Fiona Tan

Eine Auseinandersetzung mit dem Anderen, einem anderen Kontinent und der anderen Wahrnehmung von Zeit.

Die Tochter eines Chinesen und einer Australierin wurde 1966 in Indonesien geboren. Heute lebt und arbeitet sie in Amsterdam. Geburtsland und Wohnort sind ein wichtiger Hintergrund für die Arbeit der Künstlerin. Indonesien als ehemalige Kolonie Hollands und Amsterdam als die Hauptstadt des Kolonialen Reiches. Die Auswirkungen der Kolonialzeit und deren Aus-wirkungen auf die Gegenwart sind immer wieder ihre Themen. Dieses in der ihr eigenen Wahrnehmung und Auseinandersetzung. Sicher spielt ihre eigene „Verlorenheit zwischen den Welten“ eine nicht unbeträchtliche Rolle. Zu ihrer künstlerischen Methode fand sie über die vergilbten Dias der Großeltern, auf denen ihr Geburtshaus in Sumatra und Erinnerungen an Indonesien zu sehen waren.

Sie nutzt das Video (16mm Filme), um ihre eigene Identität zu untersuchen. Viele Projektio-nen erinnern an Fotografien, da sie dieselben Szenen wiederholt. Die Künstlerin kombiniert vorgefundenes, historisches Material aus der Kolonialzeit mit eigenen Filmen.

Sie steht den „one World“ Fantasien der Globalisierung sehr kritisch gegenüber. Die alten Bilder oder Filmszenen befragt sie durch unaufhörliche Wiederholungen und plötzliche Schnitte nach der Wahrheit. Die Videos, immer aus dem Blick des Betrachters, zeigen Filme von verschiedenen Ländern und ihrer besonderen Vergangenheit. Der Betrachter wird konfrontiert mit der Blickweise der Kolonial -Herren-.

Video „Tuareg“

Das Video zeigt langsame Szenen von Tuareg Kindern aus einem der Berberstämme in der westlichen Zentralsahara und Sahelzone. Auf den Bildern stehen hinten die größeren Kinder, die sich anrempeln und zanken, vorne die kleineren, brav und artig, fast wie Puppen. Die ur-sprünglichen Schwarz/Weiß-Aufnahmen sind mit weichzeichnenden Blau- und Brauntönen untermalt. Der alte Film bekommt durch die nachträglich eingespielten Geräusche – Wüsten-wind, ferne Töne – eine seltsame Aktualität. Stoppt das Bild für etwa ½ Sekunde erstarrt alles und wird leblos. Das gleiche Video läuft in zwei Räumen, im anderen Raum nur spiegelverkehrt. Der Betrach-ter bekommt die Illusion beim Raumwechsel, er könne durch die Wand sehen, ein Moment der Distanz vom „Anderen“ fremdartigen. Die Künstlerin ist „am Verhältnis des westlichen Betrachters zum Geschauten interessiert“. Dieses sieht sie als wichtigsten Aspekt ihrer Arbeit, nicht das Ethnologische im Hintergrund. Sie hat die sehr scheuen Tuareg Kinder nicht selbst gefilmt. Fiona Tan wurde angeregt zu dieser Arbeit durch Aufnahmen von 1930, welche sie in einem Archiv fand.

„Schrottautokino“ – Projekt „Außendienst“, 2000 in Hamburg

In 50 Autowracks mit funktionierenden Scheibenwischern konnten Besucher 4 Wochen im Hamburger Hafen klassische Filme auf zwei gegenüberliegenden Leinwänden gleichzeitig sehen. Den ersten Film sah man durch die Windschutzscheibe, den anderen im Rückspiegel. Im Auto konnte man mit einem Schalter den jeweiligen Ton einstellen. Die Installation aus zerstörten, zum Recycling bestimmten Wagen weist auf die Probleme des Individualverkehrs hin. Auch die von der Künstlerin ausgesuchten Filme beschäftigen sich mit der Geschichte des Verkehrs in Beziehung von Stadt und Reisen. Die gleichzeitig abgespielten Filme bilden oft ein Themenpaar z.b.: „Cyclo“ ein Film über den Fahrer eines vietnamesischen Fahrradta-xis, gegenüber der Film „Taxi Driver“ mit Robert de Niro als amerikanisches Gegenstück. Der Film „Psycho“ von 1969 von Alfred Hitchcock, gegenüber das Remake von 1998 von Gus van Sant. Ferner liefen Filme wie Jean Luc Godards „Weekend“ und Alfred Hitchcock’s „Vertigo“. Fiona Tan hat mit ihrer Arbeit die Situation des Autofahrens umgekehrt – die Au-tos stehen still, die Bilder bewegen sich.

In den Zeiten des Wirtschaftswunders war das Auto ein Statussymbol, man wurde mobiler. Dann kamen in den 50er und 60er Jahren die Autokinos, man saß in seinem eigenen Wagen, oft hatte diese Situation eine sinnliche Dimension. Heute kaum vorstellbar.

Die zwei Filmprojektionen schaffen eine nicht zu bewältigende Bilderflut, hinzu kommt der Anblick der Stadtkulisse und die an der Installation vorbeifahrenden Züge. Wie geht der Bet-rachter damit um? Durch die Fülle an Informationen und der Schwierigkeit der Auswahl wird das Imaginäre des Kinos aufgelöst, dadurch reflektiert der Betrachter und gewinnt Distanz.

„Sehen ist alles Andere als passiver Zeitvertreib.“ “ Bild ist meine Leidenschaft.“ „Kulturelle Authenzität existiert nicht!“ Zitate von F. Tan

Johanna Maria Huck-Schade – Juli-2002