Fareed Armaly – Künstler und Kurator

Biographie

1957 geboren in Iowa, als erstes, seiner Mitte der 50er aus Beirut emigrierten Eltern, in den USA geborenes Kind.

1987 Seit Ende der 80er Jahre lebt und arbeitet der Künstler in Europa – hauptsächlich in Deutschland

1988/89 Herausgeber für zwei Zeitschriften „Terminal Zone“ und „R.O.O.M.“, in denen er nicht nur Aufsätze über Kunst veröffentlicht, sondern auch ganz verschiedene kulturelle Themen aufgreift.

1994 Tätig als Kurator für die Eröffnungsausstellung des Generali Foundation-Gebäude in Wien. Sein Beitrag war die Einrichtung eines Projektbüros

1994 Ausstellungprojekt, eine Hamburger Version von „MIX“, als Teil der „temporary translations“Sammlung Schürmann in den Deichtorhallen.

1995 Projekt „Scale“ im Forum Stadtpark Prag

1995/96 Zusammen mit Ute Meta Bauer, Kurator für die Ausstellung „Now Here“ im Louisiana Museum of Art, Humlebaek.

1997 Ausstellungsprojekte „Parts“ im Kunstverein München (mit Publikation)

seit 1999 Leiter des Künstlerhauses Stuttgart

Als Gastprofessor unterrichtet er in den Fächern Kunst, Design und Medien an den Hochschulen: Hamburg, Grenoble, Maastrich und Pforzheim.

In vielen seinen Ausstellungen findet sich die Spiegelung der eigenen Situation wieder. Themen wie Identität und kulturelle Situationen stehen im Vordergrund. Die persönliche Perspektive ist nur ein Teilbereich seiner Arbeit. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit den verschiedenen Aussagen von Kulturprodukten.

Immer wieder ist er neben seiner künstlerischen Arbeit auch als Kurator tätig. So umkreist er die Kunstwelt und beleuchtet sie von allen Seiten.

„Placement“ 2001

(Drehbuch aus dem Projekt „Melrose Plays“ von Rainer Kirberg am Künstlerhaus Stuttgart mit Originalillustrationen von Stefan Albers) Spiralbildung, 29.7cm x 21 cm, Edition Twodo Collection, Aachen (Exemplar Schürmann)

1995 entwickelte der chinesisch-texanische Unidozent Mel Chin – anlässlich seiner Einladung zur Ausstellung „Uncommon Sense“ (1997), Kuratoren: Julie Lazar/ Tom Finkelpearl – im Museum of Contemporary Art in Los Angeles (MOCA) – ein künstlerisches Konzept, das darin bestand Produkte in der bekannten Fernsehserie „Melrose Place“ unterzubringen. Vorgabe war, Fernsehen zu einer Präsentationsfläche der anderen Art für Kunst zu machen. Es kamen in dieser bisher einmaligen gemeinsamen Arbeit zwischen Künstlern, Museum und Fernsehen 120 Ausstattungsstücke zusammen. Es entstanden anonym Objekte oft bekannter Künstler, teilweise mit herausfordernden Inhalten, oft direkte Kommentare auf die Medienwelt. Sicher ist, es war kein „Kunstquiz für Millionen“. Einige Beispiele, die zeigen, was tatsächlich hinter diesem kritischen product placement des „GALA Committee“(GA = Georgia Universitätsstudenten- und LA = Los Angeles-CalArts-Gruppe-Künstler-), einem Netzwerk von 102 Künstlern und Studenten, aus New York und Los Angeles, steckt.

In einer Fernseh-Folge bekam die schwangere Protagonistin Alison ein Mobile geschenkt, das fast aussieht wie eine Fernbedienung, Kriegsschiffe dienten der kubanische Zigarrenkiste als Scharniere. Ein abstraktes Gemälde zeigt das Fernsehverhalten von Jugendlichen, und das Kondome-Muster auf der Bettwäsche ist eine direkte Anspielungen auf Infektionskrankheiten und die Doppelmoral im amerikanischen Fernsehen. In der Serie gibt es eine Hobbymalerin, die gerne ins Museum geht und dabei vor einem „GALA“-Objekt steht, eine groteske Situation.

Die Ausstellungseröffnung von „Uncommon Sense“ (1997) im MOCA in der die Objekte und Installationen aus der Serie gezeigt wurden, war Teile einer Sendung. Ziel war die Zusammenführung der Realität aus der Kunst und der Fantasie der Fernsehserie.

Diese Fernsehintervention wurde mit einer Benefizauktion 1998 bei Sotheby in Beverly Hill beendet. Der Erlös ging an 2 Stiftungen zur Verbesserung der Ausbildung von Frauen in sozial kritischen Situationen. Die „Twodo Collection“ erwarb über fünfzig Objekte. Als Leihgabe erhielt der amerikanische Künstler und Leiter des Stuttgarter Künstlerhauses Fareed Armaly von „Twodo“ das dazu gehörige Objekt „Die Bar“.

Das Konzept von Mel Chin und dem „GALA Committee“ inspirierte den Künstler Armaly zu einem neuen Projekt. Er produzierte mit dem Regisseur Rainer Kirberg die Videoserie „Melrose Plays“. Thema ist das Alltagsleben in Deutschland. Von den „Twodos“ erwartete er Vorschläge für ein persönliches product placement, die er in seine Produktion einbezog. Das Video entstand am Künstlerhaus Stuttgart wo Shooters Bar von 1999 bis 2001 aufgestellt war. Das hat zu Folge, dass seine Arbeit die zweite Anschaffung der Sammlergemeinschaft sein wird.

Das Sammlerkollektiv „Twodo Collection“ wurde zusammen mit engagierten Mitgliedern und Freunden des Neuen Aachener Kunstverein (NAK) von dem Fotograf Wilhelm Schürmann gegründete. Damit hat er 1998 ein völlig neuartiges Finanzierungsmodell für den Kunstverein entwickelt.

Ein Kreis von 24 (twodo: two dozen) Privatpersonen schließt sich zusammen, jedes Mitglied verpflichtet sich, für mindestens drei Jahre, zu einer jährlichen Spende von 2500 Mark. Dieses Geld wird nicht nur für den Kunsterwerb investiert, sondern dient auch zur Finanzierung der Kunstvereinsleitung. Ist die Gruppe vollzählig, kann ein neues Mitglied erst geworben werden, wenn ein anderes aussteigt. Es geht weniger um die Ansammlung von Objekten als um eine Bewahrung von künstlerischen Ideen bzw. aktive Teilnahme an künstlerischen Strategien. Gemeinsam wird eine Arbeit ausgewählt – „unter der besonderen Berücksichtigung seiner kommunikativen und interaktiven Intention und seiner Zeichenhaftigkeit für neue künstlerische Modalitäten“ (Schürmann). Kunstwerke, die in amerikanischen Fernsehserie „Melrose Place“ platziert wurden, waren der gemeinsam angeschaffte Werkkomplex. Er wurde in der Ausstellung „Vorabendprogramm“im NAK vorgestellt.

„From/To“ 1999

„Der Stein ist das kleinste nicht- und fassbare Element des Erdbodens; der Bau eines Hauses beginnt mit der Grundsteinlegung; mit dem Grab-Stein wird das Ende eines Lebens besiegelt; der Stein kann aber auch der Verteidigung dienen und zum Wurfgeschoss werden. “ (Zitat: Puvogel in Kunstforum Band 145)

Für Armaly ist das Bild vom Stein Ausgangspunkt seiner Ausstellung über Geschichte, Leben und Identität der Palästinenser. Seit Jahren beschäftigt sich der in Amerika als Sohn palästinensisch-libanesischer Eltern geborene Künstler mit den Themen geschichtsbedingter Identitätsfindung. Armaly hat den Stein auch zum Grundmuster seiner Ausstellungsdramaturgie und -architektur gemacht. Ausgangspunkt war die Digitalisierung der Oberfläche eines Steins. Die so gewonnene Struktur wurde auf den Hallenboden übertragen und ergab ein begehbares Wegenetz. Auf dem Fußboden laufen, von Kreuzungspunkten bis zu den Wänden, aufgebrachte weiße Streifen strahlenförmig auseinander. Als erdfarbene Bahnen werden sie zum nächsten Stockwerk hochgeleitet, womit der gesamte Raum zusammengebunden wird. Wenn man die leeren Räume durchschreitet fühlt man sich in einen künstlichen Datenraum mit Computern und Monitoren versetzt. Wegebezeichnungen wie „From Gaza to Al-Karama Camp, From City Center Amman to Al-Hussein Camp“, der politischen Lage entsprechend gleichen einer Fiktion. Eine aktuelle Karte des israelisch-palästinensischen Gebietes zeigt, dass diese genannten Wege unpassierbar sind, und Umwege fast unmöglich. Die Ausstellung spiegelt ziemlich genau die wirklichen Verhältnisse, wo Telefon, TV und Computer die direkten zwischenmenschlichen Kontakte kompensieren müssen. Lehrreichen Instruktionen wie unterhaltsamem Material begleiten sehr anschaulich diesen Prozess.

Zur wissenschaftlichen Untermauerung jedes Themenbereiches hat Armaly Spezialisten hinzugezogen; Historiker, Soziologen, Anthropologen, Film- und Fernsehleute garantieren den angemessen Einsatz des jeweiligen Mediums und eine untermauerte Darstellung eines jeden Inhalts. Ein vielgestaltiges Poster zu jedem Bereich erleichtert den Einstieg.

Im Kinosaal kommt dem Video außerordentliche Bedeutung zu, weil die Tapes wesentlich dazu beitragen, eine Informations- und Wissenslücke über die Geschichte seit 1948 zu schließen. Man erfährt vieles über das Leben in den Camps, über die israelischen Siedler, den Friedensprozess, über Ausbildung, Kinderarbeit und Arbeitslosigkeit, ohne jede Polemik oder Parteinahme, korrekt dokumentiert und intensiv analysiert.

Am mitten im Raum aufgestellten Computer kann man per online wichtige Essays, Karten und Dokumente anklicken. Einen überraschenden und unerwarteten Einblick in die Geschichte und Selbstdarstellung der Palästinenser liefern zwei Photoarchive, u.a. mit historischen Fotos, eines in Jerusalem, das andere in Beirut.

Die Ausstellung ist in allen Bereichen von großem Interesse ohne dass Provokation oder gar Hass geschürt wurde. Sie lebt durch die Objektivität des „Informationsarchitekten“ Armaly

Diese Arbeit bildet den Ausgangspunkt für Armaly’s Documenta11 Thema „Checkpiont 2002“!!

Literatur

Kunstforum Band Nr. 124 (93) und 145 (99)
Kontext Kunst, Kunst der 90er Jahre, hrsg. von Peter Weibel, 1993
Artis Nr.12, 1995
www.haussite.net
www.withthis.net/from/to

Johanna Maria Huck-Schade – Juli-2002