EinStein und ein Steinkreis

EinStein und ein Steinkreis

Was sagt uns Albert Einstein? Im Einsteinjahr eine ganze Menge. Manches davon wollen wir gar nicht wissen. Vieles aber verblüfft angenehm. Der prominente Denker bekennt zum Beispiel auffallend oft sein Nichtwissen, seine Zweifel, seine Fragen. Er belehrt selten. Leider können wir ihn nicht mehr befragen – das heißt wir konnten nicht. Nun antwortet er nämlich wieder – und zwar digital und online, also im Internet. Verholfen hat ihm dazu die Berliner Künstlerin Ortrun Blase. Die Antwort-Adresse: das EinStein-Orakel.

Orakel? So kennen wir Einstein nicht. Trotz seiner nicht gerade allgemein verständlichen Arbeiten ist uns der Wissenschaftler nicht als kryptischer Hermetiker bekannt, eher als gradliniges Original, das die Dinge auf den Punkt zu bringen versteht. Er steht heute in einem Licht, das vieles einfacher erscheinen lässt als es je war, erscheint als Lichtgestalt einer Zeit, in der die Wissenschaften durchaus Finsteres geschaffen haben. Auch Einstein hatte zur Entstehung der Atombombe beigetragen und ihren Einsatz gerechtfertigt – es blieb das freundliche Gesicht, das erfrischende Denken, der sympathische Mensch. Weit entfernt jedenfalls von alledem, war wir uns unter einem Orakel vorstellen.

Verstorbene antworten gewöhnlich nicht. Tun sie es doch, sind es oft weniger ihre Antworten als unsere Fragen, die für Verwirrung sorgen. So geht es mit dem Orakel – drum heißt es auch so. Das Orakel ist, im übertragenen Sinne eine Maschine. Eine Verlängerung Einsteins in die Gegenwart. Eine, die durchaus wenig mit den derzeit omnipräsenten Einsteinzitaten zu tun hat. Obwohl es genau darum geht. Die Maschine spuckt Zitate aus; keineswegs wahllos, sondern nach unseren Fragen.

Die Maschine ist ein Computerprogramm. Die Zitate hat sie im Bauch. Sehr viele. Die Zitate sind klassifiziert: Worum geht es? In welches Umfeld gehören die Aussagen? Worauf könnten sie antworten? Das Verfahren scheint einfach. Man gibt eine Frage ein, die Maschine prüft die verwendeten Wörter, wählt eine Antwort und gibt sie aus. Allenfalls ahnt man, wie viel vorbereitende Arbeit dahinter steckt. Das aber ist nicht alles.

Weit darüber hinaus geht, dass die Maschine lernfähig ist. Sie wird durch die Benutzung besser. Jede Antwort kann durch die Fragesteller bewertet werden. Man kann, wenn die Antwort nicht traf, es erneut versuchen. Die Frage anders stellen. Wieder erhält man eine Antwort, wieder kann man mitteilen, was man davon hält. Je mehr Fragen beantwortet werden, desto besser werden die Antworten.

Eine nette, wenn auch etwas späte Spielerei zum Gedenkjahr? Es ist mehr als das. Nicht nur der Zitatenschatz des Orakels – alles Wissen liegt heute in Bruchstücken vor, ist zunehmend schwerer aufzufinden. In gewisser Weise ist das EinStein-Orakel ein konzentriertes Abbild des großen Orakels Internet. Wir fragen zum Beispiel Google, die Suchmaschine. Und auch Google liefert uns nicht irgendwas. Google ist ein Versuch, mit einer Datenmenge zurechtzukommen, die über einen Katalog nicht mehr zugänglich wäre – weil unsere Zeit nicht ausreicht, einen solch gewaltigen Katalog zu befragen. Aber Google lernt nicht aus unseren Fragen – wir haben zu lernen, Suchmaschinen intelligenter zu nutzen.

Wer das EinStein-Orakel befragt, wartet und es später wieder versucht, wird die Schaltflächen für das eigene Urteil bald zu schätzen wissen. Gedacht als – durchaus unterhaltsames – Kunstprojekt, wird es zur Frage nach dem Umgang mit dem gehäuften und dennoch zersplitterten Wissen unserer Welt überhaupt. Wir wollen, das sehen wir hier, selbst gefragt werden. Dafür kann das Orakel zum Symbol werden – oder diese Idee überhaupt ins Spiel bringen.

Fragen wir Google – und nicht Einstein – antwortet geradezu die ganze Welt. Aristoteles‘ Poetik und eine Schülerwebsite stehen nebeneinander. Auch das bildet das Orakel zumindest teilweise nach. Im „Steinkreis.“ Zu Albert Einstein gesellen sich weitere prominente Denker, weitere Zitatequellen, die alle zugleich antworten. Bislang sind Friedrich Schiller und Heinrich Heine dabei. Hätten die wirklich unsere Fragen beantwortet, wäre es wie ein Gespräch durch die Jahrhunderte.

EinStein und ein Steinkreis
Heute lesen sich die Antworten, z.B. auf die Frage „was ist Kunst?“ so:

Einstein: „Die religiösen Genies aller Zeiten waren durch diese kosmische Religiosität ausgezeichnet, die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gedacht wäre. Es kann deshalb auch keine Kirche geben, deren hauptsächlicher Lehrinhalt sich auf die kosmische Religiosität gründet. Es scheint mir, dass es die wichtigste Funktion der Kunst und der Wissenschaft ist, dieses Gefühl unter den Empfänglichen zu erwecken und lebendig zu erhalten.“

Heine: „Jede Zeit hat ihre Aufgabe, und durch die Lösung derselben rückt die Menschheit weiter.“

Einstein spricht von Aufgaben der Künste, Heine von Aufgaben überhaupt. Das Orakel ist lernfähig. Wer weiß, was es morgen ausgibt. Überdies ist ja noch Schiller dabei – und der antwortet dies: „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“

In diesem (beliebigen) Beispiel tun sich echte Widersprüche nicht auf – und wenn, so würde das Schillerzitat sie versöhnen. Und doch scheint bereits ein Gespräch zu entstehen, ein Gespräch der Fragmente; jedenfalls dann, wenn der Leser diese Antworten nicht bloß konsumiert, sondern bedenkt.

Die gleiche Frage an Google gestellt ergibt heute 69.200 Antworten. Viele davon näher an der Frage, viel näher. Aber dann wühlt man sich hindurch und hat seinen eigenen Kopf, erwartet, je weiter man klickt, konkreter in bestimmter Weise bedient zu werden. Zur Reflektion darüber lädt eher das Orakel ein – das gibt uns ein Bild dieser digitalen Welt.

Ortrun Blase hat die weite Welt des Klickibunti, der Fragmente und der Orientierung an Prominenten in einem Schauglas gefangen und dies zu einer eigenen Welt gemacht. Deren Oberfläche (in Macromedias Flash) ist schlicht und schön, hat wenig gemein mit dem, was man so häufig im Web findet, und unterstreicht die Geschlossenheit des Bildes, das in Wahrheit gar nicht geschlossen ist. Es ist die magische Kristallkugel der Wahrsagerin – die ebenfalls Symbol ist für die alltägliche Internetnutzung. Denn alle Welt erscheint da hinter dem einen Glas des Bildschirms. Jede Weisheit und jeder Schabernack kommt an einem Ort zusammen. Dem stehen (oder sitzen) wir gegenüber.

Das Interface des EinStein-Orakels ist somit rund.

Ortrun Blase: EinStein-Orakel. http://www.einstein-orakel.de