Feministische Avantgarde der 1970er Jahre

13.03.2015 - 31.05.2015
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall , D-20095 Hamburg
http://www.hamburger-kunsthalle.de

Werke aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien

Mit Werken von insgesamt 34 Künstlerinnen präsentiert die Hamburger Kunsthalle in einer umfassenden
Ausstellung einen Überblick über die Anfänge der internationalen feministischen Kunstbewegung.
Anhand von mehr als 150 Arbeiten aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien zeigt die Ausstellung, wie
Künstlerinnen in den 1970er Jahren zum ersten Mal in der Kunstgeschichte kollektiv ein eigenes „Bild
der Frau“ kreieren, indem sie selbstbestimmt eine Vielzahl von weiblichen Identitäten entfalten: provokativ
und radikal, poetisch und ironisch. Erstmals war es den in den Kriegs- und Nachkriegsjahren geborenen
Künstlerinnen möglich in nennenswerter Zahl an Kunstakademien zu studieren und sich damit
von der Rolle der Muse und des Modells zu emanzipieren. Um die Pionierleistung der Künstlerinnen
hervorzuheben, hat die Kuratorin Gabriele Schor den Begriff der „Feministischen Avantgarde“ geprägt.
In ihren Werken stellen die Künstlerinnen radikal neue Fragen an die Gesellschaft und den Kunstbetrieb.
Vor dem Hintergrund von Bürgerrechts- und Frauenbewegung werden Anliegen von Frauen
erstmals öffentlich diskutiert; das Private wird politisch. Innerhalb kürzester Zeit beginnen Frauen sich
in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen, versammeln sich zu Aktionen, halten Demonstrationen ab
und organisieren eigene Ausstellungen. In ihren Werken gehen die Künstlerinnen der „Feministischen
Avantgarde“ der Frage nach, wie das traditionelle „Bild der Frau“ die Wahrnehmung der Frau sowie die
Konstituierung der eigenen Identität in unserer Gesellschaft bestimmt. Dabei stehen Themen wie eindimensionale
Rollenzuweisungen als Mutter, Haus- und Ehefrau, weibliche Sexualität, der eigene Körper,
Schönheit und Gewalt gegen Frauen im Fokus.
Die Künstlerinnen unterlaufen subversiv stereotype Rollenbilder. Martha Rosler (*1943) etwa überzeichnet
die Rolle der für Heim und Herd verantwortlichen Frau. Bei Birgit Jürgenssen (1949-2003)
wird die Küche sogar zum Kleidungsstück und ist unmittelbar mit der Frau verbunden. Es ist die Inszenierung
traditioneller Rollen, das Spiel mit der Kamera, die Maskerade und das Kostüm als Mittel der
Selbstdarstellung, mit denen die Künstlerinnen Vorstellungen von Identität und Weiblichkeit als gesellschaftliches
Konstrukt hinterfragen. Cindy Sherman (*1954), Hannah Wilke (1940-1993) und Martha
Wilson (*1947) nehmen für ihre Photographien verschiedenste Rollen ein, untersuchen alltägliche und
historische Klischees. Ähnlich Lynn Hershman-Leeson (*1941), die mit „Roberta Breitmore“ eine fiktive
Person kreierte und über Jahre hinweg als diese lebte. Rita Myers (*1947), Ewa Partum (*1945) und
Suzy Lake (*1947) befragen dagegen in ihren Arbeiten Ideale von Schönheit und Makellosigkeit.
Zahlreiche Künstlerinnen wenden sich ganz bewusst neuen, historisch unbelasteten Medien wie Photographie,
Film und Video zu, nutzen die Performance als künstlerisches Ausdrucksmittel. VALIE
EXPORT (*1940) etwa lud 1968 auf dem Münchner Stachus Passanten ein, ihr Tapp- und Tastkino zu
besuchen, was bedeutete, dass diese ihre Hände in einen Kasten stecken konnten, den die Künstlerin
vor ihrem nackten Oberkörper trug. Oftmals ist es der eigene Körper, der zum Material der Kunst wird,
dabei gehen einige Künstlerinnen bis an die Grenzen körperlicher Belastbarkeit, so etwa Ana Mendieta
(1948–1985) oder Gina Pane (1939–1990). Humorvoll und ironisch, subtil und provozierend dekonstruieren
die Künstlerinnen der „Feministischen Avantgarde“ die traditionelle Ikonographie des Weiblichen.
Während VALIE EXPORT, Cindy Sherman oder Martha Rosler einem breiten Publikum bekannt sind,
liegt das Besondere der Ausstellung in der Möglichkeit weitere bedeutende, bislang weniger bekannte
Vertreterinnen der „Feministischen Avantgarde“ zu entdecken.
Die SAMMLUNG VERBUND wurde 2004 in Wien von der VERBUND AG gegründet, Österreichs
führendem Stromerzeuger aus Wasserkraft. Die Ausrichtung der Sammlung liegt auf internationaler
zeitgenössischer Kunst von 1970 bis heute. Einen einzigartigen thematischen Sammlungsschwerpunkt
bildet die „Feministische Avantgarde der 1970er Jahre“, die lange Zeit von der Kunstgeschichte übersehen
wurde und in 10-jähriger Forschungsarbeit von der Sammlungsleiterin Gabriele Schor aufgearbeitet
wurde.

Beteiligte Küstlerinnen:

Helena Almeida (*1934, Portugal), Eleanor Antin (*1935, USA), Lynda
Benglis (*1941, USA), Renate Bertlmann (*1943, Österreich), Teresa Burga (*1935, Peru), Lili Dujourie
(*1941, Belgien), Mary Beth Edelson (*1933, USA), Renate Eisenegger (*1949, Deutschland), VALIE
EXPORT (*1940, Österreich), Esther Ferrer (*1937, Spanien), Lynn Hershman-Leeson (*1941, USA),
Alexis Hunter (1948–2014, Neuseeland, England), Sanja Iveković (*1949, Kroatien), Birgit Jürgenssen
(1949–2003, Österreich), Ketty La Rocca (1938–1976, Italien), Leslie Labowitz (*1946, USA), Suzanne
Lacy (*1945, USA), Suzy Lake (*1947, USA), Karin Mack (*1940, Österreich), Ana Mendieta
(1948–1985, Kuba/USA), Rita Myers (*1947, USA), ORLAN (*1947, Frankreich), Gina Pane (1939–
1990, Frankreich), Ewa Partum (*1945, Polen), Ulrike Rosenbach (*1943, Deutschland), Martha Rosler
(*1943, USA), Carolee Schneemann (*1939, USA), Cindy Sherman (*1954, USA), Penny Slinger
(*1947, England), Annegret Soltau (*1946, Deutschland), Hannah Wilke (1940–1993, USA), Martha
Wilson (*1947, USA), Francesca Woodman (1958–1981, USA), Nil Yalter (*1938, Ägypten/Frankreich).

Zur Ausstellung erscheint im Prestel Verlag ein rund 500 Seiten umfassender Katalog, der im
Museumsshop zum Preis von 39 Euro erhältlich ist und auch online unter www.freunde-derkunsthalle.
de bestellt werden kann.

Kuratorinnen:
Dr. Gabriele Schor, SAMMLUNG VERBUND, Wien und Merle Radtke, M. A., Hamburger Kunsthalle