Fairytale – Das Märchen ist zu Ende

Die letzte Gruppe der 1.001 Chinesen ist abgereist. Am Montag haben sie sich auf den Weg in ihre Heimat gemacht – nach Peking, Shanghai und in die Provinzen. Fairytale endet damit. Im Gepäck haben unsere chinesischen Gäste Fotos auf ihrem USB-Stick, Bilder und Eindrücke im Kopf und einige Mitbringsel für zu Hause.
Während sich auf dem Gelände der Gottschalkhallen Grüppchen von Abreisenden bilden und Berge von Koffern häufen, frühstückt Shuyu Chen, Architektin aus Peking, zum letzten Mal im provisorischen Versorgungszelt. Zu Hause will sie allen ihre „Wahrheit“ über Fairytale erzählen. Sie erinnert sich, dass sie viele Bilder von Westeuropa und Deutschland im Kopf hatte, als sie hier ankam. Obwohl sie zum ersten Mal nach Europa gereist ist, hat sie sich deshalb von Anfang an nicht als Fremde gefühlt. Und nun ist sie selbst ein Teil davon geworden, ist sie selbst auf diesen Bildern zu sehen. Jeden Tag hat sie lange Spaziergänge durch Kassel unternommen und dabei vor allem viele Bilder von der Stadt gemacht. Die sei sehr schön, freut sie sich, und beschreibt die Landschaft und die gastfreundlichen Menschen. Einige Leute haben sich bei ihr z.B. für das schlechte Wetter entschuldigt. Der größte Unterschied zu ihrer Heimat sei der Augenkontakt auf der Straße, den man in China nicht habe. Hier hat sie den Augenkontakt gesucht und genossen. Auf die Frage, was das Kunstprojekt für sie bewirkt hat, antwortet sie: „Vielleicht ist Fairytale die Grenze, die ich zwischen den Kulturen überschritten habe.“ Darüber hinaus hat die Architektin natürlich die Ausstellung besucht: „Ich habe die documenta 12 als ein Medium benutzt, um auf mich selbst zu schauen und auf den Weg, den ich gehen werde.“
„Das ist wirklich wie ein Märchen!“, schwärmt Yue Luan. Sie steht mitten auf dem Hof in einem bodenlangen, hellblauen Kleid und scheint von den Vorbereitungen zur Abreise noch unbeeindruckt. Lieber erzählt sie begeistert von den Eindrücken der letzten Tage. Wie eine Schauspielerin in einem Märchen habe sie sich in Fairytale gefühlt. Und dass sie bei einer Performance auf dem Friedrichsplatz in traditionellem chinesischen Kleid getanzt habe. Wenn sie zu Hause zurück ist, will sie ihrer Mutter und Großmutter davon erzählen. „Ich war wirklich eine Prinzessin!“, schwärmt Yue Luan, „Alle Leute haben ein Foto von mir gemacht!“ Europa erscheint ihr sympathischer, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Leute seien so freundlich, grüßen schon von Weitem.
Xuan Lei und Li Danfeng dagegen sind schon zur Abreise bereit. Neben ihrem Gepäck warten sie auf einer Treppe bei der Ausfahrt. Beide sind schon öfter in Deutschland und Europa unterwegs gewesen, weshalb ihnen Fairytale nicht ganz wie ein Märchen erscheint. Das Projekt jedoch sei etwas ganz Besonderes und für die documenta richtungsweisend, glaubt Xuan Lei. Die beiden Männer sind stolz, dass sie teilnehmen durften. Ein jeder würde die Stadt Kassel und die documenta 12 nur noch mit diesem Projekt verbinden, ist er sich sicher. Nach den kulturellen Unterschieden gefragt, denken sie sofort an die deutsche Küche. Das Essen hat ihnen nicht geschmeckt. Zum Abschied möchte Xuan Lei den Kasselern noch einmal Danke sagen – für die vielen Fahrräder, die sie bereitgestellt haben.
Li Gui Fen aus Ji Nan war zum ersten Mal in Deutschland. Aber die Zeit war viel zu kurz. Sie will unbedingt wiederkommen. Wenn sie zurück ist, wird sie ihren Kindern ihre Erlebnisse ganz langsam wie eine Geschichte erzählen. Denn sie hat Fairytale tatsächlich gleich einem Märchen erlebt und jede Nacht einen märchenhaften Traum gehabt, erzählt sie. Und sie hat eine Vision: In zehn Jahren könnten ihre Kinder hier an der Universität studieren. Ihnen nimmt sie ein Fernglas mit nach Hause. Stark beeindruckt hat Li Gui Fen eine kleine Kirche in Hann. Münden, die sie bei einem Ausflug dorthin besichtigt hat. Begeistert ist sie außerdem, wie viele ihrer Landsleute, von der Sauberkeit in den deutschen Städten. Diese Botschaft nimmt sie mit nach China: „Schützt die Natur!“, ruft sie aus und lacht zuversichtlich.
Während Ai Weiwei die letzten Fotos mit einer kleinen Digitalkamera schießt, bildet sich eine Reihe lachender junger Chinesen hinter identischen Koffern. Wen Sheng Dong (selbst Künstler) und Hai Qiang Fang scheinen sehr glücklich. Fairytale sei ein interessantes und wichtiges Projekt der documenta 12, erzählen sie. Es zeige die documenta aus einer vollkommen neuen Perspektive, da sich die Art des Kunstwerks so stark von bisherigen unterscheide, sind sie überzeugt. Wenngleich vor allem die Medien auf das Projekt fokussiert sind, handele es sich beim Einzelnen jedoch auch um ein sehr emotionales Erlebnis. Vor der Reise nach Kassel habe er geglaubt, Deutsche und Chinesen seien sehr verschieden, erzählt Hai Qiang Fang und die Deutschen eine sehr geschlossene Gesellschaft. Aber die Reise hat neue Eindrücke gebracht: Hai Qiang Fang hat viel Gemeinsamkeiten entdeckt, auch bezüglich der Art „wie wir denken“, sagt er. Ein Märchen sei allein die Tatsache, wie sie herkommen durften, da es für Chinesen sehr schwer ist, Visa zu bekommen, um nach Deutschland zu reisen. Und einige Absonderlichkeiten moniert er dann doch: deutschen Tee, Brot und dass alle so groß seien. Dann müssen sie los.
Gefragt, ob er ein wenig wehmütig sei, jetzt wo alle abgereist sind, antwortet Ai Weiwei: „Nein, alle sind noch hier – in der Erinnerung.“

Quelle:documenta12

Johanna Maria Huck-Schade