Erbe der Ulmer Hochschule für Gestaltung steht auf dem Spiel

Erbe der Ulmer Hochschule für Gestaltung steht auf dem Spiel
Offener Brief an Ministerpräsident Mappus und den Landtag von Baden-Württemberg
Das Erbe der weltberühmten Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm steht auf dem Spiel.
Ein prominenter Kreis von Absolventen, Designern, Wissenschaftlern und Künstlern – unter ihnen
eine Vielzahl ehemaliger Dozenten und Absolventen – hat sich in einem offenen Brief an den baden-
württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus und den Stuttgarter Landtag gewandt,
um auf den Verlust jeglichen inhaltlichen Profils der privaten Stiftung HfG Ulm, den Einfluss
privater Interessen ihrer Funktionsträger und die bauliche Entstellung im Rahmen zur Zeit
stattfindender Sanierungs- und Umbaumaßnahmen aufmerksam zu machen. Die Unterzeichner
des von der Stiftung Bauhaus Dessau initiierten Briefes halten eine grundlegende institutionelle
Änderung und ein stärkeres Engagement des Landes Baden-Württemberg für unverzichtbar, um
dem kulturellen Erbe gerecht zu werden. Die Hochschule hat nicht nur einen zentralen Beitrag
zur Designgeschichte im 20. Jahrhundert geleistet, der dem Stellenwert des Bauhauses kaum
nachsteht. Gegründet von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Max Bill ist sie auch ein Vermächtnis
in Erinnerung an die Geschwister Scholl und der Neugründung einer demokratischen Gesellschaft
in Westdeutschland nach 1945.

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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,


sehr geehrte Mitglieder des Landtages von Baden-Württemberg,
das Erbe der weltberühmten Ulmer Hochschule für Gestaltung steht auf dem Spiel. Die Schule
war 1953 von Inge Aicher Scholl (Schwester von Sophie und Hans Scholl), ihrem Ehemann Otl
Aicher und dem Bauhausschüler Max Bill gegründet worden und bestand bis 1968. Sie gilt international
als die bedeutendste Design-Hochschule nach dem Bauhaus. Mit dem letzte Woche
erfolgten Rücktritt der Intendantin und der unabhängigen Mitglieder des Fachbeirats des Internationalen
Forums für Gestaltung IFG Ulm, dem unter anderem die renommierten Theoretiker und
Designer Rudi Baur, Regula Staempfli und Rene Spitz angehörten, hat sich die schon seit Jahren
schwelende Krise um die Pflege des Erbes der HfG Ulm drastisch zugespitzt. Das IFG Ulm ist für
die inhaltliche Arbeit der HfG Stiftung zuständig.
Bereits im Jahre 1986 hatten Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher der Stiftung, welcher das Gebäude
der ehemaligen HfG Ulm gehört, die Nutzung des Namen der Geschwister Scholl entzogen,
weil ein inhaltliches Profil nicht mehr erkennbar war und die Stiftung offenkundig nur immobilienwirtschaftliche
Ziele verfolgte. Gleichwohl tritt die „Stiftung Hochschule für Gestaltung“
heute mehr denn je mit dem Anspruch auf, das Erbe der HfG Ulm zu bewahren und fortzusetzen
und hat sich erst kürzlich mehrere Marken mit Bezug auf die HfG Ulm rechtlich gesichert. De
facto verfolgt sie aber keine inhaltlichen Ziele, die dem Erbe in irgendeiner Weise gerecht werden,
sondern will das Erbe nutzen, um kommerzielle Mieter für ihre zwischenzeitlich als „Design-
Park“ gebrandete Mietflächen anzulocken. Auf der Website heißt es unter dem Stichwort
„Standort und Marke“: „Darüber hinaus bietet die Möglichkeit der Nutzung der Systemmarke
HfG Ulm den Mietern eine weltweit anerkannte Corporate Identity-Basis, die für jede einzelne
Firma auf dem Campus einen Mehrwert an sich darstellt und der sich durch gemeinsame Marketingmaßnahmen
noch potenzieren lässt. Diese Markenstrategie der Stiftung HfG Ulm stellt
einen zusätzlichen Ertragsmehrwert dar.“
Die private Stiftung ist der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig, der Verbleib von jahrzehntelangen
Mieteinnahmen ist Außenstehenden unbekannt. Einige der Stiftungsratsmitglieder haben
private Interessen. Sie bzw. ihre unmittelbaren Familienangehörigen unterhalten Miet- und
Geschäftsbeziehungen zu dieser bzw. streben solche an. Zugleich hat die Stadt Ulm nicht versucht,
mittels Fördermittel die Sanierung der Flächen für das HfG Ulm Archiv selber durchzuführen,
was mit dem Abschluss eines langfristigen Pachtvertrages möglich gewesen wäre, sondern
zahlt einen sehr hohen Mietzins für eine Fläche, die für das Archiv viel zu klein ist.
Mit dem Rücktritt der Intendantin und der Mitglieder des Fachbeirates der IFG Ulm GmbH hat
die Stiftung Hochschule für Gestaltung nunmehr ihrer letzte verbliebene Legitimation verloren,
das Erbe der HfG Ulm zu pflegen. Die IFG Ulm GmbH ist eine Tochtergesellschaft der HfG Ulm-
Stiftung und ihr inhaltliches Feigenblatt, welches auch die Gemeinnützigkeit der Stiftung garantiert.
Zentrale Gründe für den Rücktritt waren fehlende Transparenz und Interessenskollisionen
bei der Stiftung HfG Ulm, fehlende inhaltliche Autonomie für die IFG Ulm, fehlende Einbindung in
die Stiftung und die Intransparenz des HfG Geschäftsgebarens, repräsentiert durch den Ge26.
November 2010 Join us on www.facebook.com/bauhausdessau
schäftsführer der IFG, der gleichzeitig auch Geschäftsführer der Stiftung ist. Zuvor war die Stiftung
bereits von einer Vielzahl von Absolventen der HfG Ulm für ihren profillosen und verwertungsorientiertem
Umgang mit dem Erbe der HfG Ulm scharf kritisiert worden.
Der Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau hatte bereits letztes Jahr die Stiftung aufgefordert,
eine Verständigung mit den ehemaligen Dozenten und Absolventen der HfG Ulm zu finden und
auf eine Nutzung von Marken mit dem Namen der HfG Ulm für die Vermietungszwecke der Stiftung
zu verzichten. Die inzwischen begonnenen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen am Gebäude
der HfG Ulm haben große Besorgnis wegen ihrer ungenügenden Berücksichtigung denkmalpflegerischer
Belange ausgelöst.
Um mehr als vierzig Jahre nach der Schließung der berühmten Hochschule eine adäquate Bewahrung
und Pflege zu garantieren, schlagen die Unterzeichnenden folgende Änderungen vor:
• Die Übertragung der Markenrechte und des Eigentums an Archivgut an das HfG Ulm Archiv
der Stadt Ulm
• Eine angemessene Förderung des HfG Ulm Archivs und eine stärkere finanzielle und personelle
Unterstützung durch die Stadt Ulm und das Land Baden-Württemberg
• Die Erweiterung der für das Archiv vorgesehenen Flächen im Gebäude der ehemaligen HfG,
um Sammlungsausbau und angemessene Ausstellungen zu ermöglichen
• Durch eine langfristige bzw. dauerhafte Überlassung dieser Flächen die Voraussetzung zu
schaffen, dass die Stadt Fördermitteln für deren Sanierung akquirieren kann.
• Die Einbeziehung international anerkannter und unabhängiger Denkmalpfleger bei Sanierung
und Umbau des Gebäudes
• Den Übergang des Eigentums an den Bauten der HfG Ulm auf eine öffentliche Stiftung getragen
von Stadt und Land unter Gewährung der Trennung von Amt und privatwirtschaftlichen
Beziehungen und die internationale Besetzung der Gremien
Die Hochschule für Gestaltung Ulm gehört zum zentralen kulturellen Erbe Deutschlands im 20.
Jahrhundert. Die gestalterische und gesellschaftliche Bedeutung dieser Institution ist dem historischen
Bauhaus nahezu ebenbürtig und mit diesem Erbe in mehrfacher Weise verknüpft. Die
Wahrung ihres Erbes ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die nicht den Profilierungsbedürfnissen
und Verwertungsinteressen lokaler Unternehmer und Politiker überlassen werden darf.
Die Pflege des Erbes der HfG Ulm muss ihrem unabhängigen emanzipatorisch-aufklärerischen
und forschendem Geist verpflichtet bleiben. Dem Archiv kommt hierbei ein zentraler Stellenwert
zu. Die Absolventen und Dozenten der Hochschule sind in die Pflege des Erbes angemessen
einzubeziehen.
Unterzeichner
Stand 26. November 2010
Florian Aicher, Architekt, Rotis
Prof. Claudia von Alemann, Absolventin der HfG Ulm, Filmregisseurin, Köln/Havanna
Prof. Rudi Baur, zurückgetretenes Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, Zürich
Dr. Jakob Bill, Präsident der Bill-Stiftung, Archäologe und Kunsthistoriker, Adligenswil, Schweiz
Prof. Gui Bonsiepe, Absolvent und ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Florianópolis (Brasilien), La
Plata/Buenos Aires
Fritz-Jürgen Böttcher, Absolvent HfG und IUP Ulm, Dipl.-Ing. Architekt und
Stadtplaner, Essen
Dr. Monika Buch, ehemalige Studentin der HfG Ulm, Künstlerin, Utrecht
Prof. Bernhard Bürdeck, Absolvent der HfG Ulm, Dozent an der Universität Frankfurt, Obertshausen
Prof. em. Reinhart Butter, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Ohio, USA
Michael Conrad, Absolvent der HfG Ulm, Produktdesigner, Ostfildern
Susanne Curdes, Absolventin der HfG Ulm, Aachen
Prof. Gerhard Curdes, Absolvent der HfG Ulm, Stadtplaner, Aachen
Roel Daru, Absolvent HfG Ulm, Design Morphologe, Amsterdam
Myriam Daru-Schoemann, Absolventin Ulm, Design Research, Amsterdam
Christopher Dell, ehemaliges Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, Musiker und Komponist, Berlin
Peter Disch, Absolvent der HfG Ulm, Architekt, Novaggio Ticino (Schweiz)
Eberhard Ebner, Verleger, Ulm
Prof. Manfred Eisenbeis, Absolvent der HfG Ulm, Köln/Paris
Florian Fischer, ehemaliger Student der HfG Ulm, Kommunikations-Berater, Berlin
Bernd Franck, ehemaliger Student der HfG Ulm, Grafikdesigner, Düsseldorf
Leonhard Fünfschilling, Absolvent der HfG Ulm, Architekt, Zürich
Prof. Roland Fürst, Absolvent und technischer Lehrer der HfG Ulm, Heidelberg
Max Graf, Absolvent der HfG Ulm, Architekt BSA, St. Gallen (Schweiz)
Guus Gugelot, Designer, Hamburg
Marcel Herbst, Absolvent der HfG Ulm, Architekt und Berater, Zürich
Prof. Martin Hess, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Düsseldorf
Prof. Thilo Hilpert, Architekturhistoriker, Wiesbaden
Armin Höllwarth, ehemaliger Vorsitzender des Club Off Ulm
Prof. Günther Hörmann, Absolvent der HfG Ulm, Filmregisseur, Ulm
Oliver Jahn, stellvertretender Chefredakteur AD, Berlin
Alfred Jungraithmayr, Absolvent der HfG Ulm, Filmemacher, Frankfurt am Main
Prof. Michael Klar, Absolvent und ehemaliger Assistent der HfG Ulm, visueller Gestalter, Berlin
Prof. Alexander Kluge, ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Filmregisseur, München
Prof. Bernd Kniess, ehemaliges Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, Hamburg
Prof. em. Klaus Krippendorff, Absolvent der HfG Ulm, Kybernetiker, Philadelphia (USA)
Dr. Nikolaus Kuhnert, Herausgeber archplus, Berlin
Prof. Hans-Jürgen Lannoch, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Linkenheim/Nizza
Prof. em. Herbert Lindinger, Absolvent und ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Industriedesigner,
Hannover
Prof. Klaus K. Loenhart, ehemaliges Mitglied Fachbeirat des IFG Ulm, München/Graz
Prof. em. Joachim Krausse, Designtheoretiker, Dessau/ Berlin
Prof. em. Tomás Maldonado, ehemaliger Dozent und Rektor der HfG Ulm, Künstler, Designer und
Theoretiker, Mailand
Thomas Mauch, ehemaliger Dozent an der HfG Ulm, Filmregisseur, Kameramann, Berlin
Dr. Daniel P. Meister, Absolvent der HfG Ulm, Abteilung Bauen, Architekt und Stadtplaner, Ulm
Bertus Mulder, ehemaliger Student der HfG Ulm, Architekt, Utrecht
Rolf Müller, ehemaliger Student der HfG, visueller Gestalter, München
Walter Müller, Absolvent der HfG Ulm, Grafik-Designer, Frankfurt am Main
Gerda Müller-Krauspe, Absolventin der HfG Ulm, Produktgestalterin, Frankfurt am Main
Prof. em. Mario Forné Munné, ehemaliger Studierender der HfG Ulm, Architekt, Argentinien
Alexander Neumeister, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, München
Prof. Philipp Oswalt, Direktor Stiftung Bauhaus Dessau
Renate Pfromm, ehemalige Studentin der HfG Ulm, Stadtplanerin, Kassel
Prof. em. Dieter Raffler, Absolvent der HfG Ulm, Dessau/Ulm
Prof. Dr. Edgar Reitz, ehemaliger Dozent der HfG Ulm, Filmregisseur, München
Prof. em. Hans (Nick) Roehricht, Absolvent und ehemaliger Assistent der HfG Ulm, Gestalter, Ulm
Prof. em. Arthur Rüegg, Architekt, Zürich
Prof. Dr. h.c. Erik Spiekermann, Gestalter und Typograph, Berlin
Dr. René Spitz, ehemaliger Intendant des IFG, Ulm, Köln
Prof. Lothar Spree, Absolvent der HfG Ulm, Mediendesigner, Weimar/ Shanghai
Prof. Regula Stämpfli, zurückgetretene Intendantin des IFG Ulm, Brüssel
Fritz Stuber, Absolvent der HfG, Architekt und Stadtplaner, Zürich
Jörg Stumpf, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner, Wernau
Nicholas Fox Weber (PhD), Direktor der Josef und Anni Albers Foundation, Bethany USA
Prof. Ann Wolff, Absolventin der HfG Ulm, Designerin, Visby, Schweden
Alexandre Wollner, Absolvent de HfG, Grafiker, São Paulo, Brasilien
Shizuko Yoshikawa, Absolventin der HfG Ulm, Künstlerin, Unterengstringen bei Zürich
Dr. Roland Zaugg, Absolvent der HfG, Stadtplaner, Basel
Werner Zemp, Absolvent der HfG Ulm, Industriedesigner/Künstler, Zürich

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