Ein Bild aus Wien 9

KAPITAL & KARMA

Aktuelle Positionen indischer Kunst

Kunsthalle Wien – Museumsquartier
bis 9. Juni 2002

Vor dem Hintergrund steigender Finanzierungsprobleme und miteinander konkurrierender Kunstinstitute mit ihrem Streben nach hohen Besucherzahlen und positiver Berichterstattung in den Medien, kommt derzeit kaum eine Ausstellungsankündigung ohne Superlative aus. So preist sich auch die derzeit in der Wiener Kunsthalle laufende Ausstellung „Kapital & Karma“ als die „bisher größte Präsentation indischer Gegenwartskunst im deutschsprachigen Raum“.
Die Zahl der ausgewählten KünstlerInnen mutet allerdings bescheiden an, angesichts der Größe des Landes und seiner sozialen und religiösen Wurzeln, die vielschichtiger kaum sein könnten. „Indien ist nicht irgendein wichtiges Land, sondern wahrscheinlich das wichtigste Land für die Zukunft der Welt“, stellte der britische Historiker E.P. Thompson bereits 1977, lange bevor Globalisierung überhaupt ein Schlagwort war, anläßlich seiner ersten Indienreise fest. Sämtliche großen Denktraditionen sind in dieser Gesellschaft präsent: Religionen wie Hinduismus, Islam, Christentum; weltliche Systeme wie Liberalismus, Marxismus, Sozialdemokratie oder Gandhi.

Für die Wiener Ausstellung haben die Kuratoren Angelika Fitz und Michael Wörgötter elf Gegenwartskünstler ausgewählt, die an der Schnittstelle zwischen eigener Tradition und westlichem Einfluß agieren. Keine der präsentierten Positionen ist hierzulande bekannt, geschweige denn durch die Beteilung an einer Dokumenta oder Biennale vorweg als markt- oder ausstellungstauglich eingeführt. Ohne den Anspruch repräsentativ zu sein, zeigt „Kapital & Karma“ vor allem die vielschichtigen Überlagerungen zwischen Tradition und internationalen Tendenzen, zwischen postkolonialer Gegenwart und virtuellem Anschluss an die restliche Welt. Gleichberechtigt stellen die KünstlerInnen „indische“ und „westliche“ Symbole nebeneinander und kombinieren lokale Erzählungen mit globalen Mythen: in dem für Indien klassischen Medium der Malerei ebenso wie in Fotografie, Video, Installation, konzeptioneller Malerei und digitaler Kunst.

Die durchschnittlich Ende der 50er und in den 60er Jahren geborenen KünstlerInnnen reagieren in ihren Werken auf die tiefgreifenden Veränderungen, denen Indien in den letzten Jahren ausgesetzt war: die seit 1991 massiv vorangetriebene „ökonomische Liberalisierung“ des Landes ist die primäre Verursacherin der enormen sozialen und kulturellen Umwälzungen, welche alle Bereiche des Privaten und des Kollektiven durchdringen. Durch die weitgehende Aufgabe der protektionistischen Wirtschaftspolitik und die Integration in den globalisierten Markt, hat sich Indien für ausländisches Kapital, für Technologie und Konsumgüter geöffnet. Die Grundfesten, auf denen die „hundertfünfzig Jahre von einem kleinen Land im Norden Europas beherrschte Nation“ (Robin Archer) 1947 errichtet wurde, etwa die Trennung von Staat und Religion oder die Bekämpfung der Armut durch Planwirtschaft, werden zunehmend erschüttert.

Parallel zu diesen Veränderungen entwickelt sich seit 1991 eine kritische, politisch engagierte Kunst, die nicht mehr in Abgrenzung vom Westen das „Indische“ sucht, sondern aktuelle gesellschaftliche Veränderungen in unterschiedlichen Medien reflektiert. So überrascht Atul Doiya mit gemalten Allegorien, die reich sind an Anspielungen auf Kunstgeschichte, Literatur und Film und voll politischer Finesse in ihren indirekten Kommentaren zu den Krisen des indischen Nationalstaats und seiner Gesellschaft. Die aus New Dehli stammende Fotografin Dayanita Singh beschäftigt sich in ihrer Serie „The Family Portrait“ mit einer neuen indischen Elite, die zwar ihr Geld in Indien verdient, den Anschluss aber an internationale Elitern sucht. Sie wirft einen Blick auf diese globalisierende Oberschicht und damit zugleich auf ihre eigene soziale Herkunft. Surendran Nair wiederum schuf seinen handkolorierten Radier-Zyklus „The Labyrinth of Eternal Delight“ unter dem Eindruck der erschreckend wirkungsvollen Vereinnahmung kultureller Ikonen, die die hinduistische Rechte für ihre Gewaltpropaganda betrieben hat. Er stellt dem machtkonformen „Zurechtschreiben“ von Geschichte eine Fülle von alternativen Erzählungen gegenüber.

Mit ihrer Konzeption betreten die beiden Kuratoren vom westlichen Standpunkt aus gesehen fast durchgehend einen weißen Fleck auf der Kunstlandkarte. Gleichzeitig gibt „Kapital & Karma“ das Spiegelbild einer paradoxen Situation: die Möglichkeiten für formal innovative und politisch engagierte Kunst steigen parallel zu Globalisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung, obwohl viele der präsentierten KünstlerInnen dieser Politik ablehnend gegenüber stehen.

Die Ausstellung bietet ein umfangreiches Rahmenprogramm mit thematischen Rundgängen, Filmen und Diskussionen.

Kunsthalle Wien
Halle 2, Museumsplatz 1
A-1070 Wien
Täglich 10-19 Uhr, Donnerstag 10-2 Uhr

Katalog zur Ausstellung, ca. 240 Seiten mit 99 Abbildungen, dt./engl.; Wien 2002, 28,– Euro.