ERNST BARLACH

03.06.2016 - 23.07.2016
Galerie Thomas
Türkenstr.16, München
http://www.galerie-thomas.de

Der künstlerische Werdegang des 1870 geborenen Dramatikers, Malers und
Bildhauers Ernst Barlach war geprägt vom Ringen um die reine Form, die in ihrer
Äußerlichkeit die Innerlichkeit des Menschen zum Ausdruck bringt. Die Aufhebung
dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit beschäftigte den Künstler viele Jahre und
führte ihn über den Jugendstil und die Unverbindlichkeit des Ornamentalen erst
mit 36 Jahren zu seiner spezifischen, erdgebundenen Auffassung von Skulptur und
Plastik.
Einer „Schule“ schloß sich Ernst Barlach nie an und auch seine
Studienaufenthalte in Paris führten ihn nicht zum Ziel. Der
Expressionismus mit seiner konzentrierten Sicht auf den
Menschen entsprach ihm am ehesten, doch dieses Empfinden
konnte er zunächst nicht künstlerisch umsetzen. Erst eine
Rußlandreise im Jahr 1906, die er gemeinsam mit seinem
Bruder unternahm, wurde zu seinem Schlüsselerlebnis. Ähnlich
wie die Künstler der Brücke, die die „primitive“ Kunst für sich
entdeckten, erfuhr Barlach in Rußland die unverstellte
Wahrhaftigkeit des dortigen einfachen Lebens als Inspiration
für seine künstlerische Arbeit und in
der plastischen Umsetzung von
Seelenzuständen fand er zu seiner
genuinen Ausdruckskraft.
Die mannigfaltigen, auf dieser Reise
entstandenen Skizzen führten im
heimischen Atelier zu einer Reihe plastischer Figuren: Die vom Leben
benachteiligten, einfachen und Gott zugewandten Menschen wie
Bettler, Pilger, Bauern, Seher, Alte, Mütter und Mönche wurden
Barlachs bevorzugte Themen. In ihnen erkannte er eine Innerlichkeit,
die er als darstellungswürdig empfand, bar jedes leeren Pathos.

Barlach hüllte seine Figuren in schwere Stoffe, obwohl er die
Anatomie des nackten menschlichen Körpers auswendig kannte.
Dies hat dem Künstler oft den Vergleich mit gotischen
Gewandfiguren eingebracht, auch in Abgrenzung einer antiken,
südländisch verstandenen Nacktheit. Doch während in der Gotik
das skulpturale Gewand bisweilen ein Eigenleben führt und
Körperlichkeit negiert, macht Barlach eben jene ausschließlich
durch das Gewand sichtbar. Bewegtheit und Masse sind bei
Barlach keine Widersprüche. Die äußere, geschlossene Form
wird auf Wesentliches reduziert und in ihrer verinnerlichten
Weltabgewandtheit transportieren seine Figuren Seelenzustände
aller Dimensionen des Empfindens, die der vielseitige Künstler in
verschiedenen Materialien virtuos zum Ausdruck bringen konnte
und dafür Holz, Stein, Klinkermasse und Bronze gleichermaßen
bearbeitete.
Von den Nationalsozialisten verfemt, verteidigte er seine Kunst
vehement gegen deren Gewaltherrschaft und mußte zu
Lebzeiten die Demontage seines Werkes hinnehmen. Seine
Rehabilitierung konnte der 1938 gestorbene Ernst Barlach
nicht mehr erleben.
Doch die Rezeption des stark in Norddeutschland verorteten
Künstlers ist zunehmend europäisch geworden und die
Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten seines Werks
platziert Ernst Barlach unter den bedeutendsten Bildhauern
des deutschen Expressionismus und weist ihm seinen Platz
unter den herausragendsten Künstlerpersönlichkeiten des
20. Jahrhunderts zu.