den Maschendraht, durch Bretter und Pfähle hindurch.

Sei es die Katze, ein Pferd oder ein Schaf – der Blick ist immer der der „unverstandenen“, vielleicht auch leidenden Kreatur. So müssen wir auch die Bilder von Pauline, dem kleinen Jack Russell, und der schwarzen Katze – ohne Namen –  verstehen. Ihr Fell ist glanzlos, wie von Motten zerfressen, löcherig, als hätte sie schon lange tot auf dem Balkon gelegen. Wäre da nicht ihr Blick! Direkt auf uns gerichtet, doch gleichsam unbeteiligt, schicksalsergeben, als hätten die Dinge so kommen müssen …

In seinem bekannten Essay „Warum sehen wir Tiere an?“ hat John Berger den Blick zwischen Tier und Mensch analysiert: Die Augen eines Tieres sind, wenn sie einen Menschen betrachten, aufmerksam und wachsam. Das gleiche Tier wird wahrscheinlich andere Tiere auf die gleiche Weise ansehen. Für den Menschen ist kein besonderer Blick reserviert. Doch keine andere Gattung als die des Menschen wird den Blick des Tieres als vertraut empfinden. Andere Tiere nimmt der Blick gefangen. Der Mensch jedoch wird sich, indem er den Blick erwidert, seiner selbst bewusst. Das Tier beobachtet ihn genau, über einen schmalen Abgrund des Nicht-Verstehens hinweg.8

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mensch sich im Mittelpunkt seiner Umwelt sieht, und alles, was er sieht, auf sich bezieht. Genauer gesagt, dass er im Akt des Sehens seine Wirklichkeit formt.9 Dann heißt das auch, dass wir an diesem Punkt der Illusion erliegen könnten, die Dinge, die wir sehen, seien für uns, ja nur für uns und die Ordnung unserer Welt geschaffen. Umgekehrt sind die Tiere nach der damit verbundenen Ideologie immer die Beobachteten. Dass sie uns beobachten können, hat keine Bedeutung. Anders als der Blick eines anderen Menschen hat ihr Blick für uns keine Konsequenzen: Kein Tier bestätigt den Menschen, weder im positiven noch im negativen Sinne. Das Tier kann getötet und gegessen werden, (…) Das Tier kann gezähmt werden, so dass es den Bauern versorgt und für ihn arbeitet. Aber die ihm fehlende gemeinsame Sprache, sein Schweigen gewährleisten seine Distanz, seine Verschiedenheit, seine Ausgeschlossenheit vom Menschen.10

Es ist das gute Tier, das nützliche, das kultivierte Tier, das uns dient und doch unsichtbar bleibt, unbedeutend in seinen Bedürfnissen. Seine Existenz als Selbstverständlichkeit zu betrachten und seinen Schmerz zu missachten, bedeutet nichts anderes, als ein fragwürdiges Verständnis von Zivilisation, das den Menschen über die natürliche Welt stellt und ihm das Recht gibt diese auszubeuten: The idea of the animal’s comparative worthlessness has been (and still is) enmeshed in most notions of what it means to be civilized […] a dividing line can be drawn between human hurt and animal hurt…11

Gabriela Oberkofler hat mit zeichnerischen Mitteln eine Strategie entwickelt, die auf dieser Ideologie beruhende Bildkultur zu unterlaufen. In ihren fast pointillistisch anmutenden Zeichnungen lässt die Künstlerin ihre Motive aus winzig kleinen Punkten entstehen, die sich häufig gerade an den Stellen auflösen, an denen sich der Körper zu seiner Umgebung abgrenzt: Insektenflügel und -beinchen, die zu Staub zerfallen, ein von Fliegen durchsetzter Fuchspelz, Wunden von roter Farbe auf schwarzen Tierkörpern, Löcher im Fell. Ihre Darstellungen toter und verletzter Tiere entsprechen nicht dem gängigen kunsthistorischen Repertoire westlicher Tierdarstellungen und schon gar nicht der populären Bildkultur, die das Tier in erster Linie als Unterhaltungsmotiv inszeniert. Von ihnen geht ein Unbehagen aus, das sich in teilweise übel zugerichteten oder auch nur beiläufig verunglückten Tierkörpern manifestiert, die, dort wo
sie auftauchen, immer irgendwie fehl am Platz scheinen. Die Künstlerin setzt nicht zufällig gerade das ins Bild, was stört und verstört: Eine Vitrine voller Käfer, Fliegen, kleiner Schlangen und Salamander – Unfallopfer – präsentiert wie Preziosen. Was wir in diesen Bildern finden, ist die Schönheit des Zerfalls, der ebenso Teil der irdischen Existenz ist, wie die Schönheit blühenden Lebens. Beides klingt in Oberkoflers Bildern an und trägt damit auch immer einen bitteren Beigeschmack. Doch die von ihr gezeichnete Welt ist in Bewegung, in Auflösung begriffen – selbst der Zaun hat seine Löcher …

Dieser Zaun ist nichts weniger als ein zentrales Gestaltungselement und Motiv in Oberkoflers Werk. Er strukturiert Bildfläche und Raum, ist Gefängnis und Schutz, markiert das eigene Terrain und grenzt Lebensraum ein. Zugleich markiert der Zaun genau den ambivalenten Zustand – zwischen Schutz und Eingesperrtsein – der das Leben auf dem Land beherrscht. Im übertragenen Sinne steht er als Metapher für die Dichotomien eines angegriffenen Repräsentationssystems, in dem Gut und Böse, Tierisches und Menschliches, Körper und Geist eben nicht mehr so klar voneinander zu unterscheiden sind, seit aktuelle künstlerische Strategien seine Gültigkeit in Frage stellen. So versinnbildlicht er in den wunderschönen Zeichnungen von Gabriela Oberkofler mit dem Zwang immer auch die Möglichkeit des Überwindens. Es ist die Grenze zwischen Nähe und Distanz, zwischen uns und dem Anderen, zwischen Außen und Innen, zwischen Schutz und Freiheit. Wer sich zu weit nach draußen wagt, läuft Gefahr gefressen zu werden! Wer daheim bleibt, trägt den Zaun im Kopf.

Mit den Daheimbleibern kennt sich die Künstlerin aus: sie hat sie recherchiert, die Geschichte und Geschichten derer, die gezwungen wurden ihr Land zu verlassen, 1939, als Mussolini die Südtiroler loswerden wollte und Hitler sie großzügig zum Überlaufen ermunterte. Wer blieb, lebte ein Leben unter falschem Namen. Was blieb, waren Verdrängung und eine falsche Idylle, die in Oberkoflers Bildern wieder zum Vorschein kommt.

Vor diesem Hintergrund werden die Tiere zur Metapher für den Verlust der eigenen Identität: So wenig, wie sie hier in die Landschaft passen – die Katzen und Hunde, Schafe und Pferde, die eingesperrt, angebunden, den Zaun verinnerlicht oder gar ihren ganzen Körper eingebüßt haben – so wenig scheinen die Menschen bei sich zu sein an diesem idyllischen Ort, der seinerseits Projektionsfläche ist für die Städter und Skitouristen, die Reingschmeckten, die in der überwältigenden Natur des Hochgebirges einen Freizeitpark sehen, stets zu ihrem Vergnügen und ihrer Verfügung. Das Erhabene der Alpen, dem frühere Generationen mit Ehrfurcht begegneten, ist auf ein verträgliches Maß geschrumpft: man verkraftete den Anblick der Berge nicht / heute benutzt man sie als Turngerät.12 Bei Gabriela Oberkofler tauchen diese erhabenen Landschaften gar nicht mehr auf. Die Wiesen und Bäume stehen vereinzelt, vor weißem Grund – die Papierfläche bietet ihnen keinen Halt, ebenso wenig wie der Zaun, die Hütte oder das Feld. Ihre freistehende Position auf dem Papier betont die sie umgebende Leere umso mehr. Die Künstlerin setzt das ins Bild, was fehlt. Indem sie das Wichtigste weglässt, fordert sie uns auf, die Motive zu Ende zu denken: die Pferdebeine ohne den Körper, das Weizenfeld ohne Landschaft, die Wiese ohne Horizont, die Geranien ohne Blumenkästen, ohne Fenster, ohne Haus … Es sind Metaphern für den brutalen Umgang mit Geschichte, für radikale Lebenseinschnitte, Verlust und Schmerz. Die Dinge haben ihren Kontext verloren und damit ihre Identität, wie die Menschen, die in der wechselvollen Geschichte Südtirols hin- und hergerissen wurden durch politische Ereignisse, verordnete Zugehörigkeiten, fremde Sprache.

So scheint es, als stünden die Tiere in Oberkoflers Bildern wie der Fuchs am anderen Ufer mit aufgestellten Gehören, und musterten wachsam den Menschen13 in seiner Fremdheit, seiner Isolation und Ferne von der Natur.

1 J.M. Coetzee, Disgrace (London 1999) S. 74
2 Henning Ahrens, Lauf Jäger lauf (Frankfurt / M. 2002) S. 31
3 „Die kulturelle Verdrängung der Tiere ist natürlich ein komplexerer Prozess als ihre physische Verdrängung. Die Phantasietiere können nicht so leicht verjagt werden. Sprichwörter, Träume, Spiele, Geschichten, Aberglauben, die Sprache selbst, erinnern an sie: die sind nicht verjagt worden, statt dessen hat man sie anderen Kategorien zugeschrieben, so dass die Kategorie Tier ihre zentrale Bedeutung verloren hat.“ John Berger, Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens (Berlin 1990) S. 23
4 John Berger, a.a.O. S. 25
5 Vgl. Steve Baker, Picturing the Beast – Animals, Identity, and Representation (Urbana und Chicago 2001) S. xvii f.
6 „Das erste thematische Objekt für die Malerei war das Tier. Wahrscheinlich war die erste Farbe Tierblut. Und es ist nicht unsinnig anzunehmen, dass die erste Metapher das Tier war.“ John Berger, a.a.O., S. 16
7 Vgl. John Berger, a.a.O., S. 20
8 John Berger, a.a.O., S. 13
9 vgl. Walter Biemel, „Der Blick“, in: Ders., Sartre (Hamburg 1991) S. 43
10 John Berger, a.a.O., S. 14
11 Steve Baker, a.a.O., S. 216
12 Nina Bußmann, Ich kann diese Geschichte nicht mehr vergessen. Hörspiel 2013, siehe Katalogseite 58
13 Henning Ahrens, ebda.