ELLA BERGMANN-MICHEL UND ROBERT MICHEL

26.05.2018 - 02.09.2018
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz, Hannover
http://www.sprengel-museum.de

Ein Künstlerpaar der Moderne

Das überaus experimentierfreudige und unverwechselbare Künstlerehepaar Ella Bergmann-Michel (Paderborn 1895 – 1971 Vockenhausen) und Robert Michel (Vockenhausen 1897 – 1983 Titisee-Neustadt), das fern der Kunstzentren in den Metropolen auf der »Schmelzmühle« im Taunus lebte und arbeitete, wird im Sprengel Museum Hannover mit einer großen Retrospektive gewürdigt. Sie waren Teil der künstlerischen Avantgarde der Weimarer Zeit und wurden bereits früh als »Pioniere der Bildcollage« gefeiert. Doch darüber hinaus waren sie in vielen anderen Medien – von Zeichnung, Reklame, Typografie und Fotografie bis zu Architektur und Film – zuhause. Angelehnt an dadaistische und konstruktive Tendenzen versuchten Ella Bergmann-Michel und Robert Michel, auf jeweils individuelle Art und Weise, in ihren Werken Kunst, Technik und Natur miteinander zu vereinen.
Ihr künstlerisches Schaffen umspannt nahezu fünf Jahrzehnte, denn auch in der Nachkriegszeit bis Ende der 1960er-Jahre waren beide noch sehr kreativ in ihren Schöpfungen. Sie nehmen ihre Arbeit mit der expressionistischen und dadaistischen Umbruchphase während des Ersten Weltkriegs auf, entscheidende Impulse erfährt ihr Werk durch den Zusammenbruch der imperialen Welt. Als ehemaliger Pilot begeisterte sich Robert Michel wie viele seiner Zeitgenossen für die technische Welt, ihre Maschinen, Zahnräder, Kolbenmotoren und Konstruktionszeichnungen, und integriert sie in seine Collagen und Zeichnungen. Er verstand sich als Künstleringenieur mit einem ausgeprägten Sinn für dadaistischen Humor. Ella Bergmann-Michel teilte sein Interesse an Naturwissenschaft und Technik, hatte jedoch eine eher romantische Beziehung zur Natur. In ihren frühen Collagen und Zeichnungen der 1920er-Jahre kombiniert sie häufig Tiere wie Fische, Vögel und Insekten mit technischen Konstruktionselementen zu organischen, surrealen Maschinenwesen. Oder sie verwendet Partien aus technischen Lehrbüchern in ihren späteren konstruktiven Collagen, um die rationale Modernität der neuen Zeit zu reflektieren.
Das Künstlerpaar lernte sich 1917 während des Studiums an der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar in der Zeichenklasse kennen. Beide gehörten zum künstlerischen Zirkel um den Sturm-Künstler Johannes Molzahn und erlebten die Aufbruchsstimmung während der Gründung des Bauhauses. 1920 erfolgte der Umzug der Familie in das elterliche Haus, die »Schmelzmühle« in Vockenhausen im Taunus, das bis zuletzt ihr Wohnsitz bleiben sollte. Zu Beginn der 1920er-Jahre hatten sie die ersten Ausstellungen u. a. in der Galerie von Garvens in Hannover sowie in Leipzig, Wiesbaden, Köln und Berlin. Seit 1921 war das Paar eng mit Kurt Schwitters befreundet, man besuchte sich gegenseitig und unternahm gemeinsame Reisen, z. B. 1927 nach Holland, wo sie Kontakte zu Mart Stam, Hannah Höch, Piet Zwart aufbauten. Durch Schwitters` Vermittlung waren sie auch an den Wanderausstellungen der Société Anonyme durch die USA beteiligt.
Ab Mitte der 1920er-Jahre beschäftigte sich Robert Michel verstärkt mit Architektur, Leuchtreklame, Typografie und Werbung. 1927 entwickelten er und Schwitters auf der »Schmelzmühle« die Interessengemeinschaft »ring neuer werbegestalter«, die offiziell 1928 gegründet wurde, u. a. mit Jan Tschichold, Willi Baumeister und Walter Dexel als Mitgliedern. Das Künstlerpaar war ab 1928 auch engagiert im Bund »das neue frankfurt«. Ella Bergmann-Michel begann ab 1927 mit Fotografie und Film zu experimentieren und betrieb ein eigenes Atelier in Frankfurt für Werbegrafik und Reklamefotografie. Gemeinsam mit Paul Seligmann leitete sie ab 1930 die Arbeitsgemeinschaft »Liga für den unabhängigen Film«.
Während der nationalsozialistischen Zeit und des Zweiten Weltkriegs reduzierten beide ihre künstlerischen Aktivitäten, Robert Michel beschäftigte sich bis in die 1950er-Jahre intensiv mit Fischzucht und Naturschutz, erst 1954 nahm er seine künstlerische Arbeit mit Zeichnungen und Collagen wieder auf. Ella Bergmann-Michel arbeitete vor allem zeichnerisch weiter, durchaus in kritischer Auseinandersetzung mit der »dunklen Zeit«. In der Nachkriegszeit wurden beide wiederentdeckt, und es folgten zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Großbritannien und den USA.
In umfangreichen Retrospektiven wurde Robert Michel 1988/89 im Sprengel Museum Hannover, im Badischen Kunstverein Karlsruhe und im Frankfurter Kunstverein gezeigt. Eine Präsentation seines Vorkriegsoeuvres fand zuletzt 2014 in der Städtischen Galerie in Paderborn statt. Ella Bergmann-Michel wurde zuletzt 1990 retrospektiv gewürdigt, 2005/06 fand eine Ausstellung ihrer Fotografien und Filmarbeiten im Museum Folkwang, Essen, im Sprengel Museum Hannover und im Historischen Museum Frankfurt am Main statt.
Erstmals werden in dieser Ausstellung Künstlerin und Künstler gemeinsam gezeigt und mit der gesamten Bandbreite ihres Schaffens einander gegenübergestellt.
Der künstlerische Nachlass von Ella Bergmann-Michel und Robert Michel mit insgesamt weit über 2.000 Collagen, Zeichnungen, Skizzen, Entwürfen für Reklame und Typografie befindet sich seit 1988 als Dauerleihgabe im Sprengel Museum Hannover. 1988 wurde als Schenkung der Familie der dokumentarische Nachlass als Archiv Robert Michel/Ella Bergmann-Michel dem Sprengel Museum Hannover übereignet.
Dieser bemerkenswert umfangreiche Fundus bildet die Grundlage für die Ausstellung, bereichert um gezielte Leihgaben aus Paris und Paderborn und ergänzt um gewidmete Werke von Freunden und Weggefährten wie Johannes Molzahn und Kurt Schwitters. Präsentiert werden nahezu 200 Werke aus allen Schaffensperioden und Medien, u. a. Collagen, Zeichnungen, Druckgrafik, Reklameentwürfe, Typografie, Architekturentwürfe, Fotografien und Film. Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und stellt jeweils die Werke von Ella Bergmann-Michel und Robert Michel gegenüber.
Die Ausstellung findet in der Wechselausstellung des Sprengel Museum Hannover statt.
In der Blue Box werden die sozialkritischen Dokumentarfilme der 1930er-Jahre von Ella Bergmann-Michel gezeigt.
Das Sprengel Museum Hannover plant gemeinsam mit der Familie, diesen überaus bedeutenden Nachlass als Zustiftung oder Schenkung endgültig in das Museum zu überführen, um ihn auch weiterhin der musealen Präsentation und Forschung zugänglich zu machen.
Es erscheint ein Katalog im Snoeck Verlag mit 176 Seiten, 215 Farbabbildungen und Texten von Dörte Wiegand, Karin Orchard, Megan R. Luke, Lisa Felicitas Mattheis, Sünke Michel und Philipp Michel, herausgegeben von Karin Orchard. Preis: 29 EUR
Kuratorin: Dr. Karin Orchard